«Ohne Hunde hätte ich vielleicht einen Mann und sieben Kinder»

Wolfsforscherin Elli Radinger erzählt, warum es für sie keinen Unterschied gibt zwischen Tierliebe und Menschenliebe.

«Warum sollten wir unseren Tieren die alltäglichen Hilfsmittel verweigern, die uns selbst im Alter das Leben erleichtern?» Hund mit Rollstuhl. Foto: Getty Images

«Warum sollten wir unseren Tieren die alltäglichen Hilfsmittel verweigern, die uns selbst im Alter das Leben erleichtern?» Hund mit Rollstuhl. Foto: Getty Images

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Frau Radinger, Ihr Buch «Die Weisheit alter Hunde» war wochenlang auf der Bestsellerliste des Magazins «Spiegel». Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben?
Als meine Hündin Shira zwölf Jahre alt wurde, habe ich meine Wolfsforschung im Yellowstone-Nationalpark in den USA eingestellt, weil mir plötzlich bewusst wurde, wie wenig Zeit ich nur noch mit ihr haben werde. Vieles hatte ich im Laufe ihres – und meines – Lebens aufgeschoben für «später». Aber nun war keine Zeit mehr dafür. Diesen Gedanken wollte ich weitergeben an die vielen Hundehalter, die ebenfalls mit einem alten Hund leben.

Sie packen diesen Gedanken in einen Mix aus Autobiografie, Lebensweisheiten und Hundegeschichten – was genau soll die Leserschaft damit anfangen?
Ich möchte, dass die Menschen ihre tierischen Senioren mit anderen Augen sehen und ihre Gebrechen und ihr Wesen besser verstehen.

Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie die Kurzversion von ewig gültigen Kalenderweisheiten. Wieso braucht es einen alten Hund, um uns auf Erkenntnisse wie «Lebe im Hier und Jetzt» zu stossen?
Klar wissen wir alle, dass wir im Hier und Jetzt leben sollten. Nur vergessen wir das viel zu oft. Ein alter Hund macht uns täglich bewusst, dass wir nicht mehr viel Zeit haben, um das Leben zu geniessen.

Wie viele Menschen haben sich das Buch bereits gekauft?
75'000.

«Ohne Menschen würde es keine Hunde geben.»

Sie reden im Buch mit Shira wie mit einem Menschen. Und Shira gibt Antworten. Glauben Sie, dass solche Zwiegespräche zwischen Hund und Mensch wirklich möglich sind?
Natürlich sind solche Zwiegespräche nicht real. Sie finden in unserem Kopf statt, und wir interpretieren das hinein, von dem wir annehmen, dass es der Hund sagen könnte. Dass Shira mit «Carpe diem» ernsthaft den römischen Dichter Horaz zitiert, wird wohl keiner annehmen.

Shira ist Ihr dritter Hund. Wäre Ihr Leben ohne Hund anders verlaufen?
Sicher.

Können Sie sich vorstellen, wie?
Das kann kein Mensch sagen. Vielleicht hätte ich einen Mann und sieben Kinder. Oder ich würde als Anwältin durch die Welt jetten. Es bringt nichts, über ein «Was wäre, wenn» zu spekulieren. Dinge sind, wie sie sind. Ich habe mein Leben lang Hunde gehabt, und es war und ist sehr beglückend und bereichernd.

«Ich möchte, dass die Menschen ihre tierischen Senioren mit anderen Augen sehen»: Elli H. Radinger über ältere Hunde. Foto: Adobe Stock

Warum die Weisheit alter Hunde? Sind alte Katzen oder alte Pferde anders «weise»?
Jedes alte Lebewesen – ob mit Flügeln oder Flossen, mit zwei oder vier Beinen – ist auf seine Art «weise». Es sind die universellen Weisheiten, die wir von allen lernen können.

Können Tiere überhaupt «weise» sein?
Für mich klingt das wie die längst bejahte Frage, ob Tiere überhaupt Emotionen oder eine Moral haben können. Wenn wir unter «Weisheit» ein tiefgehendes Verständnis von Zusammenhängen verstehen, dann können Tiere selbstverständlich auf ihre individuelle Art «weise» sein, auch wenn wir das vielleicht nicht mit unserem Bewusstsein verstehen.

Der österreichische Verhaltensforscher Kurt Kotrschal sagt, dass Menschen und Hunde im wahrsten Sinne füreinander geschaffen sind. Stimmen Sie dem zu?
Ja. Ohne Menschen würde es keine Hunde geben. Der leider schon verstorbene deutsche Verhaltensforscher Erik Zimen hat stets die besondere Rolle der Frau bei der Domestikation von Hunden hervorgehoben. Er geht davon aus, dass es Frauen waren, die einst Wolfswelpen aufgenommen und gesäugt und so der Geschichte einen neuen Verlauf gegeben haben. Mensch und Hund profitieren voneinander und brauchen einander.

Wie lange noch? Ein alter Hund macht uns täglich bewusst, dass wir nicht mehr viel Zeit haben, um das Leben zu geniessen. Foto: Shutterstock

Ihre alternde Hündin Shira braucht auch Sie immer mehr. Sie schildern im Buch, wie Sie versuchen, ihr den Alltag zu erleichtern. Ist das überfürsorglich oder notwendig?
Ich halte es nicht für überfürsorglich, wenn ich für meine Hündin ein orthopädisches Hundebett anschaffe oder sie mit Seniorenfutter ernähre. Wir alle passen unseren Alltag im Laufe des Lebens den Gegebenheiten und Bedürfnissen an. Das sollte auch für unsere Tiere gelten. Warum sollten wir unseren Tieren die alltäglichen Hilfsmittel verweigern, die uns selbst im Alter das Leben erleichtern?

Bewegung hält jung, sagen Sie. Wie beschäftigt man einen alten Hund, der beispielsweise wegen Arthrose Gelenkschmerzen hat?
Für Menschen wie Tiere gilt der alte Spruch: «Wer rastet, der rostet.» Tägliche Spaziergänge sollten dem Alter und der Fitness angepasst sein. Dabei kann es auch ruhig einmal durch den Wald und über unebenes Gelände gehen. Eine andere Möglichkeit ist Suchen. Beim entspannten Mantrailing – also bei der Suche nach Menschen – wird die Nase des Hundes gefordert.

Ihre Hündin Shira ist mittlerweile taub – soll man einem Hund von klein auf Zeichensprache beibringen, um fürs Alter gerüstet zu sein?
Alles, was wir früh lernen, kann uns später helfen. Ich kann nur für mich sprechen. Ich habe bei Shira von Anfang an mündliche Signale mit Zeichen verbunden. Das erleichtert nun die Kommunikation zwischen uns.

«Ein Hund muss mit anderen toben und im Schlamm spielen, rennen und frei sein können.»

Sie gehen auch auf alte Hunde ein, die im Tierheim landen und wegen ihres Alters oft kaum eine Chance auf eine Platzierung haben. Warum sollte man einen alten Hund aus dem Tierheim adoptieren?
Genau darum. Weil er sonst keine Chance hat und weil es einfach die Menschlichkeit gebietet. Leider werden heutzutage auch viele alte Menschen in Heime abgeschoben. Wir leben in einer Zeit der Gefühlskälte. Ein Tier, das ein Leben lang einem Menschen seine bedingungslose Liebe geschenkt hat, verdient, dass es auch im Alter und bei Krankheit nicht alleingelassen, sondern geliebt wird. Würden wir uns das nicht auch wünschen? Solche alten Tierheimhunde sind besonders dankbar für alles, was wir für sie tun.

Kann sich ein alter Hund noch auf einen neuen Menschen einstellen?
Warum nicht? Wir müssen ihm einfach Zeit geben und geduldig mit ihm sein.

Sie sagen aber auch, dass wir Hunden einen schlechten Dienst erweisen, wenn wir sie romantisieren. Können Sie das erläutern?
Ein Hund ist ein Hund. Er ist ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen. Er ist nicht dafür da, all unsere Wünsche nach Liebe und Zuneigung zu erfüllen. Er muss auch Hund sein dürfen, mit anderen toben und im Schlamm spielen, rennen und frei sein. Für mich ist das eine Frage des Respekts.

Braucht Unterstützung: Ein Tier verdient es, dass es auch im Alter und bei Krankheit nicht alleingelassen wird. Foto: iStock

Wo ziehen Sie die Grenze zur Vermenschlichung? Können wir überhaupt mit Tieren leben, ohne sie zu vermenschlichen?
Wir sind Menschen. Also werden wir irgendwie immer unsere Gedanken und Gefühle mit in das Leben mit unseren Tieren einbringen. Vermenschlichung beginnt für mich dort, wo Hunde zu Schauobjekten stilisiert werden, um das eigene Ego zu befriedigen. Sei es, dass sie mit Designermäntelchen eingekleidet werden wie Models oder dass besondere Rassen «kreiert» werden.

Sie machen sich viele Gedanken zu dem Moment, wenn Ihr Hund Shira nicht mehr da ist. Kann man sich auf den Tod des vierbeinigen Freundes vorbereiten?
Bis zu einem gewissen Grad, ja, indem man vielleicht schon im Garten ein Grab gräbt oder die Adresse für ein Tierkrematorium heraussucht. Wenn das Tier stirbt, ist man oft zu verzweifelt, um weitere Massnahmen zu unternehmen. Man kann mit dem Tierarzt absprechen, was im Notfall getan wird, dass er zum Einschläfern nach Hause kommt und vieles mehr. Wenn man das alles getan hat, sollte man loslassen und sich auf das Zusammenleben mit dem Hund konzentrieren. Zu entscheiden, den geliebten Hund einschläfern zu lassen, ist wohl etwas vom Schwierigsten.

Wie merkt man, wenn der Moment gekommen ist?
Wenn das Tier leidet und keine Lebensqualität mehr hat. Aber das kann und sollte man mit dem Tierarzt seines Vertrauens besprechen. Ich glaube, instinktiv wissen wir alle, wann der Zeitpunkt da ist – es wird sowieso immer zu früh sein.

Ein Hund hat eigene Bedürfnisse: Er ist nicht dazu da, all unsere Wünsche zu erfüllen. Foto: Shutterstock

Mittlerweile bietet die Medizin für unsere Haustiere alles, was sie auch für uns bietet. Wo verläuft die Grenze zwischen Liebe zum Tier und Verhältnisblödsinn?
Ich kann diese Frage nicht pauschal beantworten. Man muss den Einzelfall beurteilen. Ich kenne gelähmte Hunde, die mit einem Rollstuhl noch eine unglaubliche Lebensqualität haben. Wer nimmt sich das Recht heraus, da zu urteilen? Haben Menschen in Rollstühlen weniger Lebensqualität? Ich sehe da keinen Unterschied, nur weil es sich um einen Hund handelt. Allerdings gibt es Therapien, mit denen ich mich schwerer tue. Chemotherapien beispielsweise lehne ich grundsätzlich ab für meinen Hund, aber auch für mich selber.

In Ihrem Buch kommt das Wort Liebe sehr oft vor. Worin besteht für Sie der Unterschied zwischen der Liebe zu einem Tier und der zu einem Menschen?
Da gibt es für mich keinen.

Zum Schluss nochmals die Frage: Was ist das Wichtigste, was Sie von alten Hunden gelernt haben?
Die Zeit, die wir mit denjenigen, die wir lieben, verbringen dürfen, ist kurz – zu kurz. Wir sollten jeden Augenblick mit ihnen geniessen und nichts auf «später» verschieben.

Elli H. Radinger: «Die Weisheit alter Hunde», Ludwig-Verlag, 31.90 Franken.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 25.04.2019, 15:55 Uhr

Ein Leben mit Hunden


Elli H. Radinger (68), stammt aus dem deutschen Hessen. Hunde waren in ihrem Leben von klein auf wichtig. Einen Namen hat sich die ehemalige Rechtsanwältin als Wolfsforscherin gemacht. Seit über 30 Jahren reist sie immer wieder in den Yellowstone-Nationalpark in den USA, um wilde Wölfe zu beobachten. Ihr Wissen über Wölfe und Hunde gibt sie in Büchern, Seminaren und Vorträgen weiter.

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