«Jeder Gaffer kann zum Pöbler werden»

Weshalb Polizisten und Sanitäter oft nur noch als Dienstleister betrachtet werden, erklärt Gewaltforscher Andreas Zick im Interview.

Ein Unfall wie dieser kann oft Neugierige anziehen – das wird vermehrt zum Problem. Foto: Plainpicture

Ein Unfall wie dieser kann oft Neugierige anziehen – das wird vermehrt zum Problem. Foto: Plainpicture

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Herr Zick, Polizisten und Sanitäter werden immer öfter angepöbelt, wenn sie helfen wollen. Was läuft schief?
Unser Bild von Polizei, Sanitätern und Beamten hat sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Man betrachtet sie nicht mehr als Autoritäten, sondern als Dienstleister. Das heisst, wir ­wollen zwar, dass die Polizei bei ­öffentlichen Veranstaltungen für Sicherheit sorgt, aber bitte möglichst kundenfreundlich. Und auch die Rettungskräfte sollen ihren Job am liebsten so erledigen, dass sie einem dabei nicht im Weg stehen.

Man kann doch Polizei und Sanitäter nicht in einen Topf werfen.
Leider werden beide inzwischen oft als Störfaktor wahrgenommen. Sehen Sie, wenn Leute an ein Konzert gehen, wollen sie sich primär unterhalten. Passiert dann etwas und die Polizei muss absperren, damit ein Rettungswagen durchfahren kann, fühlen sie sich gestört und werden aggressiv, weil ihnen der Spass verdorben wurde. In einer Gesellschaft, in der Kinder schon früh lernen, dass sie sich durchsetzen müssen, und in der Beziehungen nach Kosten und Nutzen beurteilt werden, sind immer mehr Menschen überzeugt, dass sie zuerst ihre Interessen durchsetzen müssen. Aggression und Gewalt sind dann ein mögliches Mittel, zu seinem Recht zu kommen.

Mit anderen Worten: Unsere Leistungsgesellschaft fördert Gewalt?
Genau, wir orientieren uns im Sozialleben stärker an Gesetzen des Marktes. Wir sind ständig im Wettbewerb, wir müssen zusehen, dass wir nicht unter die Räder kommen. Das äussert sich auch im Verhalten gegenüber Behörden. Es kommt sogar in Notfallstationen von Spitälern immer öfter zu Gewaltkonflikten. Manche Patienten reagieren schon aggressiv, wenn sie nicht sofort an die Reihe kommen. ­Ärzte, Polizisten oder Beamte sind nicht mehr Respektspersonen, sondern eben bloss noch Dienstleister, gegen die Klienten pöbeln können, wenn sie ihren Job nicht richtig machen.

Aber ein unzufriedener Kunde schlägt doch nicht einfach zu.
Nein, aber es gibt Faktoren, die in bestimmten Situationen Vorurteile gegenüber der Polizei und Sanitätern verstärken können. An Grossevents sind Menschen grundsätzlich reizbarer. Und wenn noch Drogen und Alkohol ins Spiel kommen, können Situationen schnell eskalieren. Zudem spielt der Stress eine wichtige Rolle.

Inwiefern?
Die Arbeit von Helfern ist heute sehr eng getaktet. Das Pflegepersonal muss effizient sein, die Polizei schnell eingreifen. Wenn aber Ärzte oder Beamte nicht die Zeit haben, auf aggressive Menschen einzugehen und sie zu beruhigen, steigt die Wahrscheinlichkeit von Gewaltangriffen, weil sich dann beide Seiten hochschaukeln.

Bilder: Zürich: Polizei und Sanität angegriffen

Es gibt auch immer mehr Schaulustige, wie letztes Wochenende beim Grossbrand in Zürich, die pöbeln und Löscharbeiten behindern. Was denken sich die Leute dabei?
Offensichtlich erwarten sie primär ein Spektakel, weil sie ja auch ihre Handys zücken. Es fällt ihnen dabei gar nicht ein, dass sie sich in einer Situation befinden, in der die eigene Hilfeleistung gefragt wäre, sei es nur, eine Rettungsgasse zu bilden oder einfach weiterzugehen. Sie nehmen das Ganze nicht als Notsituation, sondern als Unterhaltung wahr, und wenn sie weggewiesen werden, reagieren sie aggressiv.

Schämen sich Gaffer denn nicht?
In grösseren Menschenansammlungen gibt es einen Ansteckungseffekt. Man verhält sich wie die anderen. Wenn die Mehrheit entweder dumm dasteht oder pöbelt, ohne sich auch nur ein bisschen zu schämen, nimmt man das als Vorbild wahr. In Notsituationen sind zudem viele verunsichert und suchen erst recht nach Hinweisen, wie sie sich benehmen sollen.

Wo bleibt da die eigene Verantwortung?
Die ist leider oft nicht vorhanden. Es ist ja nicht das Ziel, bei einem Brand oder Unfall zu helfen. Man ist bloss Zuschauer, der mit dem Ganzen eigentlich nichts zu tun hat. Die Profis sollen es richten. Unsere Studien belegen zudem, dass viele gar nicht wissen, wie sie sich anders verhalten und helfen könnten.

Kann jeder Gaffer zum Pöbler werden?
Ja, es gibt nicht die eine Persönlichkeit oder eine bestimmte Gruppe, die besonders gewaltorientiert oder aggressiv in solchen Situationen reagiert.

Die grosse Mehrheit sind allerdings Männer. Sind heute auch Frauen gewaltbereiter?
Zu 90 Prozent üben immer noch Männer Gewalt aus, aber wenn Gruppen aufeinander losgehen, machen vermehrt auch Frauen mit. Sie schlagen nicht unbedingt zu, aber sie heizen Schlägereien verbal an und werfen auch schon mal Flaschen.

Allgemein sind Gewaltdelikte und Jugendkriminalität jedoch seit Jahren rückläufig. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Die Entwicklung ist erstens nicht so stark, wie es scheint. Zweitens können Gewaltdelikte in einem Bereich sinken, während sie woanders steigen. Gewalt gegen Rettungspersonal, Amts- und Würdenträger sowie Polizisten hat zum Teil erheblich zugenommen. Wir haben es hier auch mit einem Problem in einem Dunkelfeld zu tun, wo uns verlässliche Zahlen fehlen.

Betrachtet man die öffentlichen Gewaltexzesse, scheint es, als sei der Gewaltbürger die logische Steigerung des Wutbürgers.
Das kann man so sehen. Aber man wird nicht als Wutbürger geboren. Man wird dazu gemacht, und genauso wird man vom Wutbürger zum Gewalttäter. Ich kann einen Porschefahrer zum Wutbürger machen, wenn er von einem Maserati überholt wird und ich ihm sage: Siehst du, das ist ungerecht. Damit baue ich ein Feindbild auf und rede dem frustrierten Porschefahrer ein, dass er im Recht ist und sich wehren muss. Solche sozialen Mechanismen macht sich zum Beispiel der Extremismus zunutze, indem er Misstrauen gegen die Behörden schürt und Feindbilder schafft.

Das erklärt aber noch nicht, warum Bürger immer öfter gewaltbereit sind.
Doch, denn wir übersehen, wie sehr polarisierende Feindbilder unser Leben bestimmten. Man ist heute entweder für oder gegen mehr Sicherheit, für oder gegen Migranten, für oder gegen den Staat. Wir sind uns über die Grundwerte nicht mehr einig. Deshalb sind Menschen auch eher bereit, gewalttätig gegen andere vorzugehen, weil wir uns als Gesellschaft nicht mehr solidarisch verbunden fühlen.

Vielleicht müssten dieBehörden wieder stärker durchgreifen, um ihre Autorität wiederzuerlangen und die Gewalt einzudämmen.
Sie meinen mehr Repression? Ich würde sagen, da fehlt etwas. Reine Repression kann dazu führen, dass sich die Gruppen noch härter formieren, weil ihr Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt wird. Das beobachten wir beim Fussball und bei extremen Gruppierungen. Es hilft auch nicht, Gewalt für politische Zwecke zu nutzen, wie es oft geschieht, wenn es zu Eskalationen kommt.

Was hilft denn?
Eine konsequente Strafverfolgung ist wichtig, aber genauso braucht es eine genaue Analyse. Warum waren die Opfer nicht geschützt? Wer hat Gewalt ausgeübt? Fehlten die Fluchtwege? Wie hoch ist der Stresspegel von Ärzten und Beamten? Nur so erzielt man einen Lerneffekt sowie eine bessere Gewaltprävention. Und nur so kommt man dem Rätsel auf die Spur, warum manche glauben, dass Gewalt zum Erfolg führt, obwohl sie in Wahrheit nur Verlierer hervorbringt.

Erstellt: 30.08.2018, 09:14 Uhr

Andreas Zick



Der 56-jährige Deutsche ist Sozialpsychologe und leitet seit 2013 das inter­disziplinäre Institut für Konflikt- und Gewaltforschung an der Univer­sität Bielefeld. Zu seinen Spezialgebieten gehören Diskriminierung, Extremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit.

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