«Schon meine Eltern wollten Missstände korrigieren»

Fast vierzig Jahre nach «Das Boot ist voll» nimmt sich Markus Imhoof erneut der Not Vertriebener an. Und erzählt von einer prägenden Begegnung.

«Vielleicht ist ‹Eldorado› mein letzter Film»: Regisseur und Drehbuchautor Markus Imhoof in seinen Arbeitsräumen in Berlin. Foto: Dominik Butzmann/laif

«Vielleicht ist ‹Eldorado› mein letzter Film»: Regisseur und Drehbuchautor Markus Imhoof in seinen Arbeitsräumen in Berlin. Foto: Dominik Butzmann/laif

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Markus Imhoof, Sie sind bekannt für gesellschaftskritische Filme. Wer hat Sie gelehrt, hinzusehen statt wegzuschauen?
Ich bin in einer solidarischen Familie aufgewachsen. Schon meine Eltern wollten Missstände korrigieren. Meine Überzeugung ist: Wer Glück im Leben hat, trägt Verantwortung gegenüber jenen, die weniger Chancen haben.

Wie nehmen Sie diese Verantwortung wahr?
In erster Linie engagiere ich mich mit meiner Arbeit, indem ich Menschen auf Ungerechtigkeiten aufmerksam mache. In meinem neuen Film «Eldorado» stelle ich etwa die Eritreerin Rahel vor. Sie hat in der Schweiz kein Asyl bekommen. Zwar kann sie vorläufig hier bleiben, darf aber nicht mehr im Altersheim arbeiten, wo man sie schätzt. Ich hoffe, mit ihrem Schicksal die Menschen zu berühren. Vielleicht schreibt der eine oder die andre eine Postkarte an Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Und ich führe zum Beispiel nach wie vor Gespräche mit den Verantwortlichen der Gemeinde, in der Rahel wohnt.

Weshalb widmen Sie sich mit «Eldorado» fast vierzig Jahre nach Ihrem renommierten Kriegsdrama «Das Boot ist voll» erneut der Flüchtlingsthematik?
Angefangen hat alles noch viel früher, vor fast siebzig Jahren, als ich Giovanna kennenlernte. Sie war ein Mädchen aus Mailand, das meine Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg bei sich aufnahmen, um es zu pflegen. Wegen Giovanna hat mich das Schicksal von Flüchtlingen nie wieder losgelassen.

Giovanna wurde zum roten Faden des Dokumentarfilms «Eldorado».
Geplant war das nicht. Anfänglich sollte der Film vor allem von Syrern und Afrikanern handeln, die von der Grenzschutzagentur Frontex und der Operation «Mare Nostrum» im Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet werden. Doch Giovannas Geschichte wurde während des Schneidens meines Materials immer wichtiger. Deshalb wurde «Eldorado» nicht nur ein Dokumentarfilm über die aktuelle Flüchtlingssituation, sondern auch zu einer Erinnerung an Giovanna und damit zu einer Autobiografie.

«Ich kam mir vor wie im Hundeheim. Bloss: Man suchte sich Menschen aus.»

Erzählen Sie bitte von Ihrer ersten Begegnung mit Giovanna.
Ich war vier. Meine Mutter fuhr mit mir zum Güterbahnhof in Winterthur, um ein Kind abzuholen, das vom Roten Kreuz in die Schweiz gebracht worden war. Ich erinnere mich daran, dass ich mir vorkam wie im Hundeheim. Bloss: Man suchte sich Menschen aus. Ich hätte mir einen älteren Bruder gewünscht, doch wir bekamen Giovanna zugewiesen. Daraus entstand eine tiefe Freundschaft.

Wie war Giovanna?
Sie war acht, vom Krieg gezeichnet: krank und unterernährt. Ihr Vater war im sowjetischen Stalingrad verschollen, mit ihrer kranken Mutter hatte sie in einem zerbombten Haus in Mailand gewohnt. Trotz allem war sie neugierig und temperamentvoll. Frech zuweilen.

Warum hat Ihre Familie sie bei sich aufgenommen?
Meine Eltern wussten, dass sich auf der Welt nicht alles um sie dreht, dass sie nicht allein sind. Zu helfen, war ihnen eine Herzensangelegenheit. Bei meiner Recherche zu «Eldorado» fand ich einen Brief meines Vaters. Darin schrieb er meiner Mutter aus dem Militär, wie sehr er sich auf den baldigen Familienzuwachs durch ein Kind aus der Ferne freue.

Obwohl 1945 nebst Ihrer Schwester Ursula und Ihnen ein hungriges Kind mehr am Tisch sass, erhielt Ihre Familie keine zusätzlichen Rationierungsmarken. Wurden alle satt?
Durchaus. Wir wurden zwar nicht feiss, aber meine Mutter wusste sich zu helfen: Hatten wir etwa unsere Butterration aufgebraucht, kaufte sie heimlich eine Portion beim benachbarten Bauern, der schwarz mit Lebensmitteln handelte.

Giovanna durfte nicht lange bleiben.
Nein. Nach etwa einem halben Jahr musste sie heim, weil das Rote Kreuz nicht wollte, dass enge emotionale Bindungen entstehen. Giovanna hatte eine Mutter in Italien, zu der sie gehörte. Doch auch sie war krank und lebte in ärmlichen Verhältnissen. Sie hat immer gearbeitet. Trotzdem reichte das Geld kaum für sie und ihre Tochter.

«Giovanna war nach meinem Grossvater der erste Mensch in meinem nahen Umfeld, der starb.»

Wie gingen Ihre Eltern damit um, dass sie das Mädchen wegschicken mussten?
Mein Vater hat sich bis ins hohe Alter Vorwürfe gemacht, weil er Giovanna nicht bei uns behalten konnte, in einer Familie, die genügend zu essen und ein intaktes, warmes Haus hatte. Er hätte gern mehr geholfen. Deshalb sandten wir Giovanna und ihrer Mutter Essenspakete und Geld. Meinem Vater gelang es, Giovanna fünf Jahre nach ihrem Aufenthalt in der Schweiz ein zweites Mal für etwa neun Monate zu uns zu holen. Länger durfte sie wiederum nicht bleiben.

1950, als Sie neun waren, verstarb Giovanna im Alter von vierzehn Jahren an einer Krankheit. Was löste ihr Tod bei Ihnen aus?
Ich konnte nicht glauben, dass ich sie nie wiedersehen würde. Sie war nach meinem Grossvater der erste Mensch in meinem nahen Umfeld, der starb.

Wie erfuhren Sie davon?
Erhielt ich sonst Briefe von Giovanna, schrieb damals ihre Mutter. Sie schilderte, wie ihre Tochter immer schwächer wurde und auf dem Totenbett einen letzten Wunsch äusserte: Die Puppe, die dem Paket beilag, sollte meine Schwester erhalten. Giovanna hatte sie an einem Wettbewerb gewonnen.

«Ich würde nicht wagen, mich als Weltenbürger zu bezeichnen»: Markus Imhoof. Foto: Keystone

Sie haben feuchte Augen.
Sobald ich über Giovanna rede, geht mir ihre Geschichte nahe.

28 Jahre nach Giovannas Tod wanderten Sie mit 37 nach Mailand aus. Weshalb?
Ich hatte den Kontakt zu Giovannas Mutter nie abgebrochen. Zudem trieb mich die Frage um, ob man jemand anderer wird, wenn man woanders lebt, und wie wichtig die Herkunft für das Schicksal ist.

Zu welchem Schluss sind Sie gelangt?
Man kann seiner Herkunft nicht entkommen, sich nicht selbst erfinden. Zumindest war ich aber gezwungen, mich mit mir auseinanderzusetzen, herauszufinden, wer ich bin.

Wer sind Sie?
Ich bin neugierig und versuche, Zusammenhänge zu verstehen. Jemand, der Bewegung und das Abenteuer braucht. Sie kosten zwar Kraft, geben mir aber auch ein Stück Freiheit. Ich pendle zwischen Italien, Deutschland und der Schweiz, lerne dank meiner Arbeit die verschiedensten Orte der Erde kennen.

Sind Sie ein Weltenbürger?
Ich würde nicht wagen, mich so zu bezeichnen. Aber wenn andere mich so nennen, akzeptiere ich den Ausdruck gern.

«Die Gespräche halfen uns, die Erlebnisse zu verdauen.»

Für «Eldorado» waren Sie tagelang auf Schiffen unterwegs, die bis zu 1800 Flüchtlinge aufnahmen. Was schockierte Sie besonders?
Die Menschen wurden von Schleppern auf kleine Boote gepfercht, die unterzugehen drohten. Sie sind knapp mit ihrem Leben davongekommen. Und obwohl sie auf dem Rettungsschiff der Marine in Sicherheit waren, blieb ihre Zukunft ungewiss. Auch die Bedingungen auf den Schiffen sind tragisch: Die Leute teilten sich sechs Dixi-Klos, schliefen auf Wellkarton. Sobald ich jemandem in die Augen schaute, sah ich darin Hoffnung auf eine kleine Sonderleistung aufkeimen. Und wenn es bloss eine Rolle Toilettenpapier war. Ich fühlte mich hilflos.

Im Film sagen Sie, Giovanna sei der Grund für «die Reise, auf der ich sehe, was ich eigentlich nicht sehen will». Wie haben Sie die Bilder der Flüchtlinge verarbeitet?
In den Pausen war immer wieder Zeit, um mich mit dem Kameramann oder den Soldaten zu unterhalten. Die Gespräche halfen uns, die Erlebnisse zu verdauen.

Der Schiffspfarrer betete mit dem Personal um die «Hoffnung in unseren Herzen». Welche Hoffnungen haben Sie?
Ich wünsche mir mehr Mitgefühl und Dankbarkeit von Menschen, die alles haben. Wir sollten lernen, mit jenen zu teilen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten. Denn in der Schweiz mangelt es uns an nichts. Und selbst wenn einmal nicht alles rund läuft, müssen wir uns doch eingestehen: Irgendetwas ist immer gut.

Autobiografisch: Trailer zu «Eldorado». Video: Youtube/CINEGardens: Indie Film Trailers

Wofür sind Sie dankbar?
Dafür, dass ich nicht allein bin, sondern überall Freunde habe – ob in Berlin, Mailand oder Zürich. Oder dafür, dass ich mein rechtes Knie wieder bewegen kann, nachdem ich den Meniskus operieren lassen musste.

Sie sprechen Ihre Gesundheit an. Wie ertragen Sie mit Ihren 76 Jahren die körperlichen Strapazen eines Drehs?
Ich halte mich in Form: auf dem Velo, mit Yoga und im Fitnesscenter. Dennoch merke ich, wie mich mein Job anstrengt. Es ist kein Wunder, dass ich jetzt, da die Anspannung abfällt, stark erkältet bin. Ich freue mich auf die Ferien im Engadin.

Denken Sie bereits über einen nächsten Film nach?
Im Augenblick wüsste ich nicht, was ich noch erzählen könnte. Da «Eldorado» autobiografisch ausfiel, habe ich alles gesagt, was ich sagen wollte, alles gegeben, was ich zu geben hatte. Deshalb ist es vielleicht mein letzter Film.

Haben Sie Ihren inneren Frieden gefunden?
Ich war nie im Unfrieden, bloss weil ich kritisch bin. Doch «Eldorado» liess mich über das Leben sinnieren, darüber etwa, wie ich meine letzten Jahre noch verbringen will. Ich überlege mir, wohin ich dereinst ins Altersheim möchte, wenn es denn nötig würde. Wo ich am meisten Freunde habe. Aber vielleicht mache ich mir diese Gedanken jetzt bloss, weil ich erkältet bin. Grundsätzlich weiss ich: Ich will mich nicht zurückziehen, sondern weiterhin Teil von einem Ganzen sein, Teil der Gesellschaft.

Sind Sie Regisseur Ihres Lebens, oder spielen Sie die Rolle, die das Schicksal Ihnen zugeteilt hat?
Gewisse Dinge kann man steuern, andere muss man akzeptieren.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 14.03.2018, 08:53 Uhr

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