«Radikalen Reden folgen radikale Taten»

Schriftsteller Michal Hvorecký steht für Demokratie ein – und ist so ins Visier von Internet-Trollen geraten. Die Hasspostings seien eine Gefahr für die Zivilgesellschaften in Osteuropa.

Um nicht zu verzweifeln, hat Michal Hvorecký die Welt der Trolle literarisch verarbeitet. Foto: Frank May (Keystone)

Um nicht zu verzweifeln, hat Michal Hvorecký die Welt der Trolle literarisch verarbeitet. Foto: Frank May (Keystone)

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Michal Hvorecký, Sie beschreibenin Ihrem jüngsten Roman eine Welt,in der staatlich gelenkte Trolle das Internet ganz unter ihre Kontrolle gebracht und zum Propaganda-instrument umfunktioniert haben. Sieht so unsere Zukunft aus?
Ich verarbeite darin meinen Schock, wie sich das Internet entwickelt hat.

Was hat Sie so schockiert?
Mein Vater war ein Computerpionier in der Tschechoslowakei und hat die ersten Programme geschrieben. Ich bin also mit Computern aufgewachsen und auch mit dem World Wide Web. Für uns war das die Verwirklichung einer Utopie. Wir glaubten an eine neue, freie Welt, in der wir unser Wissen teilen und unsere Bildung und Kultur kostenlos verbreiten könnten. Stattdessen wurde das Web zum Werkzeug von Hasspredigern und autoritären Politikern. Die sozialen Netzwerke machten das Internet zum Gegenteil von dem, was es sein wollte.

Sind Sie selbst das Ziel von Troll-Kampagnen?
Immer wieder. Ich bin in der Slowakei eine öffentliche Person. Ich rede im Fernsehen und im Radio, ich trete bei Veranstaltungen und Demonstrationen auf. Ich schreibe lange Texte zu aktuellen politischen Debatten auf Facebook, und ich habe Zehntausende Follower. Unter ihnen sind auch einige Menschen, die mich heftig attackieren. Die kommen zu meinen Lesungen, fotografieren mich und stellen dann Bilder ins Netz, auf denen ich von einer grässlichen Seite gezeigt werde. Dazu stellen sie erfundene Zitate, die angeblich von mir kommen.

Wie reagieren Sie darauf?
Zuerst habe ich versucht, zu protestieren, zu argumentieren, zu erklären: dass ich nicht aus allen Slowaken Schwule machen wolle, nur weil ich die Gay-Pride-Parade unterstütze. Oder dass Solidarität mit Flüchtlingen nicht bedeute, dass ich Millionen Flüchtlinge in den Osten Europas einlade. Aber Erklärungen funktionieren bei Trollen natürlich gar nicht. Das stachelt sie nur an, noch wütender zu posten. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, um nicht zu verzweifeln. Dann habe ich diese Welt der Trolle literarisch verarbeitet.

Fühlen Sie sich durch Hass-Postings bedroht?
Bis zu Beginn dieses Jahres hatte ich den Eindruck: Troll-Attacken sind zwar sehr unangenehm, aber letztendlich bleibt es doch bei bösen Worten. Dann wurden im Februar der Journalist Ján Kuciak und seine Verlobte erschossen, und das hat alles verändert. Wir wissen jetzt, dass den radikalen Reden radikale Taten folgen. Ich bin zutiefst verunsichert, ich erkenne mein Land nicht wieder. Alles scheint hier möglich.

«Der Antisemitismus nimmt stark zu. Dabei spielt Facebook eine grosse Rolle.»

Es scheint doch so, als hätte die Polizei die Mörder gefasst?
Es gibt Fortschritte. Der mutmassliche Mörder und seine Handlanger sind in Haft. Aber wer hat den Mord bestellt? Es gibt einen Verdächtigen, der wegen eines anderen Delikts schon im Gefängnis sitzt. Angeblich hatte er eine Liste mit sieben Personen, die ermordet werden sollten: Journalisten, Politiker, Richter. Wenige Tage nach der Verhaftung des Mannes verschwanden jedoch 300 Seiten aus seiner Strafakte. Wie soll man da noch an den Rechtsstaat glauben?

Ja, wie?
In unserem Land muss das Vertrauen in die staatlichen Einrichtungen neu hergestellt werden. Dafür muss erst der Mord vollständig aufgeklärt werden. Deshalb sage ich: Wir sind es Kuciak schuldig, mutig zu sein. Wenn wir jetzt Angst haben, dann hat die Macht gewonnen.

Stehen Trolle immer im Dienst einer staatlichen Macht?
Nicht immer. Ich habe Trolle bei Veranstaltungen persönlich kennen gelernt. Das sind Leute, die eine Mission in sich fühlen. Irgendwann kam es in ihrem Leben zu einem Bruch, und nun fühlen sie sich von der Welt ungerecht behandelt. Aus ihrer Frustration wurde Fanatismus. Sie suchen Feinde und schaffen sich eigene Wahrheiten. Solche Schicksale sind tragisch. Aber das kann keine Rechtfertigung für die Verbreitung von Lügen und Hass sein. Mittlerweile kenne ich auch Intellektuelle, die zu Trollen geworden sind. Das ist besonders schlimm.

Sie beschreiben im Roman hingegen nicht Fanatiker, sondern Angestellte einer Troll-Fabrik, die Trolling als normalen Job verstehen, mit klaren Arbeitszeiten und Arbeitsvertrag.
Dass es in Sankt Petersburg eine russische Troll-Fabrik gibt, ist mittlerweile bekannt. Weniger bekannt ist, dass auch in Prag und Bratislava bezahlte Trolle leben, angeblich mit Verbindungen zur russischen Botschaft. Dieses organisierte Massen-Trolling ist besonders gefährlich, vor allem in den ehemaligen kommunistischen Ländern: Im Osten Europas ist es für junge, gut ausgebildete Menschen schwer, gute Jobs zu finden. Troll-Fabriken bieten ihnen guten Lohn und Karrierechancen. 

Sind Troll-Fabriken ein russisches Phänomen?
Es gibt sie auch in anderen Staaten mit totalitären Führungen. Aber Wladimir Putin hat am schnellsten verstanden, dass er mit den Trollen ein perfektes Instrument in der Hand hat, um das Vertrauen in die Wahrheit zu zerstören und Verunsicherung auf der Welt zu verbreiten. In der Welt der Trolle ist eine apokalyptische Bedrohung stets nahe: Flüchtlinge, der Islam, George Soros. Es gibt nur einen Retter: den grossen slawischen Helden Putin.

Trolle sind ja nicht ein ausschliesslich osteuropäisches Phänomen.
Nein, aber ich halte das Problem im Osten für grösser als im Westen. Denn in den Ländern des ehemaligen Ostblocks ist das Vertrauen in die klassischen Medien noch geringer als im Westen. Die Jungen informieren sich nicht mehr in Zeitungen oder TV-Nachrichten, sondern nur mehr über geteilte Nachrichten ihrer Freunde. In kleineren Gesellschaften wie der slowakischen können Trolle so mit geringem Aufwand schnell grosse Teile der Bevölkerung erreichen. Ausserdem sind Verschwörungstheorien bei uns kein Phänomen des Internets mehr. Sie werden von Spitzenpolitikern verbreitet. Konspiratives Denken ist politischer Alltag.

Auch das kennen wir im Westen, spätestens seit den Tweets von US-Präsident Donald Trump.
Im Osten sind Verschwörungstheoretiker in allen politischen Lagern vertreten. Der ehemalige sozialdemokratische Regierungschef Robert Fico ebenso wie die rechtsextreme Partei Unsere Slowakei. Die Rechtsextremen sind aber die weitaus aktivste Partei im Internet. Wenn ihre zahlreichen Trolle behaupten, der Westen wolle uns alle zu Schwulen und Lesben machen, dann lesen das bis zu einer Million User. Auch der Antisemitismus nimmt stark zu, obwohl es in der Slowakei fast keine Juden mehr gibt. Dabei spielt Facebook eine grosse Rolle.

Machen Sie Facebook für die Trolle verantwortlich?
Nur ein Beispiel: Im Internet kursiert das berühmte Bild des Tors zum KZ Auschwitz mit einer manipulierten Inschrift: «Flüchtlinge willkommen». Eine Zeit lang war das in Tschechien und der Slowakei eines der meistgeteilten Fotos im Netz. Wir haben Facebook mehrmals aufgefordert, das manipulierte Foto zu blockieren. Nichts geschah, wir bekamen nicht einmal eine Antwort. Facebook handelt wie eine Werbeagentur: Der Inhalt der Postings ist unerheblich, Hauptsache, sie werden geteilt und bringen neue Werbung.

Facebook sagt, dass es den Algorithmus ändert: weniger Nachrichten, mehr Beiträge von Freunden.
Davon merken wir nichts. Wir haben deshalb selbst die Initiative ergriffen, in einer Expertengruppe namens Konspiratori.sk. Wir haben eine Liste erstellt mit 133 Websites in Tschechien und der Slowakei, die nicht überprüfbare oder falsche Nachrichten verbreiten. Wir wollen verhindern, dass Firmen auf diesen Seiten werben.

Sie haben damit Erfolg?
Nicht immer. Es gibt eine tschechische Internetseite voller Hasspostings gegen Flüchtlinge. Der Betreiber gibt offen zu, dass er sie nur macht, um Geld durch die Werbung auf der Seite zu verdienen. Er betreibt sein Geschäft von England aus, ist also selbst ein Wirtschaftsflüchtling.

Trolling als Wirtschaftsmodell?
Das ist eher die Ausnahme. In ersterLinie wollen Trolle die öffentliche Diskussion zerstören. Sie werden so lange immer lauter und aggressiver, bis die Medien ihre Debattenforen schliessen. Ohne Debatte aber kann es keine Demokratie geben. Und da haben die Trolle Erfolg: Unsere Gesellschaft ist nicht mehr zwischen links und rechts gespalten, sondern zwischen jenen, die an die Demokratie glauben, und jenen, die sie verachten.

Warum sehen Regierungen im Kampf gegen falsche Nachrichten und Hetze im Netz so hilflos aus?
Die Regierungen brauchen doch diese Pseudokonflikte. In der Slowakei stritten wir zuerst über die Rechte von Homosexuellen und jetzt, ob wir entweder zehn oder null Flüchtlingskinder aus Syrien aufnehmen sollen. Gleichzeitig sucht die Wirtschaft verzweifelt nach qualifizierten Arbeitskräften, fehlen Tausende Kindergartenplätze, streiken die unterbezahlten Lehrer, und junge Menschen wandern frustriert in den Westen aus.

Die Wut der Bürger richtet sich aber gegen die zehn Flüchtlingskinder?
Wir können nur schwer begreifen, was rund um uns passiert. Und dann sehen wir Bilder von Menschen mit dunkler Hautfarbe, die sich auf die Grenze zubewegen.

Und diese Bilder sind stärker als jene von unterbezahlten Lehrer.
So ist es, Emotionen spielen eine unglaublich wichtige Rolle, und das wissen die Trolle natürlich sehr genau. Ich war beim Lehrerstreik sehr aktiv, aber letztlich sind wir gescheitert. Zu den Kundgebungen kamen nie mehr als 3000 Menschen. Das Gefühl der Solidarität ist verschwunden. Armut oder Umweltschäden, das sind in Osteuropakeine Themen, die die Menschen stark bewegen.

Wie sollen wir nun mit den Trollen umgehen?
Eine gute Waffe gegen Trolle kann der Humor sein. Aber Satire allein reicht nicht. Wir müssen uns die Mühe machen, den Profilen der Hassposter nachzugehen, falsche Profile aufzudecken. Das kostet viel Zeit, aber es führt kein Weg daran vorbei.

Erstellt: 08.12.2018, 18:37 Uhr

Der Vielschreiber, der Ziel von Troll-Attacken ist

Der Schriftsteller und Journalist Michal Hvorecký (42) lebt mit seiner Familie in Bratislava. Sein jüngster Roman, «Troll», (deutsche Übersetzung im Tropen-Verlag) schildert das Innenleben einer Troll-Fabrik in einer totalitären Gesellschaft und ihre verheerende Aussenwirkung. Hvorecký kritisiert in Presseartikeln und auf seinem Facebook-Account immer wieder scharf die totalitären Tendenzen der Regierungen in Osteuropa. (bo)

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