Sag Ja zu Nein-Sagern

Wer Kinder wirklich schützen will, sollte ihr Selbstbewusstsein stärken.

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Schon sehr kleine Kinder haben von ihm gehört, mehr als genug. Vom bösen Mann, zu dem sie niemals ins Auto steigen dürfen, auch wenn er Gummibärchen, Hundewelpen und einen Besuch bei Prinzessin Lillifee verspricht.

In Wahrheit aber verhält es sich mit dem bösen Mann wie mit dem Flugzeugabsturz: Am meisten fürchten wir uns vor dem, was uns eher nicht gefährlich werden wird. Autofahren ist viel riskanter als Fliegen. Und die grösste Gefahr für Kinder lauert nicht im Gebüsch, sondern in der eigenen Familie.

 Selbstbewusste Kinder lernen, nicht nur höflich, sondern auch mutig zu sein und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. 

Die Statistiken zu kindlichen Gewaltopfern in den Familien gehören zu den besonders erschütternden. Getötet, misshandelt, missbraucht; Babys, Kleinkinder, Schulkinder – jede Zahl ein kleines Leben und ein grosses Drama. Mehr Befugnisse für die Ermittler, zeitgemässe Technik für die Polizei, mehr Mitarbeiter in den Jugendämtern, eine straffere Organisation des Kinderschutzes in den Ländern? All das ist notwendig.

Es wird aber nicht reichen, denn das Perfide ist, dass Gewalt gegen Kinder im innersten Kreis stattfindet, abgeschirmt von der Aussenwelt. Viel zu oft bleiben Übergriffe, Gewalt und Missbrauch «en famille», wenig dringt nach aussen, Gerichte können nicht urteilen, und die Öffentlichkeit ist oft genug ahnungslos. Ein gesellschaftlicher Auftrag ist es deshalb, starke, selbstbewusste Kinder heranzuziehen.

Denn selbstbewusste Kinder lernen, nicht nur höflich, sondern auch mutig zu sein und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Sie dürfen nicht nur Nein sagen, sondern sollen es. Selbst wenn es nur der Kuss der geliebten Tante ist, den sie gerade eklig finden.

Erstellt: 12.06.2019, 19:42 Uhr

Henrike Rossbach, SZ-Korrespondentin

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