Privatheit wird ein Luxus

Krankenkassen wollen unsere Fitnessdaten, Händler unsere Kaufmuster. Verweigerung ist möglich, kostet aber Geld. Muss man sich Privatsphäre leisten können?

Wir wissen, was du denkst. Foto: Bill Diodato (Getty Images)

Wir wissen, was du denkst. Foto: Bill Diodato (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schritte pro Tag, Bankbezüge im Monat, Herzschlag in der REM-Phase: Wir generieren Daten, immerzu. Die Firmen unseres Vertrauens würden diese gern auswerten. Eben hat die «NZZ am Sonntag» aufgezeigt, wie Schweizer Autoversicherungen Junglenker mit Fahrtenschreibern ausrüsten, um mehr über deren Fahrstil zu erfahren. Und letztes Jahr machte die Krankenkasse CSS Schlagzeilen, weil sie ihre Kunden zur elektronischen Messung ihrer Bewegung anregte. Andere Kassen haben seither nachgezogen, Gesundheits- und Lifestyledaten sind begehrt.

Natürlich ist alle Datenabgabe freiwillig und gemäss den Anbietern im Interesse des Kunden. Als Anreiz winken Rabatte bei den Versicherungsprämien (bei den Krankenkassen derzeit erst bei Zusatzversicherungen). Niemand muss mitmachen. Doch wer nicht mitmacht, zahlt mehr.

In der Tendenz bedeutet das: Privatheit wird zum Luxus. Man muss die Mittel haben, um die ständige Auswertung seiner Körper- und Shoppingdaten unterbinden zu können. Sie wollen wirklich kein Kundenkärtli? Wie Sie meinen. Aber dann kostet das Kleid leider mehr.

Schweig, lieber Kühlschrank

Dass die unbeobachteten Zonen schwinden, ist nicht neu. Galt bis vor kurzem die Grundannahme: Wahrscheinlich schaut niemand zu, so lautet sie heute: Das sieht sicher jemand. Kameras sind überall. Schuld ist zum einen unser Bedürfnis nach Sicherheit, die Angst vor Anschlägen, Terroristen, verurteilten Pädophilen im Nachbarhaus. Entscheidender aber ist die Smartphone-Revo­lution: Hält ein Politiker heute auf einem Dorffest eine Rede mit schwerer Zunge, ist der Handyfilm am nächsten Tag im Netz. Knutschen zwei Teenager etwas gar leidenschaftlich am Klassenfez, wird gefilmt und geteilt. Missgeschicke, Peinlichkeiten – alles wird öffentlich. Die heranwachsende Generation lebt nicht zügelloser, sondern beherrschter, denn sie steht ständig auf der Bühne. 15 Minuten Ruhm, das war einmal – heute sehnt man sich nach 15 Minuten Anonymität, wie der Künstler Banksy formulierte.

Und es wird weitergehen. In einer Studie zur Zukunft der Privatheit meldete das amerikanische Pew Research Center: «Alles wird transparent sein im Jahr 2025. Niemand wird mehr die Illusion von Privatheit haben.» Das Internet der Dinge – also die Welt, in der Haushaltsgeräte und Fiebermesser ständig online sind und ihre Daten in Auswertungsprogramme einspeisen – werde Privatsphäre zum Ding der Nostalgiker machen.

Nostalgiker aber sind ein Markt. Privatheit wird ein kommerzielles Gut. Von Chiffriersoftware und anderen «privacy enhancing technologies» bis zum schweigenden Kühlschrank, der sicher niemandem Daten über den Milchkonsum seines Besitzers weiterleitet: Privatsphäre ist möglich, man muss sie sich aber leisten können.

Wann ist man selbst das Produkt?

Man kann diese Entwicklung beklagen. Denn bis jetzt verstehen wir Privatheit ja als Recht, nicht als Gut. Dies sicher seit dem bürgerlichen Zeitalter, in dem es galt, dem stärker werdenden Staat Zugriff auf gewisse Lebensbereiche zu verwehren. Privatheit war da für alle. Nun entsteht ein neues Gefälle: Wer reich ist, zieht den Vorhang, wer kein Geld hat, zieht sich aus.

Doch es gibt auch positivere Deutungen. Diese begrüssen eine Erschütterung der Gratiskultur: Umsonst gibt es eben doch nichts. Privatheitskosten gehören ins Familienbudget. Ein Merksatz des Internets lautet: Wenn du für ein Produkt nichts bezahlst, bist du selber das Produkt.

In jedem Fall sollten wir uns freuen an den letzten Resten bedingungsloser Privatheit, wenn wir ihnen begegnen. Etwa am SBB-Schalter, wo man noch ohne Ausweis und Namensnennung buchen, ja sogar bar und anonym bezahlen kann. In nicht weit entfernter Zukunft wird einem eine solche Transaktion verdächtig vorkommen.

Glücklich ist dann, wer kein Billett kaufen muss, sondern daheim bleiben kann. Denn dies, so bemerkt der Zürcher Thinktank W.I.R.E. in seiner aktuellen Publikation zur Zukunft des Verkehrs, ist der nächste Luxus in einer Zeit der dick geschwollenen Pendlerströme: Immobilität.

Es klang so gut, so frei: digitale Nomaden, immer online, immer unterwegs. Nun zeigt sich: Wahre Freiheit ist es, die Verbindung zu kappen und daheimzubleiben. Das wird was kosten.

Erstellt: 09.08.2016, 23:43 Uhr

Artikel zum Thema

Versicherer haben es auf Gesundheitsdaten abgesehen

Schrittzähler und Smartwatches zur Überwachung der eigenen Fitness liegen im Trend. Davon wollen jetzt auch die Krankenkassen profitieren. Mehr...

«Die Eingriffe in die Privatsphäre reichen schon sehr tief»

Der neue Datenschutzbeauftragte Adrian Lobsiger wehrt sich gegen den Verdacht, er werde als Ex-Polizeimitarbeiter gegenüber seinen früheren Kollegen zu zahm auftreten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...