Nulltoleranz für Missbrauchs-Kardinäle

Papst Franziskus muss gleich reihenweise fehlbare Kardinäle und Bischöfe entlassen. Der Umgang mit diesen wandelt sich.

Aus dem Kardinalsstand entfernt: der 88-jährige Kardinal Theodore McCarrick. Bild: Keystone

Aus dem Kardinalsstand entfernt: der 88-jährige Kardinal Theodore McCarrick. Bild: Keystone

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Kardinal Theodore McCarrick trifft es mit 88 Jahren. Ihm wird vorgeworfen, in der Vergangenheit Priesterseminaristen und Minderjährige sexuell belästigt zu haben. Jetzt hat der Papst den früheren Erzbischof von Washington D.C. aus dem Kardinalsstand entfernt. Ein singulärer Vorgang.

Der Vorsitzende der päpstlichen Kinderschutzkommission, der ­Bostoner Kardinal Sean O’Malley, fordert nun auch für übergriffige Kardinäle und Bischöfe klare Verfahren. Hier bestehe eine Lücke, er werde das Thema im Vatikan mit grosser Dringlichkeit vorbringen.

Tatsächlich hat man fehlbare Kardinäle und Bischöfe bisher mit Samthandschuhen angefasst. Man denke an den Fall des Wiener Kardinals Hans ­Hermann Groër in den 1990er-Jahren. Er hatte Zöglinge eines Knabenseminars reihenweise missbraucht. Es ­dauerte Jahre, bis Österreichs Bischöfe die Vorwürfe für zutreffend erklärten und Groër den Rückzug in ein Nonnenkloster verordneten.

Auch höchste Würdenträger werden sanktioniert

Angeklagt wegen Beihilfe zum ­sexuellen Missbrauch von Kindern, trat 2002 Kardinal Bernard Francis Law als Erzbischof von Boston zurück. Doch auch er entzog sich der weltlichen Justiz, indem er sich nach Rom ab­setzte.

Unter den Augen der Öffentlichkeit ist Franziskus gezwungen, auch höchste Würdenträger zu sanktionieren. Die Schatten der Vergangenheit holen Kardinäle und Bischöfe derzeit ­reihenweise ein. Am Montag hat der Papst den wegen Missbrauchsvertuschung verurteilten Erzbischof von Adelaide, Philip Wilson, entlassen. Sogar der australische Premier Malcolm Turnbull hatte den Papst dazu aufgefordert. In Chile sind Ende Mai mehrere Bischöfe zurückgetreten, weil sie den Priester und notorischen Knabenschänder Fernando Karadima geschützt hatten. Am 21. August wird in der Sache Kardinal Ricardo Enzatti, Erzbischof von Santiago de Chile, einvernommen.

«Unwiderlegbare Beweise» für Fehlverhalten

Ohne die Gründe zu nennen, hat Franziskus nun doch den Weihbischof von Tegucigalpa, Juan Jose Pineda, entlassen. Er soll ehemalige Seminaristen sexuell belästigt und auch finanziell ausschweifend gelebt ­haben. Der Fall ist delikat. Es heisst, Pineda habe gehen müssen, um den honduranischen Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga, den Vorsitzenden des römischen Kardinalrates, aus der Schusslinie zu nehmen. Offenbar ist dieser in undurchsichtige Finanzgeschäfte verstrickt und gehört zur Seilschaft des Weihbischofs. Letzte Woche haben 48 Seminaristen in Tegucigalpa an die Bischöfe geschrieben, ihnen lägen «unwiderlegbare Beweise» für Fehlverhalten vor.

Auf der Anklagebank sitzt noch immer der Finanzchef des Vatikans, George Pell, auch er Mitglied des Kardinalrats. Er wartet auf seinen Prozess, weil er einst Knaben sexuell belästigt und als Erzbischof von Sydney Missbrauchspriester gedeckt haben soll.

Franziskus tut gut daran, auch bei seinen engsten Kardinalsberatern die von ihm geforderte Nulltoleranz anzuwenden. Und diese Frage sei ­ihm ans Herz gelegt: ob die Häufung klerikaler Vergehen nicht doch ­systembedingt ist.

Erstellt: 01.08.2018, 22:31 Uhr

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