Pokémon Stay

Was einem Monster in der Realität durch den Kopf geht.

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Ein Pokémon auf dem Nordpol.

Pokémon: Da stehe ich und stehe ich und es ist immer noch keiner gekommen um mich einzufangen. Hätte sich mein Algorithmus ja auch denken können, dass hier oben auf dem Nordpol keine Spieler anzutreffen sind, aber früher oder später wird sich doch einer ins Flugzeug setzen um zu mir zu fliegen. Der Pokéstop hier um die Ecke ist ja nicht umsonst von Nordpol-Touristik gesponsert. Aber ich will mich nicht beklagen, es gibt Pokémons, die leben mitten in der Zivilisation und es kommt trotzdem keiner um sie zu fangen. In einer Steiner-Schule zum Beispiel. Da sind keine Bildschirme vor zwölf Jahren erlaubt. Der absolute Horror. Und seit vor ein paar Jahren publik wurde, dass die ganzen Silicon-Valley Cheftechnologen von eBay bis Google ihre Kinder allesamt in Waldorfschulen schicken, expandiert dieses mittelalterliche, fürchterliche Lehrkonzept auf der ganzen Welt. Alle Eltern fühlen sich von der IT-Welt bestätigt, dass IT schädlich sei für diesen ganzen gesunden K-Kram wie Kreativität, Konzentration und soziale Kompetenz der Kids. Aber da wussten sie noch nicht, dass wir Pokémons kommen, ha! Wir bewegen die Kids an der frischen Luft. Über uns schliessen sie wie zu alten Zeiten analog mit anderen Freundschaft. Wir helfen sogar gegen Depressionen und Angstzustände, weil die Leute sich wieder aus dem Haus trauen. Und wenn das alles bald klinisch belegt ist, dann wird auch den Kindern aus den Waldorf- und Hippie-Dörfern ein Smart-Phone in die Hand gedrückt, ausser es kommt wieder das «Nein, die Pokémons wollen doch nur an eure Daten!» Ich kann diese Diskussion nicht mehr hören. Die Leute sollen doch froh sein, dass es neben dem Geld jetzt eben noch eine zweite Währung gibt. Klar sind Menschen, die zu viele Daten besitzen gefährlich, aber Menschen, die zu viel Geld besitzen auch. Und trotzdem schreien wir nicht bei jedem Einkauf: Achtung, geb dein Geld nicht her, das ist gefährlich! So. Und wenn das endlich alle kapiert haben, dann sind auch unseren Spielern keine Grenzen mehr gesetzt. Wir Pokémons kennen nämlich keine Grenzen, weil wir keine haben. Open Borders sozusagen. Stacheldraht, Sicherheitsschranken, Landesgrenzen, wir kommen überall hin, wo das weltweite Netz ist. Wir brauchen kein Visum, kein Asyl, keine Hautfarbe, wir Monster sitzen in Gerichtszimmern, in Gefahrenzonen, hinter Absperrbändern und in Gefängnissen. Klar, man kann den Spielern, wie in Saudiarabien ganz verbieten mit uns zu spielen, aber das hält uns trotzdem nicht davon ab auf dem Kopf des Scheichs herum zu tanzen, ha! Ich will jetzt gar nicht politisch werden, ich will nur spielen. Und in dem Punkt sind wir Pokémons den Menschen eben weit voraus. Wir kämpfen, aber wir verletzen niemanden, sondern machen Spass, ha! Klar, könnt ihr sagen, wir sind nur virtuell, keine Realität, aber dass es bereits Vollzeitstellen als Pokémon-Trainer, oder - Chauffeure gibt, ist das Realität oder nicht? Dass Friedhöfe besucht werden, weil sie nicht nur Ruhestätte für Tote, sondern auch Brutstätte für Monster sind, ist das Realität oder nicht? Dass Strassen gesperrt werden, weil sich darauf seltene Pokémons befinden, ist das Realität? Und, dass bei dem Pokéstop hier um die Ecke bereits ein Wirt ein Kaffee eröffnet hat und genauso gelangweilt wie ich darauf wartet, dass endlich die grosse Kundschaft anreist um sich mit virtuellen Hypergetränken und realen Zuckergetränken vollzutanken, ist das nun Realität oder nicht? Der einzige Unterschied zwischen dem Wirt und mir ist, dass er friert und ich nicht, ha! Virtual Reality könnt ihr vergessen, jetzt kommt die Real Virtuality! Oh, da kommt jetzt ein Spieler, endlich, ha! Ich seh ihn, er kommt direkt auf mich zu! Was ist das für einer? Ich erkenn ihn nicht... Was ist das für ein Wesen? Das sieht ja gar nicht aus wie ein Mensch... Ein Monster? Aber kein Pokémonster... Oje, ein Hack, oje, jetzt fand ich es doch gerade so schön in der Realität. Oh nein, oh je, fertig, aus, nein!
Puff.

Erstellt: 15.08.2016, 13:54 Uhr

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