«Niemand gibt sein Kind aus Freude weg»

Werden Neugeborene zur Adoption freigegeben, springen Übergangspflegefamilien ein. Zwei Paare erzählen von der Freude, wenn ein Baby kommt – und der Trauer, wenn es geht.

Mama und Papa auf Zeit: Andrea und Adrian Bolleter haben momentan das sechste fremde Baby in ihrer Obhut. Foto: Seraina Boner.

Mama und Papa auf Zeit: Andrea und Adrian Bolleter haben momentan das sechste fremde Baby in ihrer Obhut. Foto: Seraina Boner.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Wohnzimmer von Andrea und Adrian Bolleter steht eine Babyhängematte. Auf dem Fussboden liegen Spielsachen, und auf dem Küchentisch ist eine Flasche mit Milch bereitgestellt. Alles deutet darauf hin, dass das Wetziker Paar vor kurzem Nachwuchs bekommen hat. Und das ist tatsächlich so – nur handelt es sich dabei nicht um ihr eigenes Kind.

Das Baby, das die 49-Jährige im Wickeltuch am Körper trägt, ist erst wenige Monate alt. Weil sich die leibliche Mutter nicht um das Neugeborene kümmern kann, wurde es in die Obhut der Bolleters gebracht. Als sogenannte Übergangspflegefamilie kümmern sie sich im Auftrag des Vereins Tipiti so lange um das Kind, bis es über dessen Zukunft Gewissheit gibt (siehe Box rechts).

Als Übergangspflegefamilie übernimmt das Paar eine verantwortungsvolle Aufgabe, bei der Freud und Leid nahe beieinanderliegen. Da ist der Glücksmoment, wenn man das Baby nach der Geburt in die Arme nehmen kann, und da ist der Schmerz, wenn man vom neuen Familienmitglied wieder Abschied nehmen muss.

Das fünfte Mal Eltern auf Zeit: Rahel und Hugo Keller wissen nie genau, wie lange das Kind bei ihnen bleibt. Foto: Seraina Boner

Andrea und Adrian Bolleter hat diese emotionale Achterbahnfahrt nicht von dieser Aufgabe abgehalten. Bewusst entschieden sie vor viereinhalb Jahren, sich als Übergangsfamilie zu engagieren. Der Zeitpunkt sei perfekt gewesen, sagt die vierfache Mutter. «Unsere eigenen Kinder waren inzwischen gross, und ich habe nach einer Beschäftigung gesucht.» Weil sie 30 Jahre lang nicht mehr berufstätig war, sei der Wiedereinstieg als Verkäuferin schwierig gewesen. Als sie durch Freunde dann von der Übergangspflege erfuhr, fand sie Gefallen an der Idee. Ein paar Monate später steckte sie damit Rahel und Hugo Keller aus Hittnau an.

Auch die 49-jährige Hittnauerin suchte nach einer neuen Aufgabe. Ihre eigenen vier Kinder waren volljährig, der Wiedereinstieg ins Berufsleben nicht leicht. Der 57-jährige Hugo Keller sagt: «Die Übergangspflege schien uns eine sehr sinnvolle Aufgabe.» Eine erzieherische Funktion müsse man nicht übernehmen. «Es geht vor allem darum, den Babys viel Liebe und Zuneigung zu geben.» Die ganze Familie habe das Vorhaben unterstützt. Und Kellers haben sich ebenfalls beworben.

«Vorbereiten konnten wir uns nicht. Es ging ruckzuck.»Hugo Keller, Übergangsvater

An das erste Kind kann sich Andrea Bolleter noch gut erinnern. «Wir hatten kaum Zeit, uns darauf vorzubereiten. Die Baby-Nachricht kam von heute auf morgen.» Sie und ihr Mann seien gleich ins Spital gefahren. Erinnerungen wurden wach. Und als sie den Nachwuchs in den Armen hielten, wurden sie von Emotionen überwältigt. Auch beim Nacherzählen fehlen Adrian Bolleter fast die Worte: «Es war ein sehr spezielles Gefühl, als ob es unser eigenes Kind gewesen wäre.» Im Umfeld habe der Nachwuchs für lustige Reaktionen gesorgt. «Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich erneut Vater oder schon Grossvater geworden sei.»

Im Sommer 2015 war es auch bei Familie Keller so weit. Das Telefon klingelte. Der Verein suchte dringend nach einem Platz für ein neugeborenes Mädchen. «Vorbereiten konnten wir uns nicht. Es ging ruckzuck. Alles drehte sich nur noch um das Kind. Alles andere war nicht mehr wichtig», sagt Hugo Keller.

«Niemand gibt sein Kind aus Freude weg. Die Eltern befinden sich teils in sehr schwierigen Situationen.»Adrian Bolleter, Übergangsvater

Bei einem Kind ist es in den beiden Familien nicht geblieben. Bolleters haben nun schon das sechste und Kellers das fünfte Kind in ihrer Obhut. Wie lange die Babys jeweils bei ihnen bleiben, wissen sie nicht. Das können wenige Wochen oder bis zu zwei Jahre sein – ganz abhängig davon, wie schnell darüber entschieden wird, ob das Kind zu den leiblichen Eltern, zu einer Adoptivfamilie oder zu einer Langzeitpflegefamilie kommt.

Die Übergangspflegefamilien erhalten ein Entgelt. Medizinische Abklärungen und Arztbesuche übernimmt die Sozialhilfe. Des Geldes wegen mache man diese Aufgabe nicht, sagt Adrian Bolleter. «Es ist ein 24-Stunden-Job und kostet uns viel Anstrengung. Und trotzdem machen wir es gern.»

Moma und Üpa

Rahel und Hugo Keller sehen ihre Aufgabe auch darin, zwischen den Kindern und den Adoptiveltern Brücken zu schlagen und Verständnis zu schaffen. Für die Bauchmamis – so nennt der 57-jährige Hugo Keller die leiblichen Mütter – habe er vollsten Respekt. Sie zu kritisieren, wäre auch aus Sicht der Bolleters fehl am Platz. Adrian Bolleter sagt: «Niemand gibt sein Kind aus Freude weg. Die Eltern befinden sich teils in sehr schwierigen Situationen.»

Beide Familien sprechen vor den Kindern offen über deren Schicksal. «Wir machen kein Geheimnis daraus, dass wir nicht ihre richtigen Eltern sind», sagt Rahel Keller. Um keine Missverständnisse zu schaffen, hätten sie sich selbst sogar Übernamen ausgedacht. So stellen sie sich den Kindern als Momentan-Mami, kurz Moma, und als Übergangs-Papi, kurz Üpa, vor. «Wir möchten ihnen nichts vorspielen, sondern ihnen Mut für die Zukunft machen.»

Jedes Mal ein Stich ins Herz

Während der Übergangspflege halten die Familien ihre Erfahrungen und Erlebnisse dokumentarisch fest. Mit Notizen und Fotos werden Tagebücher für die Kinder gestaltet. Für den Verein Tipiti und die Adoptiveltern gibt es einen Entwicklungsbericht. «Die Kinder sollen später keine Lücken in ihrem Lebenslauf haben, sondern nachvollziehen können, was mit ihnen geschah», erklärt Andrea Bolleter.

Für den Moment des Abschieds müsse man immer gewappnet sein, auch wenn der Wechsel zu den Adoptiveltern nicht urplötzlich geschehe. «Ich werde mich trotzdem nie daran gewöhnen. Es ist jedes Mal ein Stich ins Herz, wenn es so weit ist», sagt Andrea Bolleter.

«Der Abschied ist nicht leichter geworden, ganz im Gegenteil.»Rahel Keller, Übergangsmutter

Den Kontakt mit den neuen Eltern des Kindes baue man langsam auf. Bei gemeinsamen Treffen werden offene Fragen geklärt und das Kind auf den neuen Lebensabschnitt vorbereitet. «Noch vor vier Jahren war das anders. Wir mussten das Baby von heute auf morgen der neuen Familie übergeben und durften es die ersten Monate nicht wiedersehen. Das war sehr hart, und ich habe viel geweint», so Andrea Bolleter.

An diesen Gefühlen habe sich bis jetzt nicht viel geändert, sagt Adrian Bolleter. «Wenn meine Frau das Kinderbett neu bezieht, hat sie jedes Mal Tränen in den Augen. Dann ist der Abschied endgültig.» Um sich emotional zu distanzieren und wieder neue Kräfte zu sammeln, würden sie danach jeweils eine Pause einlegen und verreisen.

Auch Rahel Keller und ihr Mann wühlen die Abschiede emotional auf – egal wie oft sie diese Situation schon erlebt haben. Rahel Keller sagt: «Da hilft auch unsere Erfahrung nichts. Es ist nicht leichter geworden, ganz im Gegenteil.» Der Abschied sei immer mit Trauer verbunden. «Ich rufe mir dann aber jeweils ins Gewissen, dass es nicht um mich, sondern ums Kind geht», sagt Rahel Keller. Und trotzdem wird es wohl auch bei ihrem jetzigen Kind nicht die letzte tränenreiche Trennung sein.

Erstellt: 26.06.2019, 14:53 Uhr

Kesb entscheidet

Neugeborene, deren Eltern beabsichtigen, ihr Kind zur Adoption freizugeben, werden in den meisten Kantonen der Deutschschweiz direkt nach der Geburt von einer Übergangspflegefamilie betreut. Die Platzierung des Kindes liegt in der Kompetenz der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb). Diese wird bei ihrem Entscheid von der Fachstelle Pflege- und Adoptivkinder Schweiz beraten.

Kommt das Kind zu einer Übergangspflegefamilie von Tipiti, bleibt es dort so lange, bis klar wird, ob es bei Adoptiveltern, bei den leiblichen Eltern oder in einer Langzeitpflegefamilie aufwachsen wird. Letzteres ist dann der Fall, wenn die leiblichen Eltern das Kind nicht zur Adoption geben möchten, selbst aber zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage sind, sich um das Kind zu kümmern. Der Verein Tipiti hat in der Deutschschweiz einen Pool von 20 Übergangspflegefamilien, die auf die Kantone St. Gallen, Zürich, Schwyz, Aargau und Bern verteilt sind. Mehr Informationen sind unter www.tipiti.ch zu finden.

Artikel zum Thema

Kesb platziert weniger Kinder

Im Kanton Zürich geht die Anzahl der Fremdplatzierungen von Minderjährigen seit 2014 zurück. Andere Lösungen werden wichtiger. Mehr...

Der Name der Mutter bleibt geheim

SonntagsZeitung Um Schwangere und Mütter in Not besser zu schützen, setzt der Bundesrat auf die vertrauliche Geburt. Mehr...

Wer das Mutterglück verdoppeln will 

Mehr Gesuche für Stiefkindadoptionen: Ein Grossteil der Anträge stammt von gleichgeschlechtlichen Paaren. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...