Noch immer brennen Scheiterhaufen

Wieso brauchen wir eigentlich Sündenböcke? Das Landesmuseum Zürich zeigt eine gelungene Ausstellung über die kollektive Gewalt gegen Einzelne – anschaulich und düster.

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Eine Schar Totenschädel starrt von der hohen, rohen Betonwand. «Weshalb wir?», scheinen sie zu fragen – sie, die für all die Seelen stehen, die des Heiles wegen geopfert wurden. Warum bloss – und das seit Jahrtausenden? Dieser Frage geht die Ausstellung «Sündenbock» im Landesmuseum auf den Grund.

Düster ist es in den Räumen des Neubaus. Unheilvoll dringt die Musik des Audioguides ins Ohr. Auf einem Steinrelief wird der Körper eines Mannes aus dem alten Ägypten aufgeschlitzt. Kälteperioden, Hunger, Dürre, Armut, Fluten, Krankheiten, Neid, Eifersucht, Rivalität –Gründe für Krisen gab es seit je viele. Ein Menschenopfer sollte es richten, und bei erneuter ­Krise wurde die Opferung wiederholt. Diese Kanalisierung der Gewalt sollte die Selbstzerfleischung der Gesellschaft verhindern, sie gar heilen. So entstanden grausame Rituale.

Pfahlbauer zerstückelten, Kelten ertränkten, strangulierten und verbrannten, Griechen zerrissen und kochten ihre Opfer – oft Schwache, Aussenseiter, Fremdlinge, Frauen und Kinder. Ein Schrumpfkopf, samt Haaren, zeigt, wie eifrig die Täter waren – gewürgt und erschlagen wurde die Frau 200 nach Christus, bevor sie im Moor versenkt und dort konserviert wurde.

Die Hetze zwischendurch

Mehrfachmorde waren ein typisches Merkmal von Ritualmorden. In den ausgestellten alten Schriften ist zu lesen, dass man versucht habe, davon loszukommen, aber das eine geopferte Rind habe eben nicht gleich Wirkung gezeigt. Der rituelle Wahnsinn ging also weiter, zwischen den an die Decke gespannten schwarzen Drahtsträngen – rein szenografisch, um die neuen Räume etwas abzutrennen und trotzdem eine offene Ausstellung zeigen zu können. Als Besucherin fühlt man sich gefangen im Netz jener, die Sündenböcke machen.

Auf einmal schwebt Jesus von der Decke. Die Erlösung? Tatsächlich zeigen die biblischen Texte, dass die Menschen versuchten, ihre Sünden auf einen Bock zu übertragen, bevor sie ihn in die Wüste schickten. Die Leidensgeschichte Jesu lässt erstmals die Perspektive der Gehetzten zu – und Mitleid mit ihnen.

Dann setzt der nächste Choral ein, reisst einen fort in den Wahnsinn, der noch immer kein Ende genommen hat. Dazu brennen Hexen, Homosexuelle und Juden auf Scheiterhaufen. In jedem beleuchteten Kubus wartet eine neue Grausamkeit: Berlin, Trento, Genf, Zürich und Glarus (Anna Göldi).

Werden wir je ein neues Wesen schaffen, das unsere Sünden in die Wüste trägt?

Es passierte nicht einfach in einer früheren, dunklen Zeit. Mittelalterliche Scheiterhaufen brennen noch heute, einfach anders. Es sind nicht immer die anderen, auch wir befeuern sie im Kollektiv. Wir hetzen mit, stimmen Hetze laut oder still zu – oder greifen nicht ein. Das Konzept des Sündenbocks übt eine dunkle Faszination aus.

Das zeigt der letzte Raum voller Geschichten, die den Weg in die Medien gefunden haben und ausgedruckt und kommentiert an der Wand hängen. Geschichten über Gewalttäter aus den USA, die nicht verurteilt wurden, weil sie Gewalt gegen einen Schwarzen ausgeübt hatten, über ­Angriffe auf orthodoxe Juden in Zürich, Betroffene sexueller Belästigung, die verhöhnt wurden und sich daraufhin das Leben nahmen, zusammengeschlagene Asylbewerber, denen niemand half, der Abgang von Elisabeth Kopp, die Karikatur von Tamara Funiciello. Die Hetze zwischendurch, die wir uns eben gönnen, wird Peter Sloterdijk ins Ohr ­zitiert.

Werden wir je ein neues Wesen schaffen, das unsere Sünden in die Wüste trägt, anstatt dass wir sie auf unsere Mitmenschen laden? Oder werden wir weitermachen – und so den letzten Raum der Ausstellung imaginär weiter mit neuen Beispielen tapezieren müssen, etwa mit Artikeln über die fremdenfeindlichen Kostüme an der Fasnacht beziehungsweise die bissigen Reaktionen darauf?

Wann sind wir Täter?

Wie kann man ausbrechen? Man hofft, Antworten in einem roten Kartonheft zu finden, das am Ende des Rundgangs aufliegt. «Eifersucht» steht darauf, das Heft ist zugebunden mit einer schwarzen Schleife. «Ich will Jesus selbst begraben», singt eine Männerstimme Johann Sebastian Bach. «Der Pestbazillus stirbt nie», sagt Albert Camus. Hastig bindet man die schwarze Schlaufe zu, um diese böse Prophezeiung wieder einzusperren.

Im Buch finden sich auch Gedanken von René Girard zu seiner «mimetischen Theorie»: Menschen ahmen einander nach, auch bei der Gewalt. Ein Opfer erlöst sie. Die Schau orientiert sich an seinem Sündenbockmechanismus, mittels dessen der 2015 verstorbene Philosoph jüngere Gewaltexzesse im Nahen Osten vorausgesagt hatte.

Aus der Ausstellung kommt man raus und bleibt trotzdem gefangen. Da ist diese Gewissheit über den Ausweg, die man gern übersieht und mit grösseren Geschichten zu überdecken versucht: Es liegt auch an uns. Wann sind wir Täter? Werden wir darauf einsteigen, wenn der nächste Sündenbock durch die Strassen – die realen und medialen – gejagt wird?

Ausstellung «Sündenbock», Landesmuseum Zürich, 15.03.-30.06.2019, mehr Informationen hier.

Erstellt: 15.03.2019, 06:19 Uhr

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