«Geschlagene Kinder werden häufiger straffällig»

Jedes zweite Schweizer Kind wird mit Körperstrafen erzogen. Was Eltern damit anrichten, erklärt Kinderschützerin Xenia Schlegel im Interview.

Ein Kind, das von seinen Eltern geschlagen wird, verliert das Vertrauen in sie. Foto: Adam Hester (Getty Images)

Ein Kind, das von seinen Eltern geschlagen wird, verliert das Vertrauen in sie. Foto: Adam Hester (Getty Images)

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Xenia Schlegel, ein Klaps auf den Po gilt laut Kinderschutz Schweiz als körperliche Gewalt. Was ist daran so schlimm?
Bei einem erwachsenen Verwandten oder einem Arbeitskollegen kämen wir nie auf die Idee, ihn körperlich zu züchtigen, wenn er sich nicht nach unseren Vorstellungen benimmt. Das wäre klar Gewalt. Wenn ein Klaps auf den Po dazu dient, ein Kind in seine Grenzen zu weisen und ihm Schmerzen zuzufügen, ist das genauso Gewalt. Für ein 5-jähriges, gerade mal einen Meter grosses Mädchen ist ein kleiner Klaps zudem oft schmerzhafter und bedrohlicher, als es Erwachsene einschätzen.

Oder es gewöhnt sich daran und gehorcht trotzdem nicht.
Genau. Kurzfristig hat ein Schlag auf den Hintern vielleicht die gewünschte Wirkung. Langfristig machen Schläge das Verhalten schlimmer. Bestraft man Kinder für mangelnde Selbstkontrolle, fällt es ihnen schwerer, sich künftig zu beherrschen. Sie lernen vielleicht, sich in der Gegenwart von Eltern oder Lehrern zu benehmen. Aber was ist, wenn keine Autoritätsperson zusieht?

Laut einer aktuellen Studie der Universität Freiburg wendet rund die Hälfte der Eltern körperliche Strafen an. Wie erklären Sie sich diesen hohen Anteil?
Die Ansicht, dass es halt ab und zu einen Klaps oder eins hinter die Ohren braucht, ist bei uns immer noch sehr gängig. Also werden diese Mittel auch angewendet. Sogar dann, wenn die Eltern Gewalt in der Erziehung prinzipiell ablehnen, passiert es, dass sie trotzdem zuschlagen, wenn sie im Alltag in Situationen geraten, die sie überfordern. Kommt das öfter vor, fühlen sich die Kinder gedemütigt und nehmen die Eltern mit der Zeit als Bedrohung wahr. Sie lernen zudem, dass man sich mit Gewalt durchsetzen kann, was entwicklungspsychologisch fatale Folgen haben kann.

«Wenn das Ziel ist, den Sohn zu demütigen oder der Tochter zu drohen, sprechen wir von psychischer Gewalt.»Xenia Schlegel, Geschäftsführerin Kinderschutz Schweiz

Zum Beispiel?
Solche Kinder werden öfter straffällig, sie leiden als Erwachsene eher an Angststörungen und neigen eher zu Drogen oder Alkoholmissbrauch als Kinder, die gewaltfrei aufgewachsen sind.

Fast 70 Prozent der Eltern bestrafen ihre Kinder psychisch, etwa mit Drohungen oder Beschimpfungen. Wo genau ist da die Grenze zu Gewalt?
Wenn schimpfen bedeutet, seine eigene Position klarzumachen und deutlich «Nein, ich möchte das so nicht» zu sagen, ist das per se nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Aber wenn das Ziel ist, den Sohn zu demütigen oder der Tochter zu drohen, sprechen wir von psychischer Gewalt. Denn da wird Einschüchterung als Erziehungsmittel eingesetzt.

Gehört Liebesentzug auch zu dieser Kategorie?
Ja, denn Kinder lernen, dass Liebe mit einer Leistung zusammenhängt und erpressbar ist. Offenbar sind sie nur dann liebenswert, wenn sie sich so benehmen, wie es Mami und Papi wollen. Solche Muster prägen sich ein und setzen sich auch im späteren Beziehungsleben fort. Sie können sich vorstellen, dass diese Kinder schlechte Chancen haben, zu selbstbewussten und emotional stabilen Erwachsenen heranzuwachsen.

In der Erziehung eines Kindes können wir endlich das tun, was wir persönlich für gut und wichtig halten.

Scheitern Eltern vor allem an den eigenen Ansprüchen?
Ich denke, es sind primär die romantisierten Vorstellungen vom Kinderhaben. Ratgeber und Medien gaukeln uns ja unentwegt vor, wir könnten den idealen Menschen erziehen, wenn wir es nur richtig machen. Das ist natürlich Blödsinn. Hinzu kommt, dass die Erziehung wahrscheinlich der einzige Lebensbereich ist, von dem wir glauben, zu 100 Prozent selber entscheiden können, was richtig ist und was nicht.

Wie meinen Sie das?
In vielen Bereichen unseres Lebens sind wir anderen ausgeliefert. Der Chef sagt, was wir im Job zu tun haben, die Steuerverwaltung sagt, wie viel wir bezahlen müssen. In der Erziehung eines Kindes können wir endlich das tun, was wir persönlich für gut und wichtig halten. Darum haben wir auch so hohe Ansprüche, die leider oft zum Stolperstein werden.

Der Slogan von Kinderschutz Schweiz lautet «Starke Kinder brauchen starke Eltern». Was machen solche Eltern, wenn ihr Kind an der Supermarktkasse einen Tobsuchtsanfall erleidet, weil es keine Smarties haben darf?
Starke Eltern gestehen sich erst einmal ein, dass sie nicht alles sofort lösen können. Wichtig ist es, die eigene Wut in den Griff zu bekommen, bevor man sich zu einer Ohrfeige hinreissen lässt, die man im Nachhinein bereut. Da helfen ganz normale Alltagsstrategien, die wir zur Stress­bewältigung nutzen. Etwa innerlich auf 10 zählen oder tief durchatmen, damit man Distanz zur Situation schafft. Hat man sich beruhigt, ermahnt man sein Kind auf bestimmte Weise und ­versucht, es möglichst schnell aus der Situation herauszu­holen, damit es sich ebenfalls beruhigen kann.

Meist ist das Geschrei den Eltern aber so peinlich, dass sie die Smarties lieber kaufen.
Das ist verständlich, aber nicht ideal. So lernt das Kind: Wenn ich lange genug tobe, bekomme ich, was ich will. Starke Eltern gehen nicht den Weg des geringsten Widerstandes, sie machen ihren Standpunkt ohne Drohungen oder Schläge klar.

Wie wollen Sie das mit der neuen, grossen Kampagne erreichen?
In einem ersten Schritt geht es darum, das Scheitern in der Erziehung zu enttabuisieren. ­Eltern sprechen nicht gern darüber, dass die eigenen Kinder sie überfordern. Diese Diskussion wollen wir anstossen und vor allem ein Bewusstsein dafür schaffen, dass alle Eltern zwischendurch an ihre Grenzen kommen und Kindererziehung auch nervenaufreibend sein kann. Wenn man sich mit anderen über solche Dinge ehrlich austauschen kann, entlastet das schon mal. Und es ermutigt, sich Hilfe zu holen.

Hilfsangebote für Eltern: www.kinderschutz.ch/starkeideen

Erstellt: 02.11.2018, 06:16 Uhr

Rund 130'000 Kinder werden in der Schweiz regelmässig körperlich gezüchtigt

Dies sind die wichtigsten Erkenntnisse der kürzlich publizierten Studie zum «Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz» der Universität Freiburg:

 Rund die Hälfte der befragten Eltern wendet körperliche Gewalt in der Erziehung an, wenn auch viele nur selten. Am häufigsten sind Schläge auf den Hintern (31 Prozent), gefolgt von «an den Haaren ziehen». Knapp ­5 Prozent der Eltern geben an, dass sie ihre Kinder ab und zu kalt abduschen.

In den ersten sechs Lebensjahren werden Kinder am meisten körperlich gezüchtigt.

Fast die Hälfte der Eltern bereut die Anwendung von Gewalt und hat im Nachhinein ein schlechtes Gewissen.

Regelmässig werden in der Schweiz bis zu 130'000 Kinder körperlich bestraft.

Die Mehrheit der Eltern wendet psychische Gewalt an. Rund 7 von 10 Befragten geben dies an, allerdings tun sie das nicht ­regelmässig. Am häufigsten verletzen Eltern ihre Kinder mit Worten, es kommt aber auch oft zu Liebesentzug oder zur ­Androhung von Schlägen. Rund 12 Prozent der Eltern drohen ihren Kindern, dass sie sie weggeben.

Regelmässig sind etwa 310'000 Kinder in der Schweiz psychischer Gewalt ausgesetzt.

Insgesamt nimmt die Häufigkeit von körperlicher und psychischer Gewalt in der Erziehung seit den 1990er-Jahren jedoch kontinuierlich ab. (lm)

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