Ohne Arme, ohne Kopf

Ein zerstörter Roboter namens Hitchrob verstört Amerika.

Demolierte Anhalter-Maschine: Hitchrob erlitt bei seinem Stopp in Philadelphia erheblichen Schaden.

Demolierte Anhalter-Maschine: Hitchrob erlitt bei seinem Stopp in Philadelphia erheblichen Schaden. Bild: Reuters

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Er hatte eine Menge vor, eine gleissende Zukunft lag vor ihm. Am Wochenende wurde er verstümmelt und enthauptet aufgefunden. Der Hitchrob, ein kindergrosser Roboter, war von seinen Schöpfern mit dem Ziel am Strassenrand ausgesetzt worden, per Autostopp nach Kalifornien zu gelangen. Er wurde in Philadelphia zerstört: die Arme abgerissen, der Kopf gestohlen.

Zuvor war Hitchrob unbehelligt durch Kanada gefahren und von Boston die Ostküste hinunterchauffiert worden. In Philadelphia endete das Experiment, das sich Forscher der Ryerson University in Toronto ausgedacht hatten: Können Roboter den Menschen vertrauen?

Die Belebung des Leblosen ist eine Menschheitsfantasie.

Der Vorfall beunruhigt weniger als die Reaktion darauf. Zehntausende haben über das Internet die Wissenschaftler beschworen, einen Klon des Androiden zu konstruieren und wieder auf den Asphalt zu stellen. Sie möchten die Zerstörung verleugnet haben, wie Anna Freud sagen würde, indem diese ungeschehen gemacht wird. Anzahl und Heftigkeit der Beschwörungen deuten an: Roboter können den Menschen vertrauen, weil die mit Empathie auf Roboter reagieren. Sie projizieren, um einen anderen Begriff der Psychoanalyse einzusetzen, indem sie vermenschlichen.

Die Belebung des Leblosen ist eine Menschheitsfantasie. Die Mythologie benutzt sie seit Jahrtausenden, Mary Shelley hat sie 1818 mit ihrem Frankenstein-Roman dramatisiert. Wie weit Menschen darin gehen, Maschinen mit Empathie auszukleiden, wies der deutsche Informatiker Joseph Weizenbaum schon in den Sechzigern nach. Er hatte Eliza codiert, ein computerisiertes Therapieprogramm. Obwohl die Probanden wussten, dass sie mit einer Maschine im Kontakt standen, erzählten ihr manche sehr Persönliches. Weizenbaum erschrak. Und wurde zum Kritiker einer Informatik, die ihre Folgen nicht korrigiert.

Man hofft, der Täter kämpfe gegen Maschinen.

Den Rest seines Lebens sah er sich darin bestätigt. Wenn schon ein einfältiges Therapieprogramm so viel Vertrauen bei Menschen auslöst, wenn Zehntausende auf einen vandalisierten Roboter mit Reanimierungswünschen reagieren, wie wird das weitergehen mit den maschinellen Gefühlen? Bereits geben Computerprogramme am Telefon zu Versicherungen Auskunft; japanische Pflegeroboter, die letzten Freunde der Alzheimerpatienten, stehen ihnen mit batterie­betriebener Geduld zur Seite; und die Science-Fiction, das Genre des Probehandelns, erzählt seit Philip K. Dicks Vorlage zum Film «Blade Runner» von der Schwierigkeit der Menschen, sich selber von Maschinen zu unterscheiden. Alan Turing, der englische Kryptograf im Zweiten Weltkrieg, hatte die Entwicklung vorausgesehen. Seither bestehen immer mehr Computer den Turing-Test: Sie wirken menschlich.

Wer hat Hitchrob so zugerichtet? Man hofft, der Täter kämpfe gegen Maschinen. Und befürchtet, dass er sich als Mörder fühlt.

Erstellt: 04.08.2015, 19:41 Uhr

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