Porträt

Normal arbeiten mit Behinderung

Schweizer Hochschulen stehen heute Menschen mit Behinderung weitgehend offen. Schwieriger ist es, sich nach dem Studium in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Doch es gibt vielfältige Hilfe.

Hat Journalismus studiert und hofft auf eine Stelle bei Radio Freiburg: Der sehbehinderte Yves Kilchör.

Hat Journalismus studiert und hofft auf eine Stelle bei Radio Freiburg: Der sehbehinderte Yves Kilchör. Bild: Béatrice Devènes

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Yves Kilchör ist ein normaler Student: Er lebt in einer WG, hat einen Nebenjob, versucht auf dem Heimweg im Zug schon Aufträge für den nächsten Tag zu erledigen, macht Sport und möchte einen ­guten Abschluss erreichen. Nur tut der 25-Jährige dies alles mit einem Sehvermögen von zwei Prozent. «Auf zwei Meter sehe ich etwa so viel wie ein Sehender auf 100 Meter», erklärt er. Der Student nimmt seit seiner Geburt nur auf dem rechten Auge Farben wahr.

Diesen Sommer wird er voraussichtlich sein Studium in Journalismus und Organisationskommunikation an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur abschliessen. Es fehlen ihm noch die drei letzten Prüfungen und die Bachelorarbeit, um anzufangen, sich als Journalist zu bewerben. «Ich wollte schon als Kind Radio machen», erklärt Kilchör. Während der Schulzeit in der Stiftung für blinde, sehbehinderte Kinder und Jugendliche in Zollikofen gründete er mit einem Freund Radio Blind Power, das bis heute im Internet eigene Formate und Musik sendet: «Sehbehinderte können Radio machen, das haben wir bewiesen», sagt er.

Der gebürtige Freiburger lebt heute in Bern und arbeitet seit seinem Praktikum bei Radio Freiburg – derzeit als Freelancer. Dank einer Software, die die Schrift auf den Bildschirmen stark vergrössert, kann er die Redaktionscomputer benutzen. Nur Recherchen an Orten, die man nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann, sind problematisch. «Im Sommer wird entschieden, was möglich ist und ob ich eine Stelle bei Radio Freiburg bekomme», sagt er.

Die IV unterstützt Arbeitgeber

Yves Kilchör wusste, dass der Eintritt in die Arbeitswelt eine schwierige Phase ist. «Ich wollte dazu möglichst früh alle im Boot haben», sagt er. Damit meint er vor allem die Invalidenversicherung (IV) und seine langjährige Beraterin von der Stiftung Zollikofen, Margaretha Glauser. Die Heilpädagogin begleitet rund 20 Personen mit Sehbehinderung: «Der Übergang in den Arbeitsmarkt muss bei Studierenden mit Behinderung gut begleitet werden, das haben auch die IV-Stellen erkannt», meint sie.

Student Yves Kilchör hat das Ziel, am Ende so selbstständig zu arbeiten, «dass die IV nichts mehr von mir mitbekommt». Er hat noch nie eine Rente bezogen und möchte dies auch möglichst nie tun. Zur Unterstützung der Eingliederung von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt setzt die IV Anreize für Arbeitgeber, indem sie etwa die Kosten für Hilfsmittel übernimmt, welche die Personen an ihrem Arbeitsplatz brauchen. Zudem wird dem Arbeitgeber ein Einarbeitungszuschuss geleistet.

Alternative Szenarien festgelegt

Studierende mit Hochschulabschluss bringen wichtige Fähigkeiten mit, betont Olga Meier-Popa, die die Fachstelle Studium und Behinderung an der Universität Zürich leitet: «Mit den meisten Behinderungen braucht es enorm viel Motivation, Willensstärke und Durchhaltevermögen, um ein Studium abzuschliessen. Das sind wichtige Voraussetzungen für die Arbeitswelt», sagt sie. Die Fachstelle Studium und Behinderung war die erste Stelle dieser Art in der Schweiz. Jährlich gehen hier rund 120 Anfragen von Studierenden mit studienrelevanten Beeinträchtigungen ein.

Yves Kilchör freut sich auf seinen Schritt in die Arbeitswelt. Von der IV und von Radio Freiburg fühlt er sich gut unterstützt. «Trotz allen Engagements braucht es immer Leute, die an mich glauben und sich deshalb auch mal länger Zeit für mich nehmen. Solche Chefs habe ich im Moment», sagt er. Falls es mit dem Job beim Radio nicht klappen sollte, hat er sich Alternativszenarien ausgedacht: Noch ein Praktikum, ein Auslandsaufenthalt oder eine Stelle in der Kommunikation wären Möglichkeiten.

Erstellt: 27.05.2013, 06:47 Uhr

Laura Marti (28)

Master in Rechtswissenschaften, Universität Bern. Schwerhörig.

«Ich habe vor zwei Jahren mit dem Master in Rechtswissenschaften abgeschlossen. Momentan bereite ich mich auf die Anwaltsprüfung vor. Den Start ins Berufsleben könnte ich mir in der Verwaltung gut vorstellen. Von Nichtbehinderten weiss ich, dass die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt nicht zu unterschätzen ist. Bei mir könnte es als Nachteil ausgelegt werden, dass mir komplizierte Telefongespräche Schwierigkeiten bereiten. Für ein optimales Verstehen bin ich auf Sichtkontakt angewiesen. Ich bevorzuge daher das persönliche Gespräch oder die schriftliche Kommunikation per E-Mail. In meinen Praktika habe ich in schwierigen Situationen meine Arbeitskollegen um Unterstützung gebeten. In der Regel erwähne ich in der Bewerbung meine Schwerhörigkeit nicht, ich weise aber zu Beginn des Vorstellungsgesprächs darauf hin.»

Alex Jenter (32)

Bachelor Industrial Design, Zürcher Hochschule der Künste. Seit fünf Jahren im Rollstuhl.

«Am Anfang fielen mir die beruflichen Möglichkeiten nur so in den Schoss. Ich gewann einen Studentenwettbewerb, konnte im Start-up von Freunden ein Praktikum machen und arbeitete drei Monate bei einer Agentur. Als Industriedesigner entwerfe ich die Oberfläche zwischen einem Produkt und seinem Benutzer. Das können Objekte von Zahnbürsten bis hin zu Trams sein. Es gibt aber nicht viele Stellen in der Branche. Seit drei Monaten bin ich nun auf der Suche. Im Jobvermittlungsprogramm der IV konnten die Berater schnell einschätzen, wo ich arbeiten will, und liessen mir passende Stelleninserate zukommen. Natürlich ist es für mich schwieriger, weil bauliche Hürden mir den Zugang zu einem Gebäude mit dem Rollstuhl verwehren können. Aber ich versuche, mich nie lange mit Schwierigkeiten aufzuhalten.»

Marino Rasera (39)

Lizenziat der Rechtswissenschaft, Universität Zürich. Tetraplegiker, dauerbeatmet durch ein Beatmungsgerät.

«Richtige Unterstützung im Sinne einer Arbeitsvermittlung habe ich bei der IV nicht erhalten. Seit einer Hirnhautentzündung mit 14 Jahren kann ich nur noch meinen Kopf bewegen. Ich bediene meinen Laptop per Spracheingabe und kann die Maus mit Kopfbewegungen führen. Eine 50-Prozent-Stelle kann ich neben meiner Therapie und dank meiner Assistentin problemlos ausfüllen. Teilzeitstellen sind in meinem Bereich aber rar. Nach dem Studium war ich rund eineinhalb Jahre in einer kleinen Anwaltskanzlei tätig. Das neue Gebäude war nach einem Umzug nicht mehr rollstuhlgängig. Seit Juni 2012 bin ich wieder auf der Suche. Ich habe 40 Bewerbungen verschickt. Aus welchen Gründen ich Absagen erhalte, ist schwer zu sagen, da Standardbriefen nicht viel zu entnehmen ist. Eine Hemmschwelle ist bei den Arbeitgebern sicher da.»

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