Ohne ihre Tochter

Vor drei Jahren erlitt die Syrerin Suha Alhussein Jneid bei einer Rückführung nach Italien eine Totgeburt. Wie geht es ihr vor dem Prozess gegen den Grenzwächter, der sie abgewiesen hatte?

Alle sind beieinander, alle sind in Sicherheit: Die Syrerin Suha Alhussein Jneid (mit rotem Kopftuch) inmitten ihrer Familie in Duisburg, bei der sie ein paar Wochen verbringt. Bild: Dominik Asbach

Alle sind beieinander, alle sind in Sicherheit: Die Syrerin Suha Alhussein Jneid (mit rotem Kopftuch) inmitten ihrer Familie in Duisburg, bei der sie ein paar Wochen verbringt. Bild: Dominik Asbach

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ibrahim hat die Augen seines Vaters, gross und dunkel. Zwei Jahre alt ist er. Mohamad, der Älteste, ist neun, seine Schwester Malak ist sieben, und Ahmed, Nummer drei, ist fünf Jahre alt. Da wäre auch noch Sara, das vierte Kind der Familie. Doch Sara ist tot. Gestorben, bevor sie zur Welt kam, im Bauch der Mutter. Drei Jahre ist das her. Man erinnert sich an die Schlagzeilen:

«Schweizer Grenzwächter lassen schwangere Syrerin im Stich»

«Totgeburt bei Rückführung: Schweiz soll sich entschuldigen»

«Flüchtlingshilfe fordert Konsequenzen»

«Die Schande von Brig»

Passiert ist Folgendes: Die 22-jährige Syrerin Suha Alhussein Jneid reist in der Nacht auf den 4. Juli 2014 mit dem Zug von Mailand nach Paris, dabei durchquert sie die Schweiz. Sie hat eine lange Bootsreise von Libyen nach Italien hinter sich und ist Ende des siebten Monats schwanger. Mit ihr unterwegs sind ihr 32-jähriger Mann Omar Jneid, die drei gemein­samen Kinder sowie 21 weitere Familienmitglieder, darunter die Eltern von Omar Jneid.

Seit der Totgeburt fallen Suha Alhussein Jneid Haare aus, sie erlitt einen psychischen Zusammenbruch. Bild: Dominik Asbach

In Vallorbe im Kanton Waadt, an der Grenze zu Frankreich, wird die Grossfamilie zusammen mit anderen Flüchtlingen aus dem Zug geholt. Die Visa fehlen. Schweizer Grenzwächter bringen sie in Kleinbussen nach Brig im Wallis zurück, rund zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt. Unterwegs kommt es bei der jungen Mutter zu einem vorzeitigen Blasensprung, sie verliert Fruchtwasser und klagt über Bauchschmerzen. In Brig angekommen, verweigern die Grenzwächter jede medizinische Hilfe. Die Schmerzen der Frau fühlen sich jetzt wie Wehen an, sie werden immer stärker, die Schwangere verliert Fruchtwasser und Blut.

Nach zweieinhalb Stunden auf einer Holzpritsche in einem Zimmer der Grenzwache wird sie zusammen mit ihrer Familie nach Domodossola zurück­gebracht. Zum Zug muss sie von ihren Verwandten getragen werden, sie kann längst nicht mehr laufen. Auf dem Perron in Domodossola bricht Suha Alhussein Jneid zusammen. Im Spital kann nur noch der Tod des Kindes festgestellt werden, eines Mädchens.

Der zweijährige Ibrahim Jneid küsst die Hand seiner 73-jährigen Grossmutter Aaisha Alali. Bild: Dominik Asbach

Als die Syrerin ein paar Tage später aus dem Spital entlassen wird, ist bis auf ihren Mann und ihre Kinder der Rest der Familie nach Deutschland weitergereist, in ihr ursprüngliches Zielland. Alle erhalten Asyl. In der Schweiz wird eine Strafuntersuchung durch die Militärjustiz eingeleitet, die für das Grenzwachtkorps zuständig ist. Suha Alhussein Jneid und ihre Familie bleiben in Domodossola, sie begraben ihre Tochter und stellen ein Asylgesuch.

Zu viel ist passiert

Drei Jahre später in Duisburg. Hier besuchen Suha und Omar Jneid mit ihren Kindern für ein paar ­Wochen den Rest der Grossfamilie. Omars Mutter, mittlerweile 73 Jahre alt, hat insgesamt neunzehn Kinder zur Welt ­gebracht. Von den zwölf, die noch leben, befinden sich mittlerweile sieben in Duisburg. Samt ihren Ehepartnern und Kindern sind es rund 30 Personen.

Den Überblick über ihre Familie zu behalten, fällt sogar den Jneids schwer. Omar Jneid diktiert in Windeseile Namen von Grosseltern, Eltern und Kindern, damit man einen Stammbaum zeichnen kann – und wird dabei immer wieder von einem Bruder, einer Schwägerin oder einem Neffen unterbrochen. Alterszahlen werden korrigiert, Wohnorte ergänzt, Personen sowieso. Links und rechts auf dem Sofa sitzen Kinder im Alter von 1, 2, 3, 5, 6, 7 und 9 sowie Jugendliche im Alter von 15 und 19 Jahren. Es wird wild durcheinandergeredet, auf Arabisch natürlich, aber auch auf Deutsch und Italienisch.

Kaffee und Gebäck für die Besucher. Bild: Dominik Asbach

Mittendrin sitzt das jüngste Kind von Suha und Omar Jneid, Ibrahim, der Bub mit den dunklen ­Augen. Drei Monate nach Saras Tod wurde seine Mutter mit ihm schwanger. Auch sie nimmt inmitten ihrer Familie Platz, lächelnd. Hier in Duisburg gehe es ihr gut, sagt sie, alle seien beieinander, alle in Sicherheit. Doch je länger der Besuch dauert, desto klarer wird: Der mittlerweile 25-Jährigen geht es psychisch schlecht. Zu viel ist passiert in den Stunden, nachdem die Grenzwächter sie aus dem Zug geholt hatten. Und es ging weiter, seit die junge Frau das Spital in Domodossola verlassen konnte.

Zu Beginn läuft es für die Jneids in Italien gar nicht so schlecht. In der «kompakten Stadt», wie Suha Alhussein Jneid Domodossola lobt, weiss sie rasch, was wo ist, sie schliesst Freundschaften, die Kinder leben sich ein. «Obwohl meine Tochter dort gestorben ist, fühlte ich mich wohl», erinnert sie sich. «Ich konnte Sara immer besuchen. Sie war immer bei mir, ich spürte sie ganz nah.»

«Er hat mich behandelt, als sei ich kein Mensch.»

Suha Alhussein Jneid

Innert zweier Monate erhalten die Jneids Asyl. Doch dann kommt «der nächste Schock», wie Omar Jneid sagt. Die Familie wird verlegt. Nach Lodi, eine Stadt etwa 30 Kilometer südöstlich von Mailand. Aus den Versprechungen, die man der Familie laut Suha Alhussein Jneid macht – «eine schöne Stadt, mit guten Arbeitsmöglichkeiten» – wird nichts. Das Auto, das sie an ihren neuen Wohnort bringen soll, fährt durch Lodi hindurch, weiter in ein kleines Dorf mit ein paar Hundert Einwohnern. «Es gibt dort nichts», sagt die junge Frau. «Keine Schule, keinen Kindergarten, kaum Busse. Schon gar keine Arbeit. Wir sind komplett isoliert.»

Im Juli 2015, ein Jahr nach Saras Tod, kommt ­Ibrahim zur Welt, die Familie ist jetzt zu sechst. Doch die Freude währt nicht lang: Im Herbst 2016 erreicht die Jneids die Kündigung für ihre 4-Zimmer-Wohnung. Auch das Geld, rund 400 Euro pro Monat, wird ihnen gestrichen. Und so hausen sie seit letztem März im Dachstock eines befreundeten ­Italieners, in einem 10 Quadratmeter grossen Zimmer. «Ich konnte mir wirklich vorstellen, dass wir es gut haben. Ich habe mich gefreut, dass das Leben weitergeht», sagt Suha Alhussein Jneid. «Doch in diesem Zimmer endet es.»

Lähmungen im Gesicht

Was nicht sie, sondern ihr Mann Omar erzählt: Suha verlässt das kleine Zimmer kaum. Vor zwei Monaten hat sie einen psychischen Zusammenbruch erlitten. Er äusserte sich in Form von Lähmungserscheinungen im Gesicht, am Arm, am Bein. Im Spital verlaufen diverse Tests negativ. «Man sagte uns, die Beschwerden seien psychosomatisch», sagt der heute 35-Jährige. «Vom Stress.» Suha Alhussein Jneid ist eine stille Frau, die sich im Gespräch zurücknimmt. Darauf angesprochen, sagt sie: «Wir haben keine Arbeit. Kein Geld. Ich habe Angst, dass wir obdachlos werden. Kein Essen kaufen können.»

Laut einem Italien-Bericht der Schweizer Flüchtlingshilfe sind die Ängste begründet: Die Situation im Land sei «in jeder Hinsicht prekär», schrieb sie 2016. Vom «hohen Risiko der Obdachlosigkeit» seien auch Frauen, alleinerziehende Mütter und Familien betroffen. Der Grund dafür ist das italienische Asylsystem: Es geht davon aus, dass Personen für sich selber sorgen können und müssen, sobald ihnen Schutzstatus gewährt wird.

Die syrische Identitätskarte der geplagten Mutter. Bild: Dominik Asbach

Mehrfach während des Besuchs erwähnt die junge Mutter, wie gern sie bei ihrer Familie in Deutschland wäre – wie einst geplant. Dazu kommen die täglichen Nachrichten von ihren Eltern aus Syrien. Sie beschäftigen sie sehr. Das Schlimmste für Suha Alhussein Jneid aber ist, dass sie in Italien ständig an Saras Tod erinnert wird. Von anderen Personen. «Immer wieder sagen mir die Leute, dass sie uns nur wegen des Vorfalls helfen. Weil meine Tochter gestorben ist.» Jetzt weint sie, ihre siebenjährige Tochter Malak drückt ihr die Hand.

Am nächsten Tag bittet die Syrerin die Journalistin in ein separates Zimmer, nur der Übersetzer darf mit. Irgendwann schickt sie auch ihn hinaus, sie will ihr Haar zeigen. Seit der Totgeburt fällt es ihr aus. Mehrere Dermatologen habe sie aufgesucht, erklärt der Übersetzer später – «extreme Stresssymptome», habe man ihr beschieden. Etwas dagegen tun könne man nicht.

Wieso schwanger auf die Flucht?

Omar Jneid klopft an die Tür, er möchte wissen, wann wir zum Essen bereit sind. Er hat gekocht, viele verschiedene Speisen, für die ganze Familie. Suha ist mit Omar verheiratet, seit sie 14 ist. Er war damals 24. Die Ereignisse haben sie noch mehr zusammengeschweisst. War es nicht fahrlässig, hochschwanger eine so beschwerliche Flucht anzutreten? Hätte die Familie, die aus dem syrischen Aleppo stammt, in Libyen bleiben sollen, wohin sie bereits zwei Jahre vor der risikoreichen Bootsfahrt nach Italien geflüchtet war? Hoffte sie dank der Schwangerschaft gar darauf, eher Asyl zu erhalten?

Omar Jneid und seine Frau Suha finden auf alles eine einleuchtende Antwort. In Syrien, das wird aus den Gesprächen klar, konnten sie nicht bleiben. Und auch in Libyen wurde es mit dem Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2014 zu gefährlich – das merkten sie spätestens, als ihre Nachbarn «am hellichten Tag ermordet wurden», wie Suha Alhussein Jneid sagt. «Früher lachten wir immer über die Leute, die ein Boot nach Europa nehmen. Wir nannten sie ‹die Verrückten›. Doch irgendwann realisierten wir, dass ein solches Boot unsere einzige Chance auf eine sichere Zukunft ist.»

Dass sie aufgrund der Totgeburt in Italien ein Asylgesuch stellen mussten, statt wie ihre Verwandten in Duisburg, macht es für die Familie noch schwerer. Da ist zum einen das Wissen um die besseren Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland. Omars Zwillingsbruder Amar bewirbt sich gerade bei einem Jobcenter – sein Deutsch ist gut genug. Und ihr älterer Bruder Ibrahim, bei dem die Jneids während ihrer Zeit in Deutschland wohnen, konnte bereits in einigen Wohnungen Decken verzieren – eine Arbeit, die er bereits in Aleppo ausgeführt hatte.

Zum anderen ist da das Geld, dass Ibrahim für seine sechsköpfige Familie in Duisburg erhält: 2500 Franken pro Monat, ihre 5-Zimmer-Wohnung und die Krankenkasse sind bezahlt. «In Italien bekommen wir längst nichts mehr», sagt Omar Jneid. Einen Job findet er erst recht nicht, obwohl er arbeiten dürfte, viel zu prekär ist die wirtschaftliche Lage im Land. Der ehemalige Arabisch- und Geschichtslehrer hat in Italien ein Theaterstück geschrieben, es wurde uraufgeführt. Und für eine Weile hat er am Gericht übersetzt. Viel Geld brachte es ihm nicht.

Der dritte Punkt, der ihm und seiner Frau zu schaffen macht, ist die Distanz zur Familie. Die Jneids fühlen sich wohl, wenn alle da sind, nah beieinander, jeden Tag. Sie essen zusammen, besuchen einander in ihren Wohnungen, die sich alle in derselben Strasse Duisburgs befinden, es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Während die 73-jährige Grossmutter im Wohnzimmer ihren Gebetsteppich ausrollt, verabschiedet sich Ibrahim, weil er an die Autofahrprüfung muss. Sein 19-jähriger Sohn erzählt von der Berufsschule. Die jüngeren Kinder ­tanzen vor dem Fernseher zu italienischer Musik. Die Waschmaschine läuft, irgendjemand duscht. Es ist laut, aber nicht hektisch. Es ist wild, aber nicht chaotisch. Es ist ihr Leben, das sie zusammen verbringen wollen und – ja, irgendwie auch – müssen. Weil so einfacher auszuhalten ist, was sie erlebt haben. In ihrer Heimat und auf ihrer Flucht.

Welche Gefühle hat Suha Alhussein Jneid, wenn sie an den Grenzwächter denkt, der ihr nicht half, als sie ihn so dringend gebraucht hätte? Sie antwortet lange nicht. Sagt dann: «Am Ende sind wir alle Menschen. Er hat mich behandelt, als sei ich kein Mensch. Ich lag auf einer Holzpritsche in diesem Zimmer, schreiend, heulend, doch er hat mich nur mit kalten Augen angesehen und ist wieder gegangen.» Sie sagt wieder nichts, weint erneut. «Er hat ein unschuldiges Mädchen getötet.»

Seit Mai liegt die Anklageschrift gegen den Mann vor, der an dem Tag ranghöchster Grenzwächter und Teamchef war, verantwortlich also für die Rückführung. Fast drei Jahre dauerten die Ermittlungen.

Der Auditor – der Ankläger in Militärstrafsachen – wirft dem Angeklagten Tötung vor. Er habe den Tod des Kindes mindestens in Kauf genommen, sagt Dina Raewel, die Anwältin der Familie. Denn seit der Ankunft der Familie Jneid in Brig habe er gewusst, dass die Syrerin schwanger war und Hilfe benötigte. Trotzdem habe er ihr nicht geholfen. Der Auditor schlägt dem Gericht aber zusätzlich eine ganze Reihe von möglichen Verurteilungen vor: fahrlässige Tötung, versuchte Tötung, schwere ­Körperverletzung, einfache Körperverletzung, Aussetzung, Unterlassung der Nothilfe, Gefährdung des Lebens, Schwangerschaftsabbruch.

Die unterschiedliche Schwere der Delikte zeigt sich auch in der im Gesetz angedrohten Höchststrafe: Sie reicht von zwanzig Jahren für vorsätzliche Tötung bis zu drei Jahren für einfache Körperverletzung. Die Strafanträge gibt der Auditor erst am Prozess im November bekannt.

Welcher Beurteilung das Gericht folgt, hängt entscheidend von der Frage ab, ob Sara in Brig überhaupt noch gelebt hat. Dabei ist auch die Frage zu beantworten: Wann beginnt – strafrechtlich betrachtet – das Leben eines Ungeborenen? Laut einem von der Militärjustiz in Auftrag gegebenen Gutachten: mit Beginn der Eröffnungswehen.

Suha Alhussein Jneid kennt die Details der ­Anklageschrift nicht. Sie will Gerechtigkeit – und ist froh, dass der Prozesstermin endlich näher kommt. «Ich hoffe, ich bin nachher psychologisch befreit», sagt sie. Ihr Mann Omar ergänzt: «Wir haben keine Zweifel daran, dass die Schweizer Justiz neutral ist. Jeder, der einen Fehler gemacht hat, muss zur Verantwortung gezogen werden.»

Wie sehr die schwangere Syrerin am verhängnisvollen Tag Hilfe gebraucht hätte, geht aus einem ­medizinischen Gutachten hervor, das das Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern erstellt hat. Es gibt Einblick in die Einvernahmeprotokolle:

Omar: Als wir im Zimmer waren, lag meine Frau auf dem Holzbett. Sie hatte Schmerzen. Ich ­bemerkte, dass sie auch blutete. Ich ging sofort zum Vorraum und habe auf Englisch die Beamten informiert.

Suha: Am Anfang war es etwa alle 10 Minuten wie Wehen, mit Blutungen. Ich habe viel gelitten, hatte viele Schmerzen (...) Ich weiss nicht, wie lange es ging, aber es ging lange.

Der angeklagte Grenzwächter: Als ich in den Kontrollbereich gekommen bin, habe ich gesehen, dass in einer Zelle eine Frau auf einer Pritsche lag (...) Mir wurde mitgeteilt, dass es der Frau nicht gut gehe.

Suhas Schwester: Sie wand sich vor Schmerzen nach rechts und nach links. Die Schmerzen spürte sie im Unterleib.

Omar: Als der Zug kam (nach Domodossola, Anm. d. Red.), habe ich eine Trage verlangt, aber es wurde mir keine gebracht. Mein Bruder und ich haben die Frau selber getragen bis zum Zug.

Der Gutachter findet drastische Worte für das Nichtreagieren des Grenzwächters: «Die Möglichkeit einer bevorstehenden Geburt oder eines medizinischen Problems der Schwangeren», schreibt er, hätte «durch einen medizinischen Laien mit gesundem Menschenverstand erkannt werden können resp. müssen.» Ein «sofortiger Transport» ins nächstgelegene Spital sei angezeigt gewesen.

Anwältin Dina Raewel bezeichnet das Verhalten des Angeklagten als «menschenunwürdig». Omar Jneid habe «sichtlich aufgewühlt» und «mehrmals» bei ihm um Hilfe gebeten. Dieser habe ihm mit­geteilt, er werde weder einen Arzt noch sonstige medizinische Hilfe anfordern, um die planmässige Rückführung der Familie nach Domodossola «nicht zu gefährden».

Hätte das Eingreifen des Grenzwächters das Kind gerettet? Der medizinische Gutachter ist sich nicht sicher. Das Kind sei weniger als zwölf Stunden vor der Geburt gestorben – infolge Sauerstoffmangels, weil sich die Plazenta teilweise abgelöst hatte. Falls das Kind in Brig noch gelebt hätte und falls eine ­rasche Entbindung möglich gewesen wäre, so der Gutachter, könnte das Kind mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit noch leben.

Eine unmittelbare Gefahr für das Leben der Mutter selbst bestand zwar nicht. Diese hätte auf dem Weg nach Domodossola laut Gutachter jedoch eintreten können: Eine vorzeitige Plazentalösung kann zu schweren Blutungen mit Schockzustand führen. Oder zum Tod. Nicht zu unterschätzen sei auch die «allfällige psychische Traumatisierung», schreibt er, sie könne «schweren Ausmasses» sein.

Genau das ist bei Suha Alhussein Jneid einge­treten. Sie muss seither damit leben. Und sie hofft. Darauf, dass ihr Mann doch noch Arbeit findet in Italien. Im Tessin, in Deutschland, irgendwo. Drei Monate darf sie bei ihrer Familie in Duisburg bleiben. Dann muss sie zurück in das kleine Dorf bei Mailand. Was sie sich wünsche, fragt man sie zum Schluss. «Ein normales Leben.»

Der angeklagte Grenzwächter wünscht sich das auch. Laut seinem Anwalt Franz Müller geht es ihm «nicht gut, insbesondere psychisch». Das lange Verfahren und die Vorwürfe belasteten ihn, er bestreite sie. Seit den Ereignissen im Juli 2014 arbeitet er nicht mehr in Brig. «Er war, soweit es seine gesundheitliche Verfassung zugelassen hatte, in Bern tätig.»

Erstellt: 28.07.2017, 18:41 Uhr

Artikel zum Thema

Erst aus der Armee geflogen – jetzt auf Mission gegen Flüchtlinge

Auch Schweizer zahlen Geld, um Migranten von Europa fernzuhalten. Ein Genfer koordiniert das Anti-Flüchtlings-Schiff im Mittelmeer. Mehr...

«Europa kann das bewältigen»

Interview Gerald Knaus hat das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei ausgearbeitet. Nun präsentiert er einen Plan, um die Tragödie im Mittelmeer zu beenden. Mehr...

Italien schlägt Alarm

Video Allein letzte Woche seien 12'000 Flüchtlinge in Italien angekommen, warnt der UNO-Flüchtlingskommissar und verlangt ultimativ mehr Solidarität mit Rom. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...