Paradies für Krawallbrüder

Vom Politiker Glarner bis zum Youtuber Rezo: Der Kommunikationsraum Internet stellt die Zivilgesellschaft vor schwere Probleme.

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SVP-Nationalrat Andreas Glarner weiss, wie man die sozialen Medien zur Selbstbewirtschaftung nutzt. Das zeigte er diese Woche erneut, als er E-Mail und Telefonnummer einer Zürcher Lehrerin veröffentlichte mit der Aufforderung, besagter Fachkraft «die Meinung zu geigen». Er fand es skandalös, dass sie den Eltern eines muslimischen Schülers mitgeteilt hatte, er müsse für den Tag des muslimischen Fastenbrechens Bayram keinen Jokertag einsetzen. Wirklich skandalös war aber nur, was Glarner dieser Lehrerin angetan hat – aus purem Eigennutz.

Glarner ist eine jener Figuren, die nur dank ihrer Pöbeleien auf den sozialen Medien bekannt wurden – unter freundlicher Mithilfe der klassischen Medien. Und zwar nicht etwa deshalb, weil die Mehrheit gut findet, was er tut. Es ist vielmehr die breite Ablehnung seiner Aktionen, die dazu führt, dass er solche Beachtung findet. Denn in den sozialen Medien ist die wichtigste Währung Engagement. Und deshalb haben jene die Themenführerschaft, denen es gelingt, viel Emotionen zu erzeugen – ob positiv oder negativ. Das ist auch der Grund, warum sich dort so viele Krawallbrüder und -schwestern finden, weil sie nämlich dafür belohnt werden, wenn sie die Leute vor den Kopf stossen und sich so skandalös verhalten, dass über sie berichtet wird.

Mit einem Krawallbruder anderer Art musste sich in den vergangenen Wochen auch die deutsche Politik auseinandersetzen. Kurz vor den Europawahlen stellte Youtuber Rezo ein einstündiges Video online, worin er mit der CDU – und im Vorbeigehen auch mit allen anderen politischen Parteien Deutschlands abrechnet.

Mit grosser Reichweite kommt grosse Verantwortung

Der Rant (so nennt man eine emotionale Meinungsäusserung auf Neudeutsch) fand ein Millionenpublikum und versetzte weite Teile der deutschen Politik in Panikmodus. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer kritisierte solche «Meinungsmache» scharf und forderte strengere Regeln für Meinungsäusserungen im Netz. Youtuber müsse man künftig wie Zeitungsredaktionen behandeln, forderte sie – und sie auch denselben Regeln unterwerfen.

Als Kommunikationsraum sind die sozialen Medien tatsächlich nach wie vor der Wilde Westen. Die neue Öffentlichkeit, die dort entstanden ist, in der jeder und jede eine Stimme hat, bietet ungeahnte Möglichkeiten – wenn etwa ein Youtuber mehr Menschen erreicht als die Tagesschau. Aber sie hat auch ganz eigene Risiken, wie etwa Falschinformationen und Manipulationen, die ganze Gesellschaften destabilisieren können.

Mit grosser Reichweite kommt grosse Verantwortung, wissen die klassischen Medien von jeher. Deshalb gibt es einen Pressekodex, gibt es Sorgfaltsregeln für Journalisten und einen Presserat, der über deren Einhaltung wacht. Solche Regeln kennen Youtuber, Twitterer und Facebooker nicht. Das haben mittlerweile auch die Plattformen selber erkannt: Facebook hat angekündigt, rigoroser gegen Falschmeldungen vorzugehen, auch von Twitter und Youtube gibt es ähnliche Absichtserklärungen.

Es ist eine schwierige Aufgabe, eine Grenze zwischen Missbrauch und Meinungsfreiheit zu ziehen.

Doch die Plattformen scheinen grosse Probleme zu haben, wie man gewollten von ungewolltem Content unterscheiden soll. So kündigte Youtube am Mittwoch an, gegen diskriminierende Inhalte auf der Basis von Rasse, Gender, sexueller Orientierung vorzugehen. Als Beispiel nannte man Videos, in denen Nazis glorifiziert werden – was natürlich ein einfacher Fall ist.

Mehr Probleme bereiten subtilere Diskriminierungen, etwa gegen Homosexuelle. Als Vox-Journalist Carlos Maza vergangene Woche öffentlich machte, wie er vom rechten Youtuber Steven Crowder immer wieder belästigt werde, weil er schwul und Latino sei, antwortete Youtube zunächst, Crowder verstosse nicht gegen die Richtlinien. Nur einen Tag später wurde Crowders Kanal dann doch gesperrt, weil er gegen die Richtlinien verstossen habe. Auf der anderen Seite sperrte Youtube den Lehr-Kanal eines rumänischen Geschichtslehrers mit Lektionen über Nationalsozialismus – angeblich wegen Hassreden. Auch hatte Twitter unlängst angekündigt, Accounts mit «irreführenden Informationen zu Wahlen» sperren zu wollen. Darauf wurden mehr oder weniger willkürlich Profile gesperrt, der Account eines Berliner SP-Abgeordneten war dabei ebenso betroffen wie jener der Wochenzeitung «Jüdische Allgemeine» – beide hatten die AfD kritisiert.

Unklar ist, ob solche Sperrungen auf einen Algorithmus zurückzuführen sind oder ob die Accounts aufgrund von Meldungen gesperrt wurden. Klar ist hingegen, dass es eine schwierige Aufgabe ist, die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Missbrauch zu ziehen. Wir stehen dabei erst am Anfang. Bis der Wilde Westen kein Paradies für Krawallbrüder mehr ist, sondern zivilisiert funktioniert, wird es noch dauern.

Erstellt: 07.06.2019, 19:55 Uhr

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