Rechte Revolte gegen «häretischen Papst»

Ob Wiederverheiratete zur Kommunion dürfen, ist zur Hauptfrage des Pontifikats von Franziskus geworden – den Ewiggestrigen sei Dank.

Wegen Streit in der Kirche kann Papst Franziskus nicht immer Seelsorger für die Armen sein. Foto: Reuters

Wegen Streit in der Kirche kann Papst Franziskus nicht immer Seelsorger für die Armen sein. Foto: Reuters

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Die Revolte ins Rollen gebracht hatte eine Fussnote im rund 300-seitigen Lehrschreiben «Amoris Laetitia», «Freude der Liebe». In diesem kommentierte Papst Franziskus Anfang 2016 die beiden Familiensynoden der Vorjahre. In Anmerkung 351 deutet er die Möglichkeit an, dass in gewissen Fällen die Sakramente auch Menschen in «irregulären Beziehungen» helfen könnten, also etwa Katholiken in Zweitehen.

Diese deutungsoffene Aussage löste bei den Konservativen ein Beben aus – mit Nachbeben, welche die Kirche bis heute erschüttern. Die Rechte zürnt und tobt: Der mögliche Kommunionsempfang für wiederverheiratete Geschiedene sei ein Angriff auf Jesu Gebot der Unauflöslichkeit der Ehe, ja der Anfang eines Zersetzungsprozesses der Familien- und Sexualmoral. Vorläufiger Höhepunkt der Revolte ist die Zurechtweisung des Papstes Ende September, die ihn zum Häretiker macht – ein Vorgang, wie es ihn seit dem Mittelalter nicht mehr gegeben hat.

Die Autoren der «Brüderlichen Zurechtweisung wegen der Verbreitung von Häresien» werfen Franziskus vor, Ideen Martin Luthers aufgesessen zu sein und mit «Amoris Laetitia» die Kirche in eine «beispiellose Krise» gestürzt zu haben. Unbussfertigen Ehebrechern die Kommunion zu geben, sei ein Bruch mit der immerwährenden Lehre der Kirche und eine so schwere Sünde wie der Ehebruch selber und infolgedessen häretisch.

200 Unterzeichnende

Neben Tausenden von Gläubigen haben das Papier 200 Theologen, Professoren und Intellektuelle von rechts unterzeichnet: darunter der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach, der ehemalige Vatikanbank-Präsident Ettore Gotti-Tedeschi oder Bischof Bernard Fellay, der Generalobere der traditionalistischen Piusbrüder.

Die Zurechtweisung ist eine geharnischte Reaktion auf das päpstliche Schweigen zu dem im September 2016 veröffentlichten Dokument «Dubia», «Zweifel». Darin fragten vier Kardinäle Papst Franziskus voller Zweifel, ob er willens sei, die Lehre der Kirche zur unauflöslichen Ehe zu bewahren. Franziskus antwortete nie. Ja, seine Gegner werfen ihm jetzt vor, die Kritiker von «Amoris Laetitia» mit eiserner Hand abzustrafen.

Als prominentestes Opfer muss man den deutschen Glaubenspräfekten Gerhard Ludwig Müller sehen. Er hatte sich zwar nicht explizit auf die Seite der Dubia-Kardinäle geschlagen, aber in ihrem Geiste betont, dass Wiederverheiratete keine Sakramente erhalten dürfen. Seit Müllers abrupter Entlassung durch Franziskus am 30. Juni macht er aus seinem Groll keinen Hehl. «Jeder Kritiker von ‹Amoris Laetitia› wird hinausgeschmissen», behauptet er in einem Interview. Mitarbeiter der römischen Kurie lebten in Angst, es herrsche unter Franziskus ein Klima der Verdächtigung. Der berühmte katholische Philosoph Robert Spaemann doppelte nach, «Amoris Laetitia» habe die Kirche gespalten.

Keine grossen Reformen im Sinn

Viele folgern daraus, dass Franziskus angesichts so grosser Opposition gegen eine so kleine Öffnung keinerlei Chancen habe, gewichtige Reformen durchzusetzen. Man könnte aber auch argumentieren, dass er grosse Schritte Richtung Reform machen sollte, wenn er ja so oder so starken Widerstand gewärtigen muss. Die Gegner behaupten eh, «Amoris Laetitia» habe die Schleifung der katholischen Sexualmoral in Gang gesetzt. Man könne nicht einzelne Bausteine herausnehmen, ohne dass der ganze Bau zusammenfalle.

Doch eine solche Absicht ist aus «Amoris Laetitia» gerade nicht herauszulesen. Zum Bedauern der Reformkatholiken bekräftigt Franziskus dort das traditionelle Modell der Familie und der Geschlechterhierarchie inklusive Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung und der Abtreibung. Weitreichende Reformen hat er also nicht im Sinn. Nun aber ist das Problem, ob Wiederverheiratete zur Kommunion dürfen oder nicht, die beherrschende Frage seines Pontifikats geworden. Das ist bitter für einen Papst, der nicht als Glaubenswächter, sondern als Seelsorger auftritt und die Kirche wieder zu ihrem ursprünglichen Ort an der Seite der Armen zurückführen will.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2017, 22:59 Uhr

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