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Schluss mit Kilowahn und Psychoterror

«Me too» schreien und sich dann ein Magazin voller frauenverachtender Inhalte kaufen. Wie geht das zusammen? Eigentlich gar nicht.

Cover des Frauenmagazins «In Touch» transportieren eine klare Botschaft: Frauen kämpfen ständig mit ihrem Gewicht und haben ihre Gefühle nicht im Griff.
Cover des Frauenmagazins «In Touch» transportieren eine klare Botschaft: Frauen kämpfen ständig mit ihrem Gewicht und haben ihre Gefühle nicht im Griff.

Die Retweets gehen auf die 700 zu, die Likes auf 5000. Ein kürzlich abgesetzter Tweet der deutsch-polnischen Kolumnistin und Feministin Margarete Stokowski erregt viel Aufsehen. Letzte Woche hat sie das Cover des Magazins «In Touch» ins Netz gestellt. «Was viele nicht wissen: Die ‹In Touch› sollte ursprünglich ‹Frauenhass weekly› heissen, das war nur zu lang», schrieb sie dazu. Auf dem Cover zu sehen: Frauen. Jennifer Lopez, Pink, Angelina Jolie, Katy Perry. Zu lesen: Muskel-Wahn, krankes Bodyideal, Frustfuttern, Psychoklinik, Hass.

Wieso postet Stokowski das Cover gerade jetzt, könnte man sich fragen – das Magazin gibt es seit 2005. Oder auch nicht. Denn die vielen Reaktionen scheinen ihr recht zu geben, wenn sie zeigt, was wir tagtäglich sehen, aber irgendwie auch übersehen – obwohl es sich unweigerlich in uns festsetzt.

Kilo-Schock, Kilo-Krise, Figur-Mobbing, Body-Frust, Muskel-Wahn, Mager-Schock. Einige Schlagworte von anderen «In Touch»-Cover. Das Gewicht ist ein Thema, nicht nur in der erwähnten Ausgabe. Aber auch andere Themen, die mit Frauenbildern garniert werden, tauchen regelmässig in fetter Leuchtschrift auf: Psycho-Terror, Liebesdramen, Tränen, Hysterie.

Der Frust der Userinnen und User darüber ist gross. Die grosse Mehrheit schlägt sich auf die Seite von Stokowski. Wie soll die Frau nun sein, dick, dünn? Nie sei es recht. Rückschrittlich und voller Hass auf Menschen werde geschrieben. Gruselig sei es, sich so was zu kaufen, ohne sich was dabei zu denken.

«Wieso?», fragt dann doch jemand und schwingt damit die Keule, die letzte Woche bereits Tamara Funiciello getroffen hatte. Die «Was habt und wollt ihr Frauen eigentlich, ihr seid doch einfach frustriert»-Keule.

Sind wir tatsächlich einfach nur frustriert, wenn wir als haarsträubende Überschriften verkauft werden? Wenn Menschliches als Skandal dargestellt und der wiederum explizit mit dem Frausein in Verbindung gebracht wird?

Frauen auf Abwegen

Und trotzdem sind es gerade Frauen, die solche Zeitschriften kaufen. Die Lust am Skandal ist am Ende doch grösser als der Wille, sich damit auseinanderzusetzen, was man da eigentlich liest. «Bäm», würde «In Touch» dazu schreiben (steht auch auf dem Cover).

Und dafür kann kein Mann etwas. Da kann man noch so lange und laut «Me too» schreien und auf grapschende Männer zeigen. Das soll man natürlich, wenn es einen entsprechenden Vorfall gibt. Aber es sind immer noch die Frauen selbst, die dieses oder ähnliche Magazine kaufen (87 Prozent der Leserschaft sind weiblich) und damit eine Plattform stützen, die das Frauenbild verbreitet, das im Zuge von #MeToo kritisiert wird. Und um noch einen obendrauf zu setzen: Im Portfolio von «In Touch» heisst es, das Magazin sei «das Orientierungsmedium für junge, konsumfreudige und trendbewusste Frauen». Wir rufen uns in Erinnerung, als Orientierung gelten unter anderem folgende Leitplanken: Kilo-Krise, Psychoklinik, Hass. Die Botschafterinnen: Frauen.

Wer so ein Medium unterstützt, ohne sich Gedanken zu machen, dem droht nicht nur Frauenhass von einer Gesellschaft, in der solche Frauenbilder gang und gäbe sind, sondern dem droht auch Frauenselbsthass.

(Auch) bei uns anfangen

Seien wir ehrlich, die eine oder andere wird sich sagen müssen: Ich als Frau konsumiere Inhalte, die mir als Frau schaden. Niemand zwingt mich dazu. Aber ich tue es trotzdem.

Es mag abgedroschen klingen, aber um uns zu emanzipieren, müssen wir aufhören, uns selbst in solchen Geschlechterrollen gefangen zu halten. Wir müssen aufhören, uns nach Kriterien zu beurteilen, die wir ablehnen, wenn uns andere – Männer – danach beurteilen. Wir können nicht von anderen Respekt einfordern und uns gleichzeitig gegenseitig nicht respektieren – oder ist es zu viel verlangt, wenn ich an dieser Stelle von einer Art Solidarität unter Frauen spreche?

Stattdessen sollten wir – lassen Sie mich nachsehen, was die User und Userinnen vorschlagen: «verbrennen» (drei Feueremojis), «Klo-Papier», steht da. Oder auch einfach konsequent sein und ganz die Finger von solchen Heftli und den darin verbreiteten Weltbildern lassen. Wir haben Besseres verdient. Von uns, von anderen.

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