Schwarzer Peter

Gefürchtet, verstossen, ertränkt: Schwarze Katzen leiden weltweit unter dem Aberglauben. Der Black Cat Appreciation Day ruft das Problem ins Bewusstsein.

In vielen Ländern ist die Zahl der ausgesetzten schwarzen Katzen überproportional hoch. Mit dem Black Cat Appreciation Day soll die schwarze Katze speziell wertgeschätzt werden. Illustration: Karin Widmer

In vielen Ländern ist die Zahl der ausgesetzten schwarzen Katzen überproportional hoch. Mit dem Black Cat Appreciation Day soll die schwarze Katze speziell wertgeschätzt werden. Illustration: Karin Widmer

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«Akzeptier mich als deinen Herrscher!» Das ist eines von zahlreichen Bonmots Salem Saberhagens. Die sprechende schwarze Katze aus «Sabrina – Total verhext» ist wegen ihrer träfen Sprüche Publikumsliebling der amerikanischen Fernsehserie (1996–2003). Salem, einst ein mächtiger Hexenmeister, wurde vom Zauberrat in einen Vierbeiner verwandelt, weil er versucht hatte, die Weltherrschaft an sich zu reissen.

Es ist kein Zufall, dass er in Gestalt einer schwarzen (Plüsch-)Katze in der Hexen-WG lebt. Aufgrund des verbreiteten Aberglaubens, der entsprechend gefärbten Vierbeinern zuweilen magische Fähigkeiten zuschreibt, sind schwarze Katzen in der Kulturgeschichte immer wieder ein Symbol für Übersinnliches und Abgründiges – oder gelten als Unheilbringer. Etwa beim Erzähler in Edgar Allan Poes Kurzgeschichte «The Black Cat» aus dem Jahr 1843: Nachdem er seine schwarze Katze getötet hat, läuft ihm ein neues Exemplar zu – eins, das ihn schliesslich den Verstand kostet und zum Mörder macht.  

Endstation Tierheim

Doch wo wurzelt der Aberglaube? Jede Weltregion kennt einen anderen Ursprung: In der keltischen Mythologie tritt die Cat Sith auf, die in den schottischen Highlands spukt. In Zentraleuropa verbreitete sich im Mittelalter die Annahme, Hexen würden sich in schwarze Katzen verwandeln, um zu flüchten oder andere Menschen auszuspionieren.

Darum wurden die Katzen teils systematisch getötet – ebenso wie andere Tiere, die als das transformierte Böse galten, beispielsweise Wölfe. Grundlage bildete ein päpstlicher Erlass von 1484, die sogenannte «Hexen­bulle», sowie der «Malleus Ma­le­fi­ca­rum» von 1486, die Standardlektüre der Hexenverfolger. Doch schon seit dem 13. Jahr­hundert wurden Katzen vereinzelt der Ketzerei beschuldigt und in entsprechenden Prozessen verurteilt.

Das mag heute absurd an­muten, trotzdem hält sich bei vielen der Aberglaube, dass der Anblick einer schwarzen Katze, beziehungsweise eines Tieres mit einem hohen Schwarzanteil, Unglück oder  gar  den  Tod ­voraussagt. Fast  alle  Weltreli­gionen gründen auf Schriften, in denen von Dämonen in Tier­gestalt erzählt wird, so auch der Islam oder das Christentum. In Italien, dem Epizentrum der katholischen Kirche, berichtet die na­tionale Tierschutzorganisation Enpa denn auch von jährlich 60'000 getöteten schwarzen ­Katzen.

Im Mittelalter glaubte man, Hexen würden sich in schwarze Katzen verwandeln.

Ähnlich Schockierendes hörte Ronja Bischoff aus Bern während ihrer letztjährigen Ferien auf Lanzarote, wo die 41-jährige Kinderkrankenschwester zusammen mit ihrem Partner in einem Tierheim aushalf. Als ihr auffiel, dass übermässig viele schwarze Katzen auf Hilfe warteten, sagten ihr die Mitarbeiter der lokalen Tierhilfe Sara, dass in Spanien wegen des Aberglaubens noch immer viele schwarze Katzen ertränkt würden und es schwierig sei, herrenlose Tiere zu vermitteln.

Glück hatten Max, der unter einem Felsvorsprung gefunden wurde, und Moritz, der vor dem Heim ausgesetzt wurde: Die ­beiden damals sechs Monate alten schwarz-weissen Kater wurden vom Paar adoptiert und gedeihen prächtig in ihrem Berner Zuhause.

Schwarze Katzen dominieren auch Tierheime in nördlicheren Hemisphären: Die englische Tierschutzorganisation Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals (RSPCA) schreibt, dass 70 Prozent der ausgesetzten Katzen in England schwarz seien. Darum hat die Wohltätigkeitsorganisation den Black Cat Day einberufen, der jährlich am 27. Oktober begangen wird. Auch in den Vereinigten Staaten haben es schwarze Tierheimkatzen überproportional schwer, ein neues Plätzchen zu finden.

Zu wenig fotogen?

Um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen, begehen die USA heute, am 17. August, den Black Cat Appreciation Day. An beiden Gedenktagen feiern Herrchen und Frauchen weltweit mit Fotos und entsprechenden Hashtags (#BlackCatsDay) ihre schwarzen Katzen auf den sozialen Medien. Ironischerweise auf jenen Kanälen, die den Tieren das Leben zusätzlich schwer­machen. Denn gemäss der RSPCA ist heute ein verbreiteter Grund für das Aussetzen schwarzer Katzen deren mangelnde Fotogenität. Da hört offenbar die Tierliebe einiger Instagrammer auf.

Prekär wie im angelsächsischen oder südeuropäischen Raum ist die Lage in Schweizer Tierheimen nicht. Im Gegenteil: «Unseren Tierpflegerinnen ist bisher nicht aufgefallen, dass schwarze Katzen schwieriger zu vermitteln wären», sagt Nadja Brodmann vom Zürcher Tierhaus. «Die Farbe ist unserer Meinung nach bei der Auswahl zweitrangig. Die Verhaltensweisen der Tiere stehen ganz klar im Vordergrund», beobachtet auch Therese Beutler vom Berner Tierschutz, zu dem das Tierheim Oberbottigen gehört.

Kultfigur Pitschi

Ob das Problem nun in der regionalen Auslegung einer Religion gründet oder auf neuzeitliche Social-Media-Phänomene zurückzuführen ist: Zumindest in der Kinderkultur gehören schwarze Katzen immer wieder zu den Helden.

Hierzulande wachsen Kinder seit der Erstveröffentlichung 1948 mit dem schwarzen Bilderbuchkätzchen Pitschi auf. Eine Kultfigur, geschaffen vom Illustrator Hans Fischer, die noch bis am 14. Oktober in der Landesmuseums-Ausstellung «Joggeli, Pitschi, Globi . . . Beliebte Schweizer Bilderbücher» museal gewürdigt wird. Und im US-Kinofilm «Hocus Pocus» von 1993 lebt ein Junge dreihundert Jahre im Körper einer schwarzen Katze, bis er schliesslich mithelfen kann, drei bösen Hexen das Handwerk zu legen. Ein bisschen Magie muss eben doch sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2018, 19:42 Uhr

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