Zum Hauptinhalt springen

Kleines Budget, grosses Kino: Der Spass am Schund

Es heisst, das Leben sei zu kurz, um sich mit schlechten Dingen zu befassen. Doch das stimmt so nicht: Richtig schlechte Filme können grandios unterhalten. Ein Exkurs in eine andere Welt.

Party im Kino: Ein Abend mit den Trash-Liebhabern der Kultmoviegang. (Video: Kim Wyttenbach, Robin Mahler, Ryan Neukomm)

In Bern wird Cineasten schweizweit etwas Einzigartiges geboten: die Kultmoviegang. Der im Dezember 2014 entstandene Verein von Filmliebhabern zelebriert die Andersartigkeit und bringt alle zwei Monate wahrlich misslungene Streifen ins Kino. Die Rede ist nicht von hochwertig gefilmten, aber schlussendlich seelenlosen Massenproduktionen. Nein, es geht in der Tat um Müll. Machwerke, welche sich ein Millionenpublikum kaum im Lichtspielhaus ansehen würde. Manchmal wird diese Gattung auch als «Schundfilm» bezeichnet, da die Inhalte häufig so tiefgründig und anständig daherkommen wie aus einem Groschenroman. Dazu gehören Elemente wie Gewalt, Sex, platte Sprüche und modische Geschmacksverirrungen. Die Gang bietet nicht nur spezielle Filme an, sondern auch ein besonderes Erlebnis. Statt stillschweigend und Süssigkeiten knabbernd im Sessel festzukleben, werden die Zuschauer ins Geschehen eingebunden und dürfen sich jederzeit lautstark zu Wort melden. Dadurch entsteht ein Gemeinsamkeitsgefühl nach dem Motto «Mittendrin statt nur dabei». Vor Beginn der Aufführung werden Anleitungen verteilt, die als eine Art Drehbuch für den Zuschauer dienen. Musik wird aufgelegt und an der Bar ein thematisch passender Shot angeboten.

Das Überschätzen der eigenen Fähigkeiten als Spassfaktor

Was hierzulande eine Nische darstellt, ist in den USA und England seit längerer Zeit ein grosser Markt. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg ist die Tatsache, dass sehr viele dieser Streifen in englischer Sprache gedreht werden und sich der Aufwand einer nachträglichen Synchronisation erübrigt. Dank dem Internet gelangen sie im angelsächsischen Raum deutlich schneller in Umlauf als in anderssprachigen Ländern. Was bedeutet überhaupt das Etikett «Trash»?

Die Macher solcher Filme arbeiten nicht in gängigen Konventionen oder etablierten Schemen, sondern beschreiten hemmungslos andere Wege. Oftmals überschätzen sie dabei ihre eigenen Fähigkeiten oder wollen bei einem Trend auf der Erfolgswelle mitreiten. Dazu kommen meistens kleine Budgets und das Mitwirken talentloser Laienschauspieler.

Gebildete Trashkonsumenten

Keyvan Sarkhosh vom deutschen Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt hat den Versuch gemacht, Konsumenten von Trashfilmen zu definieren. Dazu hat er im letzten Jahr eine Umfrage mit 372 Teilnehmern zum Thema durchgeführt. Das Ergebnis: Trashfilme werden von den Zuschauern vor allem als billig bezeichnet, aber auch Begriffe wie «unterhaltsam», «amüsant» und «erfrischend anders» fallen häufig. 90 Prozent der Befragten sind männlich, und bei den meisten handelt es sich um gebildete Zuschauer, welche Abitur oder einen Hochschulabschluss haben. Viele sind kulturelle Allesfresser und interessieren sich für verschiedene Musik-, Medien- und Kunstrichtungen. Sarkhosh sagte gegenüber der «Stuttgarter Zeitung», seine Probanden würden die Filme mit einem gewissen Abstand und mit Ironie konsumieren. Das Publikum schätze neben der Abkehr von Mainstream-Filmen den künstlerisch-ästhetischen Aspekt und amüsiere sich über den Dilettantismus.

Kassenschlager schlecht kopiert

Als Beispiele für Trashfilme dienen die türkischen Ableger von Klassikern wie «Rambo», «Superman» oder «Star Wars» aus den Siebzigern und Achtzigern. Der Anfang von «Turkish Star Wars» besteht aus dem Abfilmen von Szenen aus «Episode IV: Eine neue Hoffnung». Der Rest des qualitativ unterdurchschnittlich produzierten Streifens bedient sich frech aus unzähligen Klischees aus der Science-Fiction-Mottenkiste, unterlegt mit der Originalmusik aus «Indiana Jones» und weiteren Klassikern. Was im Falle des türkischen Sternenkrieges ernst gemeint war und für Gelächter sorgte, entwickelte sich im Laufe der Jahre zur Marke. Trash funktioniert dann am besten, wenn aus gescheiterten Ambitionen unfreiwillige Komik entsteht. Sobald man indessen damit bewusst Geld verdienen will, geht die Unterhaltung flöten und die Kreativität weicht dem Kalkül.

Das Geschäft mit dem Müll

Ein aktuelles Beispiel ist «Sharktopus». Die Ausgangslage verspricht einiges: Haifische werden genetisch mit Oktopussen gekreuzt und attackieren Strandbesucher. Was auf dem Papier nach einem gefundenen Fressen für Liebhaber von Trashfilmen klingt, entpuppt sich auf Zelluloid rasch als laues Lüftchen. Gewollt auf billig getrimmte Spezialeffekte wollen dem ahnungslosen Zuschauer die Illusion eines schlechten Films vermitteln. Dabei handelt es sich lediglich um die Absicht der Produktionsfirma Asylum, mit möglichst kleinem Aufwand viel Geld zu verdienen. Das steht im starken Kontrast zu den ehrgeizigen und übereifrigen Filmemachern, die sich trotz fehlenden Talents mit Herz und Seele ihrer Arbeit widmen. Dennoch scheint der Schwindel das Publikum kaum zu stören. «Sharktopus» hat es bisher auf zwei Fortsetzungen gebracht. Der dritte Teil wurde bereits angekündigt.

Expansion nach Zürich

Wer sich für das Thema interessiert, findet in der Auflistung unten zehn sehenswerte Trashfilme. Ihre Wirkung entfaltet sich am besten in Gesellschaft. Sie sind jedoch auch gut für einen gemütlichen Abend alleine geeignet. Diejenigen, die jetzt Lust auf einen Veranstaltungsbesuch bekommen haben, können sich freuen. Die Kultmoviegang will nach Zürich expandieren. Der Zeitpunkt ist bislang noch unbekannt. Mitarbeit: Katja Nosswitz, Ingrid Lehmann –

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch