Prost und Mahlzeit

Eine Woche lang fuhr der Chef der deutschen Welthungerhilfe durch Nordkorea. Er wollte sehen, wie die Hilfsprojekte vorangehen. Hunger? Es gab ständig etwas zu essen.

Wenn Kim Jong-un eine Keksfabrik besucht, scheint Überfluss zu herrschen. Aber 40 Prozent der Nordkoreaner sind unterernährt. Foto: EPA, Keystone

Wenn Kim Jong-un eine Keksfabrik besucht, scheint Überfluss zu herrschen. Aber 40 Prozent der Nordkoreaner sind unterernährt. Foto: EPA, Keystone

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Kim Jong-un hat hier gefeiert, Nordkoreas Diktator, am 27. April und am 28. September 2013. So steht es auf einem Messingschild neben der Tür. In der Mitte des Festsaals ist ein gewaltiger Holztisch, sieben, vielleicht acht Meter im Durchmesser. Darauf ein Rondell, auf dem sich die Speisen im Kreis drehen, ein Elektromotor treibt die Platte an. Kellnerinnen eilen herbei und stellen Teller mit Hühnchen, scharf gewürzten Auberginen und grilliertem Rindfleisch darauf. Sie füllen Rotwein in bauchige Gläser.

Das Haedanghwa ist eines der teuersten Restaurants in Pyongyang. Nordkoreas Generäle zogen sich hier mit Prostituierten in die Séparées zurück. Es gehörte einmal der Familie von Kims Onkel Jang Song-thaek, bis der Diktator ihn hinrichten liess. Jetzt feiert die Welthungerhilfe hier. Till Wahnbaeck sitzt am grossen Tisch, das Rondell dreht sich, Auberginen, Rindfleisch, Hühnchen. Der 45-Jährige ist der Chef der Welthungerhilfe, und ganz wohl ist ihm nicht. Ein, zwei Bier mit den Kollegen, das hätte ihm gereicht als Abschiedsparty nach seiner fast einwöchigen Reise durch Nordkorea. Es ist ein Land, in dem es kaum etwas zu essen gibt und in dem dennoch geprasst wird. Ein Land, in dem die Äcker mit Ochsengespannen bestellt werden, in dessen Hauptstadt sich die Elite in eleganten Limousinen herumchauffieren lässt.

Nordkorea ist ein Land, in dem es kaum etwas zu essen gibt und in dem dennoch geprasst wird.

Einer der Nordkoreaner reicht ihm ein Mikrofon, er soll eine Rede halten. Was sagt man in so einer Situation, wenn man als oberster Hungerbekämpfer Deutschlands in einem Edelrestaurant in Pyongyang sitzt? Till Wahnbaeck versucht es mit Humor: «Es ist jetzt 19.30. Ich wage die Prognose, dass bis 20.30 in diesem Saal niemand mehr hungrig sein wird.» 20.30, damit meint er nicht etwa die Uhrzeit, sondern das Jahr 2030. Bis dahin, so haben es die Vereinten Nationen als Ziel ausgegeben, wollen sie den Hunger weltweit besiegt haben. Ein Insiderscherz in Nordkorea.

Seit zwei Jahren ist Wahnbaeck Chef der Welthungerhilfe. In fast 40 Ländern ist die Organisation aktiv. Er hat sich vorgenommen, alle Projekte einmal zu besuchen. Er war in Äthiopien, Afghanistan, Somaliland. Auf den meisten seiner Reisen hat er Journalisten mitgenommen. Nach Erscheinen der Zeitungsartikel steigt das Spendenaufkommen. Deswegen lässt er sich auch nach Nordkorea begleiten, aber eine PR-Tour wird es nicht. Stattdessen: Empfänge, üppige Abendessen und das ständige Gefühl, dass hier etwas gewaltig schiefläuft.

Mitte der Neunzigerjahre brach in Nordkorea eine Hungersnot aus, Hunderttausende starben. Mit dem Ende der Sowjetunion war der sozialistische Warenaustausch kollabiert. Nordkorea bekam kein Benzin und kein Getreide mehr zu Vorzugspreisen, das eigene Land ist viel zu bergig, um genug Nahrung anzubauen. Bis heute sind die Folgen spürbar: Etwa 40 Prozent der Bevölkerung sind unterernährt.

Seit 1997 ist die Welthungerhilfe in Nordkorea aktiv. Sie heisst hier nicht Welthungerhilfe, sondern EUPS 4. Das steht für European Union Programme Support Unit 4. 2005 verbot das Regime alle Hilfsorganisationen im Land, Kompromiss war damals, dass sechs europäische Einrichtungen bleiben dürfen. Sie müssen sich allerdings den nordkoreanischen Regeln unterwerfen. Save the Children ist EUPS 2, Concern Worldwide EUPS 3. Das Aussenministerium bestimmt das Personal und weist an, in welchen Provinzen Hilfe geleistet werden darf.

Ein Politikoffizier als Aufpasser

Von 18 Mitarbeitern der Welthungerhilfe in Pyong­yang sind 14 vom Regime bestellt, neben einem Politoffizier sind das Fachleute aus dem Landwirtschafts- und dem Gesundheitsministerium. Dazu drei Fahrer und eine Köchin. Die vier Ausländer kümmern sich vor allem ums Geld. Aber auch hier regiert der Staat mit. Nur wer genehm ist, darf bleiben.

Vor zwei Jahren kam es zum Eklat. Die damalige Landesdirektorin der Welthungerhilfe wurde auf einmal von der Staatssicherheit verfolgt. Sie hatte einer Zeitung in Deutschland ein Interview gegeben. Gesagt hatte sie eigentlich nichts Besonderes, das Regime fühlte sich offenbar trotzdem beleidigt. Nach einem Termin im Aussenministerium blieben ihr 48 Stunden, um das Land zu verlassen.

Seit dem Rauswurf hat die Welthungerhilfe nur Techniker ins Land geschickt. Einen Wasserbauingenieur, einen Meteorologen, einen Agrarwissenschaftler, der neue Landesdirektor ist ein Arzt aus Indien. Es war seine Idee, die Abschiedsparty im Haedanghwa zu feiern. Er ist ein Mann, der gerne repräsentiert. Im Büro der Welthungerhilfe hängen Fotos in goldenen Rahmen. Auf fast jedem zweiten Bild ist er selbst zu sehen. Den Konferenzraum hat er extra für den Besuch neu streichen lassen.

Serviert wird diesmal ein sechsgängiges Menü: Pasteten, Suppe mit Croûtons, Pilzlasagne, Rindermedaillons, Curryreis, Erdbeereis.

Der Politoffizier ist ein stattlicher Nordkoreaner. Ein paar Jahre hat er in Kinshasa als Diplomat gedient. «Mr. Smile» nennen sie ihn im Ministerium. Jetzt überwacht er die Welthungerhilfe. Mr. Smile sagt, die Arbeit der Welthungerhilfe in Nordkorea werde von der Regierung sehr geschätzt. «Wir brauchen aber mehr finanzielle Unterstützung, um mehr Menschen in unserem Land zu helfen.» Einfach mehr Geld? So funktioniert Entwicklungshilfe nicht. Im besten Fall steht am Anfang ein Pilotprojekt, im allerbesten Fall geht es um eine simple Lösung, die dann überall im Land nachgemacht werden kann. Von Replizierung sprechen Entwicklungshelfer dann, es geht um Hilfe zur Selbsthilfe. Eigentlich.

Am Nachmittag bricht ein Konvoi nach Wonsan auf, einer Hafenstadt an der Ostküste. Vier Stunden dauert die Fahrt. In Wonsan hat der Direktor des Provinzkomitees zum Abendessen ein ganzes Restaurant sperren lassen. Ein einziger Tisch ist gedeckt. «Schaut mal, die Kellnerinnen sind Zwillinge», sagt der Funktionär. Die Zwillinge servieren Meeresfrüchte, rohen Fisch, Seegurken. Es gibt Bier und Soju, koreanischen Reisschnaps. Der Funktionär geht um den Tisch, bleibt neben Wahnbaeck stehen und hebt sein Glas mit Soju. Sie trinken auf ex. Als der Nordkoreaner wieder sitzt, bittet er um mehr Geld. «Wir sind jetzt Freunde», sagt er. «Bitte verlasse unsere Provinz nicht. Es ist besser, eine Frau zu haben als viele Geliebte.»

Als schon alle satt sind, bringen die Zwillinge den Hauptgang: Fisch mit Glasnudeln in einem Feuertopf. «Habt ihr eure Projekte repliziert bekommen?», fragt Wahnbaeck den Parteikader. «Wir versuchen es», antwortet der Funktionär. «Bald wird es so weit sein.» «Aber wir sind seit 20 Jahren im Land», sagt Wahnbaeck und stochert mit den silbernen Stäbchen im Feuertopf herum.

Am nächsten Tag geht es aufs Land. Die Kreisverwaltung von Anbyon liegt an einem staubigen Platz, an dessen Stirnseite zwei bemalte Betontafeln stehen. Sie sind fast zehn Meter hoch, man muss ein paar Stufen hinaufklettern, um zu ihnen zu gelangen. Links steht der Staatsgründer Kim Il-sung, er schaut gütig, rechts sein Sohn Kim Jong-il, der verschmitzt lächelt. Die örtliche Parteisekretärin trägt Uniform. Um sie herum stehen ein halbes Dutzend Funktionäre, nur Männer. In ihren Schlaghosen und den engen Jacken aus Vinalon sehen sie aus wie lauter kleine Kopien von Kim Jong-il. Es ist das Empfangskomitee für Till Wahnbaeck.

Eine 14-Jährige, klein wie eine 9-Jährige

Seit 2007 hilft die Welthungerhilfe dieser Gemeinde. Die Parteivorsteherin erzählt von den Projekten, es geht vor allem um Hygiene. Je besser die sanitären Einrichtungen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit einer Durchfallerkrankung, sagt sie. Man muss sich beim Zuhören konzentrieren, denn während sie redet, beschallen Propagandadurchsagen aus übersteuerten Lautsprechern den Platz.

In Anbyon hat die Welthungerhilfe Toiletten in insgesamt 275 Haushalte eingebaut. Man muss die Schuhe ausziehen, wenn man eine der Wohnungen betritt. Die Wohnzimmertür ist versperrt, Wahn­baeck fragt, ob er sie öffnen dürfe. Ein zierliches Mädchen steht im Raum. An der Wand hängen die beiden Kims. Links Kim Il-sung, rechts Kim Jong-il. «Bist du 9 Jahre?», fragt Wahnbaeck das Mädchen auf Englisch. Seine grosse Tochter ist so alt. Sie antwortet nicht. Ein Beamter übersetzt. «Nein», sagt das Mädchen. «Ich bin 14 Jahre alt.»

Auf dem Weg zurück zum Auto sagt Wahnbaeck: «Das Mädchen ist unterernährt. Sie wird ihr geistiges und körperliches Potenzial wohl nie ausschöpfen können.» Stunting nennt man das, Verkümmerung. Etwa 20 Prozent aller Kinder in Nordkorea sind nach Schätzungen der UNO davon betroffen. Genaue Zahlen gibt es nicht – wie so oft in Nordkorea. Normalerweise ermitteln Entwicklungshelfer vor einem Projekt den Istzustand, die sogenannte Baseline. Sie fragen zum Beispiel, was und wie viel die Leute in einer Gegend täglich essen. In Nordkorea ist das nicht möglich.

Zurück im Hotel, wartet die nächste Überraschung: 250 Franken verlangt das Hotel pro Nacht, übersetzt Mr. Smile.

Die Parteisekretärin hat neben einem Wasserreservoir ein Picknick aufbauen lassen. Kartoffeln, scharfen Rettich, eingelegte Pilze, dazu Bier aus Pyong­yang. Wahnbaeck nimmt sich eine Kartoffel, die Funktionärin zupft an einem Trockenfisch. «Wenn ihr nicht mehr kommt, wäre ich sehr deprimiert», sagt sie. Wahnbaeck sagt: «Wir sind abhängig von Spenden und Zuwendungen von Regierungen. Wir müssen nachweisen, dass unsere Projekte sich replizieren.»

Dieser Satz ist sein Mantra in Nordkorea. Auch am Abend nach einer holprigen Rückfahrt beim Empfang im Gästehaus des Aussenministeriums wird er ihn wieder sagen. Hierher lädt das Regime sonst nur Diplomaten und Staatslenker. Gastgeber ist der Chef der Europaabteilung im Aussenministerium. «Herr Generaldirektor», nennt Wahnbaeck ihn. Es geht vorbei an weissen Marmorsäulen und schwülstigen Lederfauteuils, der Funktionär bittet in einen Raum mit gedecktem Tisch. Serviert wird diesmal ein sechsgängiges Menü: Pasteten, Suppe mit Croûtons, Pilzlasagne, Rindermedaillons, Curryreis, Erdbeereis. Zu trinken gibt es Bordeaux. Der französische Wasseringenieur nimmt einen Schluck. «Oh, ein Grand Cru», sagt er.

Kim Jong-uns Wort ist Gesetz

Warum klappt es in diesem Land einfach nicht? An der Bildung liegt es nicht: Die Analphabetenquote ist auf europäischem Niveau. Das Problem ist das Regime selbst: Wenn die Führung wollte, könnte sie die humanitären Probleme sehr schnell lösen. Nordkorea ist so hierarchisch wie kein anderes Land der Welt, das System kennt nur eine Richtung, von oben nach unten: Wenn Kim Jong-un eine seiner Vorortanweisungen gibt, ist es Gesetz. Hält er seine Neujahrsansprache, gehen die Beamten in den Ministerien für Wochen in Klausur, um seine Worte zu interpretieren. Wenn er einen Raum betritt, wird eine Messingtafel graviert.

In fast jedem Raum im Haedanghwa, dem Restaurant mit dem gewaltigen Tisch, hängt eine Plakette. 720 Franken kostet die Welthungerhilfe-Party im Haedanghwa am Ende – in einem Land, in dem ein Universitätsprofessor kaum mehr als 22 Franken pro Monat verdient. Zurück im Hotel, wartet die nächste Überraschung: 250 Franken verlangt das Hotel pro Nacht, übersetzt Mr. Smile. Der Landesdirektor hatte eine Suite gebucht. Till Wahnbaeck lässt sich eine Rechnung für ein Standardzimmer geben. Den Rest zahlt er privat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2017, 09:54 Uhr

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