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Religiöse Enkelkinder

Die Kinder und Enkelkinder werden nicht genau so, wie wir wollen.

Unsere zwei Enkelkinder, 8 und 6 Jahre, verbrachten wieder einmal das Wochenende bei uns. Nach dem Nachtessen «erfreute» uns das ältere Mädchen, das neben dem normalen Schulunterricht jenen in Religion (fakultativ) besucht, mit Liedern frömmsten Inhalts, begleitet von esoterisch anmutenden Bewegungen. Es fiel auch der Spruch: «Eigentlich ist Gott der Vater von uns allen.» Das brachte meine Frau und mich zur Frage, die wir gerne von Ihnen beantwortet haben möchten: Müssen wir an der Vaterschaft unseres Sohnes zweifeln?H. B.

Lieber Herr B.Da Sie um der Pointe willen offenbar die religiöse Bildlichkeit des Schöpfergottes unbedingt wörtlich nehmen wollen, müssen Sie nun folglich auch an Ihrer eigenen Vaterschaft und der Ihres Vaters und von dessen Vater zweifeln – ad infinitum. Ein sowohl bio- als auch theologisch unergiebiges Gedankenspiel. Vielleicht aber können Sie nun Josef von Nazareths heilsgeschichtliche Rolle besser würdigen, der ja allen Grund hatte, die Gottessohnschaft seines Erstgeborenen nicht auf die metaphorisch leichte Schulter zu nehmen, und trotzdem kein indiskretes Theater veranstaltet hat.

Bevor ich herauszufinden versuche, was nun eigentlich Ihre Frage ist, habe ich selber noch eine: Was sind esoterisch anmutende Bewegungen einer Achtjährigen? Darf ich mir darunter so etwas wie das religiöse Pendant zu den Folgen vorstellen, welche die Befürworter der Initiative gegen die frühzeitige Sexualisierung im Schulunterricht befürchten? Lautet Ihre Frage nun also, was ich von (fakultativer) religiöser Indoktrination halte und wie man als nicht religiöse Grosseltern darauf reagieren soll? Was halten Sie von Mitsingen? Wenn es Sie tröstet: Ich habe in meiner Kindheit liebend gern mit Erbsen- und Käpsli-Pistolen herumgeschossen und habe den Militärdienst trotzdem verweigert. Auch war ich ein paar Jahre Messdiener und bin trotzdem Atheist geworden (ja: trotzdem, nicht deswegen).

Schon als Kind war ich übergewichtig und bin es, nach immerhin mindestens zwanzig Jahren Normalgewichtigkeit, wieder. Ist es das, was Sie befürchten? Dass die Frömmigkeit der Enkelin a) nicht mehr weggeht oder b) nach einer gewissen Latenz umso beharrlicher wiederkehrt? Etwas mehr Gottvertrauen dürfen Sie da schon haben. Oder wenigstens etwas mehr Schicksalsergebenheit. Die Kinder und Enkelkinder werden nun mal nicht genau so, wie wir wollen. Und gestatten Sie mir noch eine Bemerkung, die möglicherweise gar nichts mit Ihrer Frage zu tun hat. Ich finde, heute herrscht manchmal ein rabiater Aufklärungsfuror, der auf Äusserungen von Religiosität ähnlich allergisch reagiert wie die Lungenliga auf die Vorstellung, dass in Gegenwart von unschuldigen Kindern geraucht werden könnte. Wenn Sie schon beten müssen, dann bitte nicht bei Tisch, sondern auf dem Balkon. Oh Heiland, reiss die Fenster auf!

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