Zum Hauptinhalt springen

Richtig gendern

Die deutsche Stadt Hannover hat ihren Angestellten «Empfehlungen für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache» gegeben. Avantgarde oder Gendergaga?

In Hannover ist die Sprache der Verwaltung künftig nicht mehr allein auf Männer zentriert.
In Hannover ist die Sprache der Verwaltung künftig nicht mehr allein auf Männer zentriert.

Es heisst, dass in Hannover das sauberste Hochdeutsch Deutschlands gesprochen werde. Nun ist die niedersächsische Landeshauptstadt wieder eine Art linguistischer Avantgarde, denn aus der Stadtverwaltung stammen «Empfehlungen für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache». So sollen ihre Mitarbeitenden «Lehrende» statt Lehrer schreiben und statt Wähler «Wählende». Aus dem Rednerpult soll ein Redepult werden und aus der Rednerliste eine Redeliste, aus der Teilnehmerliste eine Teilnahmeliste und aus dem Personalvertreter die Personalvertretung.

Dies trage «der Vielzahl geschlechtlicher Identitäten Rechnung» und gehe damit «weiter als der bisherige Ausgleich zwischen männlichen und weiblichen Formulierungen», informiert das Rathaus und verweist auch auf das neue Gesetz, wonach seit diesem Jahr das dritte Geschlecht im Personenregister geführt wird. Die wichtigste Regel der Autoren: «Überall da, wo es möglich ist», sei eine «geschlechtsumfassende Formulierung zu verwenden».

Genderstern nur in Ausnahmen

Statt «Protokollführer ist» wird die Variante «das Protokoll schreibt» eingeführt, statt Ansprechpartner der Hinweis «Auskunft gibt», statt «Bewerber sollten» die Alternative «Wer sich bewirbt, sollte». Durch die Nennung von Vor- und Nachnamen lasse sich die Anrede mit Herr und Frau vermeiden, ersatzweise tauge zum Beispiel Anita und Konrad Schulz oder Familie Schulz statt Herr und Frau Schulz.

Manchmal sei es (zurzeit noch) unangemessen, eine andere Anrede als «Sehr geehrte Damen und Herren» zu verwenden, liest man weiter auf dem Informationsblatt. Bei angemessener Gelegenheit wird «Guten Tag» oder «Liebe Gäste» empfohlen. Nur wo die geschlechtsumfassende Ansprache nicht möglich sei, möge der Genderstern eingesetzt werden, der Asterisk zwischen der männlichen und weiblichen Endung. Der*die Ingenieur*in. Oder: Liebe Kolleg*innen.

Ansonsten soll in Hannover etwa die Kirche nicht mehr als Arbeitgeber fungieren, sondern, grammatikalisch zutreffend, weil dem Geschlecht des Wortes folgend, als Arbeitgeberin. Die Stadt ist kein Herausgeber, sondern Herausgeberin. Die Stadt Hannover ist auch Herausgeberin dieser Vorschläge, wobei bei Verstössen vorläufig niemand (nicht: «keiner») in den Kerker oder die Leine geworfen wird.

«Natürlich braucht dies alles Zeit», schreibt die Stadtsprecherin Ulrike Serbent. «Wenn zum Beispiel Frau Mustering sich als Frau empfindet, bleibt sie dies natürlich auch auf Türschildern, Visitenkarten und Ähnlichem.» Die Mitarbeitenden könnten entscheiden, ob auf ihrem Schild stattdessen zum Beispiel der Vor- und Zuname steht. Aber es sollten eben «alle Menschen in der Stadt angesprochen werden». Die Verwaltung sei «als Abbild der Gesellschaft zu verstehen».

Sprachliche Feinheiten

Natürlich hagelt es den in Genderfragen üblichen Hohn, vor allem im Netz («Gendergaga»). Nicht jeder schätzt sprachliche Feinheiten und Entwicklungen. Dabei hat die Stadt Hannover das Thema Gleichstellung auch in Wort und Schrift schon seit vielen Jahren auf der Agenda, das geschlechterübergreifende «Innen» beispielsweise wurde im progressiven Hannover bereits 2003 eingeführt. «Vielfalt ist unsere Stärke», sagt Oberbürgermeister Stefan Schostok, SPD. Diesen Grundgedanken wolle man auch in der Verwaltungssprache implementieren, um «alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht anzusprechen».

Unaufgeregte Unterstützung bekommt die Initiative von einer ausgewiesenen Fachfrau. Gabriele Diewald ist Professorin für Germanistische Linguistik an der Leibniz-Uni in Hannover und Mitautorin des Duden-Buches «Richtig gendern», das den Zuständigen als Ratgeber gedient haben könnte. Sie findet die städtische Sprachregelung gut. Die Praxis werde es weisen.

«Die Sprache ist immer auch Impulsgeber. Sprache verändert sich. Sprache entsteht durch diejenigen, die sie sprechen.» Die Sprachwissenschaftlerin beobachtet, dass solche Vorstösse inzwischen alles in allem besser ankommen. Es habe sich ja gesellschaftlich einiges getan, und viele Menschen wollten, «dass sich das sprachlich irgendwie abbildet». An die Sternchen werde man sich gewöhnen wie an Euro-Zeichen oder Smileys, glaubt Gabriele Diewald, «das ist ein komplexer Prozess, wie alle sozialen Prozesse». Siehe Rechtschreibreform oder das «Innen» à la KollegInnen.

Ihr gefiel auch, dass die Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsrede von Soldatinnen und Soldaten sprach oder von Beschäftigten in der Pflege statt von Pflegerinnen. Spott gehöre wohl auch dazu, «das ist ein bisschen wie auf die Bahn schimpfen».

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch