Schämt euch!

Fleisch essen, Flugreisen, Autofahren: Was darf man noch, was ist tabu? Und warum ist es so kompliziert geworden, gut zu leben?

Fast Food, Auto fahren – und schon geht es ab vors Weltgericht. Foto: Getty Images

Fast Food, Auto fahren – und schon geht es ab vors Weltgericht. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Gastgeber öffnet die Tür, Panik im Blick. «Ihr esst schon noch Fleisch, oder?» In seinem Rücken wartet das Ossobuco und als Beilage seit wenigen Minuten die Angst, damit einen Fehler gemacht zu haben. Seit sich die Idee eingeschlichen hat, dass die netten Nachbarn vielleicht konsequenter mit ihren guten Vorsätzen sein könnten als er selbst. Haben sie nicht letztes Jahr ihr Auto abgeschafft? Hat man sich nicht im Treppenhaus gemeinsam darüber empört, dass die kompostierbaren Grüngutsäckchen in Wirklichkeit Jahrzehnte brauchen, bis sie zersetzt sind?

Aber Entwarnung, die anderen essen noch Fleisch. Betonung auf «noch» und «zu besonderen Anlässen». So hat man früher mal über das Rauchen gesprochen. Nach diesem Auftakt vergeht die erste Stunde des Besuchs mit Rechtfertigungs-Rhetorik und ­Beteuerungs-Blabla zum Thema Ernährung im Allgemeinen und Fleischverzehr im Besonderen: Nur ganz selten, aber dann gut, Fleisch muss teurer werden, siehe Frankreich, die Menschen hatten früher nur sonntags Braten, und sorry, wenn ein Poulet aus Ungarn 10 Franken kostet, läuft etwas falsch in diesem Land. Vom Fleisch gehts umstandslos zum Fisch (Antibiotika im Lachs, Über­fischung beim Dorsch und neu: Gütesiegel sind nicht verlässlich. Ausserdem Mega-Stichwort Mikroplastik).

Irgendwas mit Quinoa, politisch einwandfrei

Von dort weiter zum normalen Plastik (eingeschweisste Biogurken, Wahnsinn Wasserflaschen und neu: Bremsabrieb von SUVs). Beim Thema SUV sind zum Glück alle auf dem neuesten Stand der Verdammnis, sodass man endlich zur Vorspeise übergehen kann. ­Irgendwas mit Quinoa, Randen und Za’atar, das politisch einwandfrei schmeckt und so hingebungsvoll gelobt wird, dass niemand was zur Alufolie sagt, mit der die Schüssel bespannt war. Alufolie! Als wäre es noch 2011, als hätte man gar nichts kapiert. Genauso gut könnte man mit einer Nespresso-Kaffeemaschine um den Hals dasitzen und sich damit hinterher im Kanal der Geächteten ertränken.

Gut leben? Ist kompliziert geworden. Zumindest, wenn man zu den Anständigen gehören und als aufgeklärter Mensch in die Geschichte eingehen möchte. Es gibt keinen Alltagsbereich, in dem sich nicht monatlich die Wagenreihung der Werte und Tabus verändern würde. Für Eltern auf dem Land mag es bisweilen wie ein Witz klingen, was ihren Kindern in der Stadt aktuell Gewissensbisse bereitet. Feuchttücher in der Toilette. Importierte Erdbeeren wegen Vergewaltigungen auf den Feldern. Amazon wegen fehlender Gewerkschaft. Woody-Allen-Filme wegen Woody Allen. Aluminiumdeodorants. Die Kachelöfen der anderen wegen Feinstaub. Diverse Werbespots wegen Sexismusverdacht. Ferien in 120 Länden aus allen möglichen Gründen. ­Kerosin, Kreuzfahrten, Kaffeebecher. Man kann so vieles falsch machen, einfache Wahrheiten gibts nicht mehr.

Höchstens eine: Jeder dieser und tausend mehr Umdenkmomente sind trotzdem notwendig. Denn es gehört zur berückenden Schönheit unserer Zeit, dass alles hinterfragt wird und ­Informationen leicht zugänglich sind. Die träge Konsumgesellschaft ist heute aufgefordert, mehr zu wissen und den Zusammenhang mit dem grossen Ganzen herzustellen. Und es ist eine vornehme Pflicht, sich als Mensch moralisch neu zu kalibrieren.

Eine ungeheure Schamoffensive hat die Menschen ergriffen

Weit vorne sind dabei naturgemäss die Schweden. Dort kursiert seit 2016 der Begriff «Flygskam», also Flugscham, was das schlechte Gewissen desjenigen beschreiben sollte, der heute noch eine Fernreise oder gar einen Kurzflug bucht. Es wurde zum erfolgreichen Hashtag, mit dem Prominente ihre aeroplane Abstinenz demonstrierten. Im Gefolge sind dann noch mehr Schambereiche entblösst worden: Betonscham, Avocadoscham, Zuvielkinderscham und Plastikscham. Keine Frage, so empfänglich für Selbstbezichtigung war die westliche Gesellschaft noch nie. Und Scham ist, historisch gesehen, immerhin eine der effektivsten Methoden, um breitflächig Druck auszuüben.

Ein Ungleichgewicht entsteht aber dadurch, dass sich längst nicht alle von der neuen Schamoffensive angesprochen fühlen. Pauschal gesagt: Der älteren Generation sind die komplizierten Taburegeln doch wohl mehrheitlich egal, sie gleichen sich kaum mehr mit anderen ab, konsumieren aber vielleicht ohnehin nicht so heftig. Und die ganz Jungen, die freitags fürs Klima protestieren, laufen ja sozusagen bereits auf dem aktuellsten Betriebssystem. Für sie gilt schon die neue Norm, sie fangen hoffentlich gar nicht erst an, ein grosses Auto, billiges Fleisch oder zwei weite Reisen pro Jahr zu wollen.

«Wer selbst auf der Wurzel kaut,
sieht anderen nun mal ungern
beim Glaceschlecken zu»

Es sind also mutmasslich die akademischen, mittelalten Gutverdiener in jenen Vierteln und Städten, die neuerdings grün wählen und derzeit verschämt ihr Leben neu sortieren. Weil sie in einer Zeit erwachsen wurden, in der Billigflieger, dicke Leasingautos, ­säckeweise Zara-Klamotten und Riesenschnitzel noch tadellose Optionen waren. In der man noch alles durfte, nur vielleicht nicht Bier auf Wein. ­Diese einst Plastik liebende Bällebadgeneration plagt heute ein chronisch schlechtes Gewissen. Womöglich haben sie ja selbst via Riesenschnitzel die Weltlunte in Brand gesetzt?

Deshalb also jetzt Gutes tun und unablässig darüber reden! Nur, wo endet das gesunde Umdenken und wo beginnt ein Zustand steter Frustration, weil man noch nicht gut genug ist? Fühlt man sich wegen Familie und Job nicht ohnehin oft genug unzulänglich, muss man auch noch jeden Tag vors Weltgericht? Nur weil man in einer Mischung aus Schwäche und Ladenschluss Trauben aus Chile und Palmfettsüssigkeiten gekauft hat? Den Kuchen nicht selbst gebacken, den Kaffee nicht frisch gemahlen, aufs falsche Fair-Trade-Label gesetzt, die Datenkrake gefüttert und auch den Stecker nicht vom Standby-Gerät gezogen hat?

Das ist das Blöde – als guter Mensch muss man interdisziplinär furchtbar aufpassen. Es gibt heute nicht nur eine politische Korrektheit, sondern gefühlt auch eine gesundheitliche, wissenschaftliche, gesellschaftliche, pädagogische und linguistische Korrektheit. Und sogar eine Art zeitgeistige Korrektheit, wegen der man sich beispielsweise als Frau dafür entschuldigen muss, noch keine Menstruationscups benutzt zu haben. Es ist ein Vollzeitjob, heute überall und bis zum korrekten Gender­sternchen vorbildlich zu sein.

Die Herablassung ist auch gefährlich

Der hohe Anspruch reibt dabei oft die auf, die ohnehin gerade im Rotbereich des Lebens herumdampfen. Denn nicht Chefetagen und Parteitage, sondern Spielplätze und Elternabende, Quartierflohmärkte, Klassentreffen, Twitter, Mütterblogs und Bioläden sind die eigentlichen Pranger der Neuzeit, dort wird nonstop Schuld und Sühne aufgeführt. Im Jahr 2015 machte der US-Autor James Bartholomew für diese Situationen den Begriff «Virtue Signalling» populär. Er umschrieb so das anstrengende Sendungsbewusstsein der neuen Tugendhaften, die also mit Symbolen (Bioladentasche, Regenbogen­sticker, wohlfeilen Facebook-Posts) oder dem eingangs skizzierten Beteuerungs-Blabla ihre Moral zur Schau stellen. Bartholomews Definition wurde schnell ein stehender Begriff, jeder hatte dieses Verhalten offenbar schon erlebt.

Aber warum haben brave Menschen die Prahlerei eigentlich nötig? Vielleicht, weil es ausser gutem Gewissen so wenig greifbare Belohnung für das Richtigmachen gibt. Man verzichtet, schränkt ein, stellt um, zahlt mehr, aber niemand dankt es einem. Im Gegenteil, die Welt geht mit jeder Prognose schneller in die Binsen, die Krebsrate steigt, der Fleischkonsum stagniert auf hohem Niveau. Wenn das so ist, will man eben wenigstens darauf hinweisen, dass man nicht schuld ist. Botschaft: An mir liegt es nicht, vielleicht an dir? Und wer selbst auf der Wurzel kaut, sieht anderen nun mal ungern beim Glaceschlecken zu. Vermutlich waren es solche dauer­erigierten Zeigefinger, die die Hetze gegen die «Gutmenschen» mit provozierten. Und wer weiss, vielleicht leiden manche Protestwähler nur an Bioladen-Burn-out oder Tofu-Trauma?

In der Herablassung liegt eine grosse Gefahr der neuen Schamkultur. Es wäre misslich, wenn die Streber zwar voransprinten, dabei aber übersehen, dass das Hauptfeld überfordert rechts abgebogen ist. Bartholomew wies auch darauf hin, dass viele neue Tugend­parolen kein direktes Engagement erfordern. Es sind erst mal Lippenbekenntnisse, die zwar Respekt einbringen, aber kaum überprüft werden können. Bigotterie war stets das Problem von frömmelnden Gesellschaften.

Über den privaten Ablasshandel zum kurzzeitigen Seelenfrieden

Kein Wunder, dass die Kirchen Mit­gliederschwund verzeichnen. Richtig­machen ist eine neue Para-Religion mit ausgeprägtem Schuld-und-Busse-Charakter. Und einem Ablasshandel, der mit diversen Zertifikaten, Regenwaldanteilen oder Geburtstagsspendenaufrufen auf Facebook schon offizielle Regeln kennt. Noch emsiger ist der private Ablasshandel, den man mit sich selbst betreibt: Wenn ich jetzt nach Berlin fliege, fahre ich dann aber Bus statt Taxi, kaufe einen Monat keinen Thunfisch und gehe Blut spenden. So biegt man sich kurz Seelenfrieden hin.

Hinter vorgehaltener Hand hat die Floskel «Darf man gar nicht mehr laut sagen . . .?» weiter Konjunktur. Danach folgt stets die Selbstdiagnose einer schlechten Angewohnheit – und beim Gegenüber womöglich gleich eine neue Schamerkenntnis: «Ach, Fleur de Sel soll man auch nicht mehr?» Jeder Aufrechte ist leider immer auch Ankläger.

Echte Freundschaft erkennt man 2019 jedenfalls daran, dass man vor dem anderen noch offen etwas sagen kann wie: «Ich brauche mein Auto nicht unbedingt, aber es ist schön, eines zu haben.»

Erstellt: 10.06.2019, 09:19 Uhr

Artikel zum Thema

Sich zu schämen, tut gut

Der Zürcher Psychiater Daniel Hell lobt die Scham: Sie sei ein Sensor für Gefahr, Menschen könnten an ihr reifen Mehr...

So geht Anstand

Analyse Wie aus der Empörung über einen Scherz in einer Comedy-Sendung eine Live-Versöhnung wurde. Mehr...

«Zuckerberg hat Sicherheit und Anstand für Klicks geopfert»

Facebook-Mitbegründer Chris Hughes will den Internetgiganten zerschlagen. Die soziale Plattform sei zu gross und zu mächtig geworden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog So sparen Sie bei Haussanierungen Steuern
Sweet Home Kindermenüs für Erwachsene
Mamablog «Ein Kind ist doch kein Accessoire!» 

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...