Oh, mein Kind ist wieder am Gamen!

Onlinespiele sorgen nicht nur in vielen Familien für Zoff, sie bergen auch grosse Risiken. Eine vom Bund geplante Präventionsregelung greift laut Fachleuten zu wenig weit.

Verlockende neue Welt: Heute beschäftigen sich viele Kinder lieber mit virtuellen als mit herkömmlichen Spielzeugen. Foto: Getty Images

Verlockende neue Welt: Heute beschäftigen sich viele Kinder lieber mit virtuellen als mit herkömmlichen Spielzeugen. Foto: Getty Images

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Sonntagmorgen. Bei der Familie Meier (Name geändert) ist diesmal kein gemütlicher Brunch angesagt, sondern eine ernsthafte Aussprache: Es geht wieder einmal ums Gamen, dieses ­ständige Am-Handy-Hängen und ­-Spielen.«Ich lerne später für die Prüfung», rechtfertigt sich der 13-jährige Martin trotzig, als ihn seine Eltern auf die Gameregel der Familie hinweisen: maximal eine Stunde pro Tag. Dem Schüler fällt es schwer, sich an diese Vorgabe zu halten. Trotz App, die seinen Handykonsum steuern sollte. Nun müssen die Eltern ihn wiederholt an die vereinbarten Regeln erinnern.

Wenn es ums Gamen geht, fliegen in manchem Elternhaus schon mal die Fetzen. Das erstaunt nicht, geraten doch immer mehr Kinder und ­Jugendliche in den Bann von Onlinevideospielen. Das bestätigt auch die aktuelle James-Studie der ­ZürcherHochschule für Angewandte Wissenschaften, die seit bald zwanzig Jahren repräsentative Zahlen liefert zur Mediennutzung von Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in der Schweiz.

Nach dieser Erhebung gamen 66 Prozent aller Knaben täglich oder mehrmals die Woche; bei den Mädchen sind es 11 Prozent. Ausserdem spielen die Knaben im Gegensatz zu den Mädchen lieber gemeinsam als allein. Und: Praktisch alle Jugendlichen besitzen ein Smartphone (99%).

Eine bange Frage vieler ­Eltern: Ist mein Kind spielsüchtig? So einfach lässt sich die Frage nicht beantworten. Auch wenn die Weltgesundheitsorganisation WHO kürzlich die Onlinespielsucht als Krankheit anerkannt hat: Als süchtig gilt, wer seinen Alltag wegen Computer- und ­Videospielen vernachlässigt.

Gefangen im Spiel

Was bedeutet das? «Es wird ­sicher mehr über Risiken und Chancen des Gamens diskutiert», sagt Medienpädagoge Joachim Zahn von der Medienfachstelle Zischtig.ch, die sich gemäss eigenen Angaben seit mehr als zehn Jahren als wichtige Ergänzung zu den «Digitalisierungs-Euphorikern» versteht. Denn zweifellos müsse das Thema differenzierter angeschaut werden, als es die Gamebranche tut. Die spricht vor allem von den Chancen der Digitalisierung und dem günstigen Einfluss auf das Vorstellungsvermögen junger ­Menschen.

«Die Erwachsenen haben oft keine Ahnung und fühlen sich überfordert.»Joachim Zahn, Medienpädagoge

Gemäss Studien und Beobachtungen von Fachleuten haben vor allem neuere Onlinespiele aber ein hohes Suchtpotenzial: Sie sind raffiniert gestaltet, man kann etwa in der Gruppe spielen. «Sie tragen damit dem Bedürfnis Rechnung, mit Gleichaltrigen eine Spielerfahrung zu machen», so der Medienpädagoge Zahn. Weitere Spielelemente, die Kinder und Jugendliche stark binden: Man fühlt sich zugehörig, misst sich mit anderen, kann Actionheld spielen und erhält Belohnungen mit hohem Abhängigkeitspotenzial.

Das derzeit beliebteste Onlinespiel «Fortnite» ist so gestrickt. Weil es die meisten kennen, kann auf dem Pausenplatz gut darüber gefachsimpelt werden. «Die Erwachsenen haben oft keine Ahnung und fühlen sich überfordert», berichtet Joachim Zahn. Hinzu komme eine riesige Fanwelt. Es gebe Meisterschaften, Spielerhelden und Ruhm. Manche Spieler verdienten sich eine goldene Nase mit täglichem Livestreamen.

Das Gamen ist ein gutes Geschäft. Auch wenn das Spiel grundsätzlich kostenlos ist, gelingt es mit Tricks, den Konsumenten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Mit raffinierten Gadgets (technischem Zubehör), die nur in limitierter Anzahl verfügbar sind und die man unbedingt haben muss, lässt sich ein hoher Verkaufspreis erzielen. Dazu Zahn: «Jüngere Spieler können diesen Mechanismen wenig entgegensetzen.»

Eltern und Schule gefordert

Onlinespiele halten viele Eltern zunehmend auf Trab. «Wir hatten noch nie so viele Anfragen wie wegen ‹Fortnite›», sagt Medienexperte Zahn. «Die Eltern wissen nicht, welche Grenzen sie setzen sollen.» Online spielende Kinder verabredeten sich nicht mehr mit anderen Kindern. Und sie würden aggressiv, wenn man sie einschränken wolle. So die Klagen überforderter Eltern. Kein Wunder, kommt es in vielen Familien immer wieder zum Streit. Denn wenn die Grenzen fehlen, spielen manche Kinder die ganze Freizeit über und schlafen kaum noch.

Dies hat auch Auswirkungen auf die Schule. «Es gibt tatsächlich Kinder, die exzessiv gamen und wenig Regeln kennen», bestätigt Sandra Geissler, Leiterin der Schulsozialarbeit der Stadt Bern. Die Lehrkräfte meldeten sich bei der Schulsozialarbeit, wenn der Unterricht gestört werde, zum Beispiel durch übermüdete und unkonzentrierte Schüler. Die Sozialarbeiterinnen und -arbeiter sprechen in der Beratung das Kind darauf an und fragen nach dem Schlaf- und Freizeitverhalten. Sie versuchen, die Eltern miteinzubeziehen und zu unterstützen. «Die Eltern sind stark gefordert», sagt Sandra Geissler. Es gehe schliesslich um Erziehung.

Sie stellt ein grosses ­Interesse am Umgang mit digitalen Medien fest. So werden an den Berner Schulen regelmässig Infoanlässe dazu durchgeführt.

Ähnlich sieht es in anderen Kantonen aus, allerdings unterscheiden sich die Angebote stark. Die einen Schulen engagieren sich mit Präventionslektionen und Infoveranstaltungen, andere begnügen sich mit einem Beitrag auf ihrer Website.

Griffiger Jugendschutz fehlt

Lange hat sich der Gesetzgeber gedrückt und der Gamebranche die Kontrolle weitgehend selbst überlassen. Mit einer Gesetzesvorlage für schweizweit einheitliche Alterskennzeichnungen und Alterskontrollen für Filme und Videospiele will nun der Bundesrat Minderjährige künftig besser vor ungeeigneten ­Medieninhalten schützen. Doch das genügt kaum.

Präventionsfachleute kritisieren, dass die Gesetzesvorlage zu wenig weit greife. «Der Faktor ‹Abhängigkeit› ist nicht berücksichtigt», sagt Christian Ingold, Leiter Prävention am Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte, Radix Zürich. Man müsse die Jugendlichen nicht nur vor schädigenden Medieninhalten schützen, sondern auch vor einer Sucht bewahren.

Wie bei der Altersfreigabe plädiert Ingold für eine Klassifizierung des ­Abhängigkeitspotenzials von Spielen. «Die Regulierung der Gamebranche wird von der Politik vernachlässigt», sagt der Präventionsfachmann. Dass aber Handlungsbedarf besteht, beweisen die überlasteten Beratungsstellen.

Ein Jugendschutz wäre wohl auch für Familie Meier hilfreich. Die sonntägliche «Kropfleerete» bringt zwar eine momentane Klärung der Regeln. Ob Martin seinen Spielkonsum künftig aber besser im Griff hat und das Vertrauen seiner Eltern wieder gewinnt, muss sich erst zeigen.

Erstellt: 15.08.2019, 20:48 Uhr

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Tipps zur Mediennutzung

Viele Eltern tun sich schwer mit der Mediennutzung ihrer Kinder. Verständlich, denn das Internet und damit auch Onlinespiele bergen Risiken. Deshalb sollten sich die Eltern mit der Mediennutzung ihrer Kinder vertraut machen, das Kind begleiten, Interesse zeigen und beobachten, was gespielt wird. Man muss nicht alles verstehen. «Wichtig ist, dass man sich darauf einlässt – auch um herauszufinden, welche Funktion das Gamen im Alltag des Kindes hat», sagt Christian Ingold von Radix Zürich. So würden Eltern von ihren Kindern ernst genommen, und es könnten gemeinsam Regeln vereinbart werden. Da die Durchsetzung der Regeln aber schwierig sei, so der Präventionsfachmann, hänge die Einhaltung auch stark von der Selbstregulierung des Kindes ab.

Was Eltern sonst noch tun können:


  • Informieren Sie sich, setzen Sie sich mit neuen Medien aus­einander.


  • Entdecken Sie das Internet mit Ihrem Kind. Sprechen Sie darüber, was es macht. Lassen Sie sich erklären, welche Games es spielt.

  • Klären Sie Ihr Kind über mögliche Gefahren im Internet auf.

  • Vereinbaren Sie Regeln, wie oft und wie lange die verschiedenen elektronischen Medien genutzt werden dürfen.

  • Achten Sie darauf, dass die Abmachungen eingehalten werden.

  • Motivieren Sie Ihr Kind, neben den Medien genügend Zeit mit anderen Aktivitäten und mit seinen Freunden zu verbringen.

  • Achten Sie darauf, dass Ihr Kind Spiele und Filme aussucht, die seinem Alter entsprechen.

  • Klären Sie Ihr Kind über straf­bare Handlungen im Internet auf. Dazu gehören etwa Cybermobbing und das Herunterladen extremer Inhalte.

  • Wenn Sie sich unsicher fühlen, kann es hilfreich sein, sich mit anderen Eltern auszutauschen. Auch bei Beratungsstellen finden Sie Rat und Unterstützung.

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