Schnorren – eine Kulturtechnik geht verloren

Raucher verschenken Zigaretten ohne Aussicht auf Gegengabe. Der Verlust solcher Rituale wäre zu bedauern.

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Manchmal trauern wir Dingen nach, obwohl wir deren Verschwinden gutheissen. Ich kenne Frauen, die bedauern, keinen Pelz mehr tragen zu können, obwohl sie richtig finden, dass Tierquälerei bekämpft wird. Die Zürcher Gymnasiasten mögen bedauern, dass sie für Projektwochen nicht mehr nach Rom jetten können, auch wenn sie das Flugverbot selber erstritten haben. Und ich selber bedaure, dass meine Freunde nicht mehr Zigaretten rauchen, auch wenn mir an ihrer Gesundheit liegt.

Freilich sind die E-Zigaretten, an denen sie stattdessen ziehen, gesundheitlich auch nicht über alle Zweifel erhaben. Für Jugendliche sind sie möglicherweise sogar gefährlicher, weil sie mit Erdbeergeschmack und Cookies-Duft locken. Mein Bedauern, dass die Dampfmaschine den Glimmstängel verdrängt, rührt aber nicht von Risikoerwägungen. Vielmehr trauere ich den Ritualen nach, die rauchende Freunde in mein Leben brachten.

Bei der Rauchpause wusste man, woran man war.

Das beginnt damit, dass die Raucher endlose Sitzungen wohltuend unterbrachen. Wenn Diskussionen stundenlang um denselben Punkt kreisten, verschaffte die Rauchpause der Endlosschlaufe oft den entscheidenden Impuls. Dass Pausen wichtig sind, steht zwar in jedem Management-Ratgeber. Doch seit sie kein Raucher mehr einfordert, wird pausenlos gesessen. «Ich muss mal dampfen gehen», fordert keiner.

Ausserdem hatte die Rauchpause eine klare Dauer. Egal, ob man noch auf eine Zigi rausging oder noch auf eine Zigi blieb: Man wusste, woran man war. Das Dampfritual hingegen hat kein klares Ende. Pause mit Dampfenden zu machen, heisst deshalb, sich auf eine Zäsur von unbekannter Dauer einzulassen. Am meisten aber trauere ich dem Schnorren nach. Wie habe ich die Rauchenden dafür bewundert!

Elementarer Kommunismus

Hatte jemand keinen eigenen Tabak, fragte man schamlos andere Rauchende nach einer Zigarette. Stand man bei einer Gruppe Rauchender, gesellten sich bald Kippenlose hinzu, mit denen man bereitwillig Glimmstängel und Feuer teilte. Mit den E-Zigaretten ist das Schnorren vorbei. Man denke sich einmal, jemand würde fragen: «Kann ich auch mal an deinem Dampfgerät ziehen?» Ganz undenkbar. Das Dampfgerät ist höchstpersönlich. Und wer weiss, ob man das entsprechende Liquid mag? Maracuja, Milchshake oder Mint – das Raucherlebnis ist vollkommen individualisiert.

Das Schnorren hatte – bei aller Ambiguität, die dem Rauchen innewohnt – stets etwas Faszinierendes für mich: Die Raucher verschenkten ohne Aussicht auf Gegengabe. Der Ethnologe David Graeber bezeichnet das Spendieren von Zigaretten in seinem Buch «Schulden» als Ausdruck eines «elementaren Kommunismus». So wie wir einander die Tür aufhalten oder mit einem schweren Koffer helfen, ohne eine Gegengabe zu erwarten, verschenken wir Zigis ohne Hoffnung auf Ausgleich. Letztlich bestehe darin der Kitt der Gesellschaft, meint Graeber: dass wir bereit seien, einander zu helfen, wenn es uns nicht allzu viel koste und der andere dringend etwas brauche.

Alle sind aufeinander angewiesen

Ist das Schnorren als Kulturtechnik zu retten, wenn es die Raucher nicht mehr gibt? Dem Kleingeldschnorrer eine Münze zuzustecken, macht nicht gleichermassen froh, wie eine Zigarette zu verschenken. Denn insgeheim tut einem der Schnorrende leid: um Geld sollte keiner betteln müssen. Der Kommunismus als «Rohstoff des Zusammenlebens», von dem Graeber spricht, wurzelt in der Anerkennung der Tatsache, dass wir alle zuweilen aufeinander angewiesen sind. Aber die wenigsten von uns werden je fragen müssen: «Häsch mr en Stutz?» Vielleicht könnten wir dazu übergehen, Kaugummi zu schnorren und nach dem knoblauchlastigen Mittagessen Passanten zu fragen: «Häsch mr en Schigg?»

Graeber meint allerdings, sein elementarer Kommunismus greife nur, wenn die Not des Gegenübers hinreichend gross und das Mittel zur Abhilfe nicht allzu teuer sei. Ein Kaugummi kostet zwar wenig, doch die Not, die sein Fehlen auslöst, dürfte sich in Grenzen halten. Was also schnorren wir in Zukunft?

Erstellt: 11.03.2019, 20:11 Uhr

Barbara Bleisch

Die Philosophin Barbara Bleisch schreibt abwechselnd mit Laura de Weck, Michael Herrmann und Rudolf Strahm.

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