Philosophie des Arschlochs

Wann ist jemand ein Arschloch und eben kein Trottel oder Sauhund?

Klo-Rolle nicht ersetzt: Hier war ein Arschloch am Werk.

Klo-Rolle nicht ersetzt: Hier war ein Arschloch am Werk. Bild: Peter Dazeley (Getty Images)

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Kürzlich hat Stan Wawrinka Roger Federer als «Arschloch» bezeichnet. Es war im Spass, und wir alle wissen, dass Federer ziemlich sicher kein solches ist. Doch auf wen trifft die Bezeichnung zu? Und wann ist jemand ein Arschloch und eben kein Trottel oder Sauhund? Damit beschäftigt sich nicht nur der Stammtisch, sondern auch die Philosophie. Nun sind Leute, die andere Leute in Arschlöcher und Nichtarschlöcher einteilen, selber nicht ganz unverdächtig. Aaron James, Harvard-Abgänger und Professor in Kalifornien, hat es mit dem Buch «Assholes: A Theory» trotzdem gewagt.

Die Definition des Philosophen lautet: Ein Arschloch ist jemand, der sich systematisch Freiheiten herausnimmt, die andere stören, und durch sein tief verwurzeltes Anspruchsdenken immun gegenüber Reklamationen ist. Auch ist ein Arschloch meistens narzisstisch und unfreundlich, vom Soziopathen unterscheidet es sich eigentlich nur, dass es sich ans Gesetz hält. Wie der Soziopath löst es bei seinen Mitmenschen jedoch Ohnmachtsgefühle, Angst oder Wut aus.

Man könnte nun verschiedene Staatsmänner oder Chefs auf ihren Arschlochigkeitsfaktor überprüfen – und käme wohl bei einigen auf einen hohen Wert –, aber so weit muss der Blick gar nicht schweifen. Auch der Alltag ist voller Kandidaten: jene Mitmenschen, die einen im Gespräch ständig unterbrechen oder in der Warteschlange nach vorne drängeln. Ganz schlimm: Typen, die im Verkehr hupend nahe auffahren, weil es ihnen zu wenig schnell vorwärtsgeht. Meistens sind Arschlöcher übrigens Männer. Das erklärt wohl, wieso der Kraftausdruck kaum je an Frauen gerichtet wird.

Arschlochverhindernde Systeme

Arschlochigkeit ist keine punktuelle Unaufachtsamkeit, sondern ein permanenter Zustand. Interessant ist denn die Frage, wie jemand zu einem Arschloch wird. Dahinter verbirgt sich eine jahrzehntealte Debatte – die um «nature oder nurture»: Welche Faktoren steuern nach der Geburt die Entwicklung der Persönlichkeit? Sind es die Gene, die uns mitgegeben wurden? Oder ist es die Gesellschaft, in der wir aufwachsen, die Familie, die Schule, unsere Freunde? Ist Empathie angeboren oder anerzogen? Die Suche nach dem Arschlochgrund ist mindestens so komplex wie jene nach den Ursachen von Intelligenz oder Adipositas.

Aaron James neigt dazu, die Umweltfaktoren stärker zu gewichten, was nichts anderes bedeutet, als dass es in gewissen Gesellschaften mehr Arschlöcher gibt als in anderen. Arschlochfördernd sind unter anderem Eltern, die bei der Erziehung ihrer Kinder das Selbstwertgefühl überbewerten. Aber auch die sozialen Medien als Katalysatoren für Narzissmus sind zu nennen, genauso wie die stereotypen Geschlechterbilder, die Jungs von Natur aus kompetitiver veranlagt sehen als Mädchen. Eine gleichzeitige Schwächung von arschlochverhindernden Systemen wie Familie, Religion, Gesetzgebung oder Sozialstaat verschlimmert die Situation.

Kurz: In unseren westlichen Gesellschaften gibt es besonders viele Arschlöcher. Das hat der eine oder andere Leser wahrscheinlich geahnt. Doch wie mit Arschlöchern umgehen? Soll man sich über sie ärgern und ihnen die Stirn bieten? Wer das schon mal getan hat, weiss, wie sie reagieren: empört, weil ihr vermeintlich höherer Status angezweifelt wird. Das ist das Problem mit Arschlöchern: Man kann ihr Verhalten zwar verurteilen, aber bewirkt damit keine Veränderung. Wer gegen ein Arschloch ankämpft, betreibt Symptombekämpfung. Denn davon ausgehend, dass sie von ihrer Umwelt zu Arschlöchern gemacht worden sind, tragen sie streng genommen keine Schuld an ihrem Verhalten. Philosophisch gesehen, müsste sich unser Ärger gegen die sozialen Kräfte richten, die Arschlöcher hervorbringen.

Bevor wir nun in die Diskussion abgleiten, ob der Ruf nach Sühne und Vergeltung in allen Lebensbereichen obsolet ist, begnügen wir uns hier mit angewandter Philosophie: Wenn einer hupend nahe auffährt, bringt es wenig, ihm «Arschloch» anzuhängen. Befriedigend ist es aber.

Erstellt: 22.03.2017, 16:10 Uhr

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