Papst-Bruder, Mitwisser und Mittäter

Georg Ratzinger kommt in Studien zum Gewaltsystem bei den Regensburger Domspatzen nicht gut weg.

Er stand den Regensburger Domspatzen vor. 500 von ihnen wurden Opfer von Gewalt. Foto: PD

Er stand den Regensburger Domspatzen vor. 500 von ihnen wurden Opfer von Gewalt. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich möchten die Brüder Georg und Joseph Ratzinger unbehelligt ihren Ruhestand leben. Nun aber holt sie im hohen Alter von 95 und 92 Jahren wieder der kirchliche Missbrauchsskandal ein. Dieser sei auf die sexuelle Revolution der 68er zurückzuführen, verkündete der Jüngere von beiden, der emeritierte Papst Benedikt, im April – und erntete rundum Empörung, zumal er immer lieber Jagd auf Befreiungstheologen als auf Missbrauchspriester gemacht hatte.

Am Montag nun konterte Historiker Bernhard Löffler an einer Medienkonferenz zu Gewalt und Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen, diese sei nicht Folge der 68er-Pädagogik, sondern Teil eines Erziehungsalltags, der weit vor den 68er-Reformen etabliert gewesen sei. Georg, der ältere Ratzinger-Bruder, war von 1964 bis 1994 als Domkapellmeister beim weltberühmten Chor in leitender Position und kommt nicht gut weg. Er habe für «Jähzorn, überzogene Strenge einschliesslich harter Körperstrafen und psychischer Demütigungen» gestanden, so Löffler.

Jetzt beleuchten zwei neue Studien aus historischer und sozialwissenschaftlicher Sicht vor allem auch das sadistische System des 1992 verstorbenen Regensburger Schuldirektors und Priesters Johann Meier. Ratzinger habe nicht zu dessen System gehört, es sei aber ausgeschlossen, dass er nichts von den Prügelattacken gewusst habe, so Löffler.

Gewalt gehörte zur Erziehungspraxis

Ratzinger hatte zuvor schon zugegeben, er habe bis Ende der 70er-Jahre in den Chorproben wiederholt Ohrfeigen verteilt. Das habe sein Gewissen belastet. Er sei dann froh gewesen, als Züchtigungen 1980 verboten wurden. Ratzinger unterschlägt, dass er Mitwisser und Mittäter war und sich nicht mit Ohrfeigen begnügte. Laut verschiedenen Opfern hatte er bisweilen Stühle nach den Chorknaben geworfen, was zu blutenden Platzwunden führte. Wenn er seine Vorstellungen von musikalischer Qualität durchzusetzen suchte, sei er «impulsiv, ja fanatisch» gewesen, urteilt sein Nachfolger Roland Büchner.

Vor wenigen Jahren kam ans Licht, dass zwischen 1945 und 1995 500 Domspatzen Opfer körperlicher und 67 von sexualisierter Gewalt wurden. Gemäss den neuen Studien war der berühmte Knabenchor samt seinen Schulen und Internaten ein «abgeschottetes soziales System», eine sogenannte totale Institution. Die von aussen kaum kontrollierte Gewalt gehörte zur Erziehungspraxis. Der Erfolg des Chores war wichtiger als das Wohl der Schüler.

Die Taten sind verjährt. Und die glanzvollen Karrieren von «Orgel-Ratz» und «Bücher-Ratz», wie man die Brüder Ratzinger noch bei der gemeinsamen Priesterweihe im Jahre 1951 nannte, macht sie eh unverletzlich. Georg, der seinen Bruder Joseph gerne besucht, betont, zu Hause in Bayern noch immer von einstigen Domspatzen besucht zu werden. Der Regensburger Bischof Rudolf Vorderholzer, der am Montag die missbrauchten Sängerknaben vor den Medien zerknirscht um Vergebung bat, hatte kurz zuvor bei Georg Ratzingers 95. Geburtstag dessen musikalische Verdienste gewürdigt – mit einer feierlichen Vesper im Regensburger Dom, gesanglich begleitet von den Domspatzen.

Erstellt: 24.07.2019, 17:56 Uhr

Artikel zum Thema

Alle Hoffnung liegt im Grab

36 Jahre nach dem mysteriösen und spurlosen Verschwinden von Emanuela Orlandi lässt der Heilige Stuhl eine interne Ermittlung zu – hinter den vatikanischen Mauern, im deutschen Friedhof. Mehr...

Wie eine Journalistin den Job der Justiz machte

Julie Brown, Reporterin beim «Miami Herald», hat den Missbrauchsskandal um Jeffrey Epstein aufgedeckt. Mehr...

Sie macht den Missbrauch an Nonnen öffentlich

Von den Bischöfen gefürchtet, von der Basis gefeiert: Doris Wagner ist die Galionsfigur des katholischen Aufbruchs. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...