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Red mit mir, du Depp

Natürlich muss man reden mit dem politischen Gegner. Und manchmal einen Tisch zerhauen.

Es gibt keinen Anspruch auf Rede ohne Widerspruch: Zwei Figuren streiten sich. Foto: Carlos Scheidegger/ Flickr
Es gibt keinen Anspruch auf Rede ohne Widerspruch: Zwei Figuren streiten sich. Foto: Carlos Scheidegger/ Flickr

Eines gehört auf jeden Wunschzettel für 2018: mehr Streitkultur, mehr von Angesicht zu Angesicht ausgetragene Debatte. Das würde nicht nur das rhetorische Geschick und den Charakter des Einzelnen festigen, sondern den Zusammenhalt von Haus und Staat und Volk: Wenn alle unter sich bleiben und nur mit Genossen reden, gehen wir einander verloren.

Auch deshalb sollten Sie 2018 nicht nur die Wohlfühlblogs der Gleichgesinnten, sondern auch eine Zeitung abonniert haben, die Sie auf den Meinungsseiten verlässlich ärgert, zum Beispiel diese Zeitung, das wäre doch etwas.

2017 war kein gutes Jahr für die Streitkultur, auch in der Schweiz nicht. Im Herbst hat eine linke Gruppe einen geplanten Auftritt des ehemaligen CIA-Chefs David Petraeus an der ETH Zürich so mit Störprotest bedroht, dass der Anlass abgesagt und für geheim geladene Gäste ins Hotel verlegt wurde. Schade. Wo, wenn nicht an einer Hochschule soll man streiten können?

Doch auch die Gegenseite ist empfindlich. Als Christoph Blochers «Basler Zeitung» einen privaten Blogeintrag einer Lehrbeauftragten der Universität Basel hervorkramte, in dem die Frau den Boykott von Rechtsnationalen durch Hotels und Taxifahrer andachte, jaulten konservative Social-Media-Ritter auf: Fies, antidemokratisch, darf so jemand an einer staatlichen Uni lehren?

Pikiert und beleidigt

Pikierte, beleidigte Menschen, die nicht mehr reden wollen – es gibt sie auf beiden Seiten. «Die Zeit für Gespräche ist vorbei», fand die Schriftstellerin Sibylle Berg in ihrer Kolumne auf «Spiegel online». Sie wurde links wie rechts verstanden: Weshalb noch Zeit verschwenden mit den Braunhemden und dem Schwarzen Block? In Zeiten massivster Angriffe auf die Menschlichkeit (sagt links) und die Bürgerfreiheit (sagt rechts) ist ein Diskutanten-Teekränzchen der falsche Weg.

Wer nicht mehr streitet, hat verloren.

Zu Ende gedacht hiesse das: Widerstand, Bürgerkrieg, Pistolen statt Worte. Vielleicht muss man sich also freuen, erscheint derzeit viel Ratgeberliteratur, die das zu verhindern sucht: «Mit Rechten reden», «Mit Linken leben», und demnächst auch «Wir müssen reden». Eigentlich aber genügten drei schlichte Merksätze für das Gespräch selbst unter ärgsten Kontrahenten.

Erstens: Es gibt keinen Anspruch auf Schutz vor der bösen Welt. Wer bei gewissen Reizwörtern sofort «Nazi» schreit und sich die Ohren zuhält, ist nicht mutig engagiert, sondern ängstlich. Die Studentenempfindsamkeit der USA, wo Tausende kluge, junge Menschen sich an «trigger warnings» vor zweifelhafter Erotik auf Gemälden und Vergewaltigungen bei Shakespeare gewöhnt haben, befördert auch bei uns die Infantilisierung. Doch das Leben ist heftig, und es gibt kein Recht, vor ihm bewahrt zu werden. In politischen Debatten darf es keine verbotenen Themen geben. Es ist eine Errungenschaft, dass bei uns alles infrage gestellt werden darf, nichts heilig ist. Gesetze sorgen dafür, dass niemand zu Mord aufruft. Ansonsten gilt: Reden ist erlaubt.

Ein guter Mensch, der anders stimmt

Zweitens aber: Es gibt keinen Anspruch auf Rede ohne Widerspruch. Viele Rechtsnationale inszenieren sich als Mobbingopfer, als Minderheit, der der Mund verboten wird. Dies, obwohl sich die Bücher eines Thilo Sarrazin millionenfach verkaufen, die «Weltwoche» im Nationalrat sitzt und Christoph Blocher einmal im Monat von einer grossen Zeitung länglich interviewt wird. Weniger als Öffentlichkeit fehlt ihnen Beifall: Wüste Sprüche über Flüchtlinge sollen wie normale, legitime Meinungen behandelt werden. Doch diese Forderung ist Unfug. Redefreiheit heisst, dass niemand eingesperrt wird für scharfe Worte. Nicht, dass jeder Hässlichkeit eine geschützte Bühne zusteht.

Drittens: Der politische Gegner ist ein Mensch. Im Ausserrhodischen beschrieb es mir ein älterer Mann so: Als Bub sei er einmal mit dem Vater zur (heute abgeschafften) Landsgemeinde gegangen. Unterwegs seien sie einem Bauern begegnet, der gut geredet, dem Buben Eindruck gemacht habe. Im Ring dann kam ein Geschäft zur Wahl, über das Vater und Sohn einig waren, beide hoben die Hände. Dann der Schock: Der bewunderte Bauer nebendran liess die Hand unten! Der Bub kam zur Einsicht, dass einer anderer Meinung sein kann – und doch ein guter, sogar kluger Mensch. Diese Einsicht darf uns nicht verlassen. Man kann sie im Streit mit alten Freunden trainieren: Man gerät sich in die Haare, zerhaut auch mal einen Küchentisch. Aber hinterher verträgt man sich wieder. Weil man viel erlebt hat zusammen und weiss, dass der andere eigentlich okay ist.

Sicher, nicht jede Dummheit ist vergebbar, jeder setzt da seine Grenze selbst. Doch 2018 könnten wir sie etwas höher setzen. Komm her, du Depp, und streit mit mir. Wer nicht mehr streitet, hat verloren.

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