«Nicht jeder Trump-Tweet ist News»

Audrey Cooper ist die jüngste Frau, die ein führendes US-Medium leitet: Wie sie das Phänomen Trump in den Griff bekommen will.

«Irritierende Tweets»: Eine Demonstrantin am Woman's March in Washington. (21. Januar 2017)

«Irritierende Tweets»: Eine Demonstrantin am Woman's March in Washington. (21. Januar 2017) Bild: Lucy Nicholson/Reuters

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Einer Ihrer Leitsprüche als Chefredaktorin lautet: «Es ist nicht unser Job, unseren Lesern das zu sagen, was sie hören wollen.» Klingt gut – aber warum sollte ich für eine Zeitung zahlen, die mich nur aufregt?
Ich glaube, es ist bereichernd, Dinge zu hören zu bekommen, mit denen man nicht einverstanden ist. Das ist der einzige Weg, sich eine fundierte Meinung zu bilden. In unserer heutigen Ausgabe haben wir zum Beispiel eine Kolumne von einem sehr konservativen Journalisten publiziert. Er argumentierte, dass Barack Obamas Iranpolitik verfehlt gewesen sei und dass Donald Trump unser Land viel besser positioniere. Ich bekam eine Tonne E-Mails von Leuten, die schrieben: Der Typ spinnt. Aber zumindest mussten die Leser sich für einen ­Moment mit ihm auseinandersetzen – und konnten so ihre eigene Meinung schärfen.

Wenn Sie zu viele Artikel publizieren, die dem Publikum nicht passen, verlieren Sie es.
Wir reden ja nicht von unserer ganzen Zeitung. Wenn sich der «Chronicle» in eine Stimme der sogenannten Alt-Right verwandelte – ja, dann würden wir Leser verlieren. Aber bei uns erscheinen ja auch Artikel von links aussen und Mitte-links. Wenn Sie bei uns nicht mindestens einen Artikel pro Woche lesen, mit dem Sie nicht einverstanden sind, machen wir unseren Job nicht richtig.

Die Fakten sind nicht wabbelig, sie werden nur so dargestellt.

Seit der Wahl von Donald Trump sind früher unbestrittene Fakten wabbelig geworden. Wie geht man damit um?
Die Fakten sind nicht wabbelig, sie werden nur so dargestellt. Das Problem ist, dass das Vertrauen in die Medien derart gesunken ist, dass manche Leute selbst bei Faktenfragen aufgehört haben, ihnen zu glauben.

Weshalb diese Krise?
Ich glaube, dass in unserem Land das Übergewicht von Fernsehen und Radio eine sehr gefährliche Entwicklung ist. Die Leute tun oft nebenbei etwas anderes, fahren Auto, machen das Abendessen für die Kinder. Eine meiner besten Freundinnen arbeitet beim Radio. Einmal war ich im Auto unterwegs, ich hörte einen Beitrag von ihr – und merkte erst in der Hälfte, dass sie es war. Ich war so abgelenkt, dass ich sie nicht erkannte. Danach fing ich an, sorgfältiger Radio zu hören und TV zu schauen.

Was sahen und hörten Sie?
Was unsere Radio- und TV-Stationen teilweise senden, würde ich niemals zum Druck freigeben. Dieses Material schneiden die Leute nebenbei mit, und es sät Zweifel in ihnen. Ein Leser hat mich gefragt, welchen TV-Sender ich ihm empfehlen würde. Ich glaube, keiner macht im Moment seinen Job besonders gut. Ich komme aus Kansas, mein Vater ist ein Republikaner, ein Konservativer. Er ist nicht verrückt, er findet es nicht gut, wenn unser Präsident damit prahlt, ungestraft Frauen sexuell belästigen zu können. Er glaubt an eine schwache Regierung und tiefe Steuern. Mein Vater würde niemals CNN schauen. Punkt. Alle Sender reden momentan nur mit ihrer eigenen Basis, und der Graben zwischen den Lagern wird tiefer.

«Die Idee, dass es eine Verschwörung unter den Medien geben könnte, ist Unsinn»: Audrey Cooper in ihrem Büro beim «San Francisco Chronicle». (Bild: Carlos Chavarria)

Auch in Print- und Onlinemedien finden sich Fehlinformationen. Auch für informierte Leser wird es schwerer, abzuschätzen, was stimmt.
Die Idee, dass es eine Verschwörung unter den Medien geben könnte, ist Unsinn – wir sind uns nicht einmal darüber einig, wie wir Kommas setzen. Die ganze Industrie ist sehr chaotisch. Wenn es eine Verschwörung gibt, dann sicher keine absichtliche. Dazu kommt, dass falsche Fakten und Desinfor­mation zwei verschiedene Dinge sind. Ich glaube nicht, dass seriöse Medien Desinformation betreiben. Ich selbst habe gar keine Zeit, meinen Journalisten ständig zu befehlen, was sie zu schreiben haben. Die Organisation ist stark von unten getrieben. Hingegen können falsche Fakten immer wieder auftauchen. Etwa, als die «New York Times» schrieb, dass die Regierung Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak besitze. Als diese Artikel in den Druck gingen, gingen die Reporter davon aus, dass die Informationen stimmten. Ich sage immer: Wir schreiben nur den ersten Entwurf von Geschichte.

Wie packen Sie das Phänomen Trump an?
Als der Präsident sein Amt antrat, unterschrieb er innert Tagen all diese Dekrete. Wir lasen auf der Redaktion die Texte, aber niemand von uns wusste: Was bedeutet das nun genau? Unterdessen flippten die Leute auf Social Media aus. Plötzlich gab es Proteste an Flughäfen, Einreisende wurden an Grenzen angehalten. Es war unglaublich schwierig, herauszufinden, was nun genau stimmte. Unser Instinkt wäre, abzuwarten, bis wir die Fakten bis ins letzte Detail kennen – aber das funktionierte mit Trump nicht mehr: Die Leser drehten durch und wollten wissen, was los war, während wir noch nichts publiziert hatten.

Wie reagierten Sie?
Wir haben ein neues Onlinesegment eingeführt: «Trump Today». Darin legen wir offen, was wir wissen – und was nicht. Bei Trumps berühmtem Einwanderungsdekret hiess es zum Beispiel, dass Immigranten einer «extremen Überprüfung» unterliegen sollen – was bedeutet das genau? Wir wussten es nicht, und das schrieben wir auch so. Auf diese Weise wollen wir falsche Gerüchte stoppen.

Sind Donald Trumps Tweets berichtenswert?
Manche sind es. Aber nicht jeder Tweet ist News – manche sind einfach nur irritierend. Donald Trump ist der Präsident der Vereinigten Staaten, was er sagt, ist wichtig. Wir müssen aber nicht jedes Mal einen Artikel schreiben, wenn er Arnold Schwarzenegger beleidigt.

Solche Geschichten laufen gut.
Das ist mir egal. Irgendjemand schreibt diese ­Geschichten schon auf – wir tun es nicht.

Sie arbeiten in der Bay Area, wo die neuen Internetkönige gross geworden sind. Wie gut macht Mark Zuckerberg seine Arbeit als Facebook-«Chefredaktor»?
Mark Zuckerberg würde Ihnen sagen, Facebook sei kein Medienhaus.

Ich habe Sie gefragt.
Offensichtlich ist Facebook ein Medienunternehmen! Und ebenso offensichtlich spielt Facebook die Hauptrolle, wenn sich die Timelines der Nutzer mit erfundenen News füllen. Ich glaube aber auch, dass die Techfirmen das Problem lösen können. Facebook und Twitter haben jede Menge Journalisten angestellt, um herauszufinden, wie sie mit Fake-News umgehen sollen. Bedenken Sie: Nachrichten helfen Facebook, die Leute auf der Plattform zu halten. Viele Nutzer kommen deswegen auf die Seite zurück. Es ist also im Interesse des Unternehmens, «gute» News anzubieten. Ich glaube deshalb, dass Facebook mehr und mehr versuchen wird, jene Leute zu stoppen, die das System austricksen und Desinformation verbreiten.

Ihr Auftrag ist es, den «Chronicle» fit für die Zukunft zu machen. Was ist die wichtigste Veränderung, die Sie vorgenommen haben?
Die Kultur des Newsrooms zu ändern – was unglaublich schwierig war. Es gab keine Kultur, in der neue Ideen belohnt wurden. Ich selbst rede von nichts anderem: Was ist die nächste verrückte Idee, die wir ausprobieren wollen? Wir haben zum Beispiel einen Dokumentarfilm über Aidsüberlebende aus den 80er-Jahren gedreht und an die Filmfestivals gebracht. Aber wenn Sie mich vor drei Jahren gefragt hätten: «Audrey, wie läufts?» Dann hätte ich gesagt: «Uff, das ist so schwierig.» Die Leute waren richtig wütend.

Wie ändert man die Kultur einer Redaktion?
Journalisten haben Respekt vor niemandem und hinterfragen alles. Dafür bezahlen wir sie ja. Gleichzeitig mögen sie keine Veränderungen. Wir haben deshalb den «Inkubator» lanciert: Wir nehmen einige Reporter aus diesem Gebäude heraus, stecken sie in eigene Räumlichkeiten und sagen ihnen: Sorgt euch mal nicht um eure Storys. Überlegt euch, wie man dies oder das anders machen könnte.

Haben Sie Leute rausgeworfen, die nicht zu Ihrer Vision passten?
Seit ich hier bin, habe ich 63 Leute angestellt oder befördert. Bei konstant 200 Reportern.

Moment: Heisst das, dass Sie fast ein Drittel der Belegschaft entlassen haben?
Nein – manche wurden pensioniert, manche kündigten von sich aus, und manchmal mussten wir auch dieselbe Stelle mehrfach besetzen. Es ist hier schwierig, Reporter zu halten, die über das Internet schreiben – ausser man zahlt ihnen einen verrückten Lohn. Aber ja, manche waren mit meinem Programm nicht einverstanden.

Die Wahl des neuen Präsidenten bringt wieder mehr Leute dazu, die klassischen Medien wertzuschätzen.

Wie wollen Sie Ihre Qualität bewahren, wenn immer weniger Leute für News zahlen?
Der «Chronicle» ist eine der wenigen Zeitungen in den USA, die keine Umsätze verlieren. Wir legen Jahr für Jahr zu. Wir betreiben zwei Websites: SFGate.com ist frei zugänglich. Und auf SFChronicle.com publizieren wir unsere besten Artikel, hinter einer Bezahlschranke. Die Hälfte unserer Einnahmen kommt inzwischen aus dem Digitalen.

Die junge Generation zahlt kaum noch.
Glauben Sie, dass 16- bis 25-Jährige vor 30 Jahren Geld für Zeitungen ausgegeben haben? Das sind nicht meine Leser. Die Leser, die ich will, sind Mitte oder Ende dreissig. Sie beginnen, Karriere zu machen, sie kaufen ein Haus, sie denken politisch – das sind exakt jene Leute, auf welche Zeitungen schon immer gezielt haben. Unter 25 hat man andere Probleme – die Uni, die Freundin, was man donnerstagnachts um 3 Uhr unternehmen soll. Ich glaube, dass die Wahl des neuen Präsidenten wieder mehr Leute dazu bringt, die Leistung der klassischen Medien wertzuschätzen. Die Abozahlen von «New York Times» und «Washington Post» zeigen nach oben.

Als das Angebot kam, die Leitung des «Chronicle» zu übernehmen, waren Sie im achten Monat schwanger. 2000 E-Mails pro Tag warteten auf Sie, 200 Reporter-Egos und eine Zeitung, die es neu zu erfinden galt. Was überlegten Sie sich?
Ich wollte diesen Job seit langer Zeit. Ich wollte die Kontrolle haben über die Zukunft dieser Zeitung. Ich glaube, ich habe eine gute Vorstellung über die Zukunft der News-Industrie und was wir tun müssen, um dorthinzukommen. Und es war Zeit, dass die Zeitung eine Leitung bekommt, die sich nicht nur an der gedruckten Ausgabe orientiert.

Wie gut ist Ihnen die Balance zwischen Job und Familie gelungen?
Ich bin nicht sicher, ob irgendeine Frau diese Ansprüche gut ausbalancieren kann. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es irgendein Mann kann – aber aus irgendeinem Grund sprechen wir immer nur bei Frauen darüber. Es stört mich nicht, weil ich finde, dass mehr Frauen darüber reden sollten. Mein Mann, der als Unternehmer arbeitet, übernimmt mindestens 70 Prozent der Hausarbeit. Er bringt das Kind zur Schule, er ist abends zuerst zu Hause. Ich habe eine Regel: Ich mache nicht mehr als drei Abend-Events pro Woche. Haben Sie Kinder?

Nein.
Als ich den Schwangerschaftstest machte und die kleine Linie auftauchte, habe ich meinem Mann gesagt: «Ich will einige Bedingungen diskutieren.»

Das war Ihr erster Satz?
Das war mein erster Satz.

Wie reagierte Ihr Mann?
Er sagte: «Okay, lass es uns diskutieren.» Und ich sagte: «Mein Job ist mir sehr wichtig. Du musst mindestens 50Prozent der Kinderarbeit übernehmen, wahrscheinlich viel mehr.» Er war einverstanden – und er macht es grossartig. Wenn Sie meinen Mann treffen würden, verstünden Sie, weshalb es unser Sohn bevorzugt, mit ihm abzuhängen statt mit mir.

Und wie denkt Ihr CNN meidender Vater darüber, dass seine Tochter ausgerechnet eine liberale Zeitung leitet?
In unserer Familie kann es zu leidenschaftlichen Diskussionen kommen – meistens geht es um Regierung und Regulierung. Aber um die Wahrheit zu sagen: Meine Eltern sind einfach nur stolz auf mich.

Erstellt: 25.02.2017, 10:16 Uhr

Audrey Cooper

Chefredaktorin

Die Amerikanerin Audrey Cooper arbeitet seit 2006 beim «San Francisco Chronicle». Sie begann im Lokalressort. Der «Chronicle», gegründet 1865, ist Nordkaliforniens grösste Zeitung. Im Januar 2015 wurde die 39-Jährige, die aus Kansas stammt, zur Chefredaktorin ernannt. (ms)

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