Schweissnass erwachte er am Strassenrand

Als Süchtiger ging er durch Highs, Hölle und Haft, überlebte und schrieb darüber ein drastisches Buch. Jetzt warnt Dominik Forster an deutschen Schulen.

Der Geläuterte: Dominik Forster. Foto: PD

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Man sieht ihm nicht an, was er sich angetan hat. Mit seinem akkurat gescheitelten Haar, dem Kinnbart und der eckigen Brille sieht er wie ein Lehrer aus. Dominik Forster kommt aus Nürnberg und hat einen gemütlichen Akzent, er gibt freundlich Auskunft, ein netter junger Mann, 27 Jahre alt. Nur die durchtätowierten Arme deuten darauf hin, dass er nicht auf dem Lehrerseminar war.

Dominik war auf Drogen. 24 Stunden am Tag, wochenlang. «Auf dem Höhepunkt des Regenbogens», wie er es im Gespräch formuliert, konsumierte er täglich mehrere Gramm Amphetamin, ein Gramm Kokain, ein Gramm Crystal Meth, mehrere Joints und drei Päckchen Zigaretten. Seine Wohnung war voller Kippen, Bierlachen und Blut. Mit seiner Freundin lag er betäubt auf dem Bett. Fahl drang das Tageslicht durch die Fensterläden. «Meth bedeutet, ich kann alles, ich bin alles, immer auf Knopfdruck und endlos!», schreibt er auf seine atemlose Art in «Crystal Klar», seinem mit Flüchen, Stummeldialogen, Szenewörtern und Ausrufezeichen gesprenkelten Selbstbekenntnis. Stilistisch gibt es nichts her, fährt aber ein.

Den Schülerinnen und Schülern gefällt, dass er redet wie sie, seine drastische Sprache macht ihn glaubwürdig.

Mit seinen Erfahrungen geht Dominik Forster jetzt durch die deutschen Schulen, über 250 Vorträge hat er bereits gehalten – ehrenamtlich. Den Schülerinnen und Schülern gefällt, dass er redet wie sie, seine drastische Sprache macht ihn glaubwürdig. Ihm wiederum fällt auf, wie viele von ihnen schon Drogenerfahrungen gemacht haben. Entweder an sich selber oder über ihre Eltern.

«Ich habe 13-jährige Kinder angetroffen, die bereits wissen, wovon ich rede. Wie es sich anfühlt, wenn die Eltern auf Drogen sind, wenn der Vater Alkoholiker ist und der Onkel Drogen verkauft, wenn die beste Freundin Cannabis raucht oder eine Kräutermischung. Über das Darknet kann man sich alle möglichen Drogen und sogar Waffen beschaffen, die man will.»

Trotzdem beschreibt er die Drogenkarriere als Regenbogen. Der symbolisiert den Aufstieg aus dem Nichts ins Himmelhoch und von dort bis zu den Niederungen des Aufpralls. Zweitens widerlegt der Regenbogen farbenfroh, was die Präventionsbeschwörer immer behaupten: dass bei Drogen wie Crystal Meth sofort der Absturz folgt. Das sei nicht wahr, sagt Forster, er habe es erlebt. Schon darum glaubten die Jugendlichen den Lehrern und Polizisten nicht.

Trotzdem beschreibt er die Drogenkarriere als Regenbogen. Der symbolisiert den Aufstieg aus dem Nichts ins Himmelhoch.

«Diese Bilder von Meth-Zombies kommen aus Amerika, es gibt sie auch bei uns. Vermittelt wird damit, dass wir alle nach zwei Wochen so aussehen, wenn wir diese Droge konsumieren. Das stimmt aber nicht. Wenn man damit anfängt, wird erst einmal alles hell und intensiv, und man fühlt sich besser. Dann kommt man oben an, und erst dann kommt es zum Verfall.»

Forster, in der Nürnberger Südstadt aufgewachsen, macht die Eltern nicht für seinen Niedergang verantwortlich, das stellt er schon auf der ersten Seite seines Buches klar. Zwar fand er es komisch, dass sein Vater mit dem Glas in der Hand vor dem Alkohol warnte, dass seine Mutter Pillen nahm, wenn etwas nicht gut ging. Aber er gibt ihnen keine Schuld für seine Sucht.

In seinem Buch beschreibt er sich als schmächtigen, schüchternen Buben, der in der Schule zum Opfer wurde – das Schlimmste, was einem passieren könne, sagt er, in der Schule, auf der Strasse und erst recht im Gefängnis. Dominik wurde ausgelacht, bedroht, gemobbt und geschlagen. Um sich vor den Grossen zu schützen, schloss er sich einer Gang an. Und um sich besser zu fühlen, begann er zu trinken, zu rauchen, zu koksen, zu kiffen, er nahm Speed, Ecstasy und schliesslich Crystal Meth. Was er für die gefährlichste Droge halte, fragt man ihn. «Für jeden Menschen gibt es die perfekte und die schlimmste Droge», gibt er zurück. Für ihn: Alkohol und Crystal Meth.

«Gehirnzellenmassaker» nennt Forster seinen damaligen Zustand. Und weil ihm dabei das Geld ausging, stieg er in den Drogenhandel ein.

Mit seinen Leuten feierte er die Nächte durch in einem Betonbau im Langwasser, dem Nürnberger Problemquartier. Am Morgen taumelte er ins Helle und brach neben dem Abfallkübel zusammen, lag stundenlang in Dreck und Regen, bis er in der Lage war, nach Hause zu gehen. «Gehirnzellenmassaker» nennt Forster seinen damaligen Zustand. Und weil ihm dabei das Geld ausging, stieg er in den Drogenhandel ein, verdiente zu seiner besten Zeit 1500 Euro am Tag. Es gebe viele Leute, die mit Drogen umgehen könnten, sagt er, den die Erfahrung nicht zum Fanatiker gemacht hat wie so viele andere. Er gehöre entschieden nicht dazu.

«Ich bin das perfekte Beispiel dafür, wie schnell man durch die Decke schiessen kann. Ich habe mit 17 Jahren angefangen, Drogen zu konsumieren, mit 21 war ich schon im Jugendknast. Und ich glaube, dass es bei jedem schnell geht, der von diesem kleinen Schuljungen zum Superhelden wird. Wenn das einmal im Kopf ist, dann bezweifle ich, dass das irgendjemand kontrollieren kann.»

Nachts wachte er schweissgebadet am Rand einer Strasse auf, auf dem WC eines Eisenbahnwagens, in einem fremden Bett, und konnte sich an nichts erinnern.

Je schneller Forster auf den Drogen drehte, durch die Nächte tanzte, mit riesigen Pupillen über die Autobahnen raste, desto länger dauerten seine Blackouts nach dem Kollaps. Nachts wachte er schweissgebadet am Rand einer Strasse auf, auf dem WC eines Eisenbahnwagens, in einem fremden Bett, und konnte sich an nichts erinnern. Seine Depressionen vertieften sich, sein Verfolgungswahn flackerte grell. Er war überzeugt, dass im grauen Auto vor seiner Wohnung ein Polizeifahnder sitzt. Er spürte Käfer unter seiner Haut und versuchte, sie zu entfernen, ging mit Nagelschere und Feuerzeug auf sich selber los. Vom Wahn zerstört, hungrig, hysterisch, nackt, wie Allen Ginsberg geschrieben hat. Schlimmer als die Sucht war nur noch das Gefängnis: zweieinhalb Jahre Haft in mehreren Anstalten, Forster erlebte sie als Abfolge von Angst und Gewalt.

Je länger man dem Ehemaligen zuhört und in seinem schnellen Buch weiterliest, desto mehr wird einem die Unentrinnbarkeit solcher Drogenkarrieren wieder einmal bewusst. Der euphorische Anfang, der absehbare Ablauf, der vorbestimmte Absturz. Auch die Erzählung über das Durchlittene, als Katharsis angelegt, einer immer aufs Neue wiederholten Reinigung durch Beschwörung, trägt ritualisierte Züge. Süchtige werden süchtig nach der Beichte ihrer Sucht.

Dazu gehört, dass Forster, wie so viele Süchtige, seine Haltlosigkeit durch ihr Gegenteil ersetzte, also Gott gefunden hat.

Dazu gehört, dass Forster, wie so viele Süchtige, seine Haltlosigkeit durch ihr Gegenteil ersetzte, also Gott gefunden hat. Das war bei einem der vielen Male, als er beinahe starb. Seither sieht er es als Aufgabe an, andere über das Erlebte aufzuklären. Mit seinem Glauben drängt er sich aber keinem auf. Er trägt kein Kruzifix vor sich her, will niemanden bekehren, auch in die Kirche geht er nicht. Sein Glaube ist seine Privatsache, aber er hilft ihm. Und er kann Hilfe gebrauchen. Von der Gesellschaft bekommt er keine, sagt er, vom Staat erst recht nicht. Nüchtern analysiert er die schiere Unmöglichkeit, als Vorbestrafter nicht rückfällig zu werden.

«Im Gefängnis machen sie dir vor, dass die Gesellschaft dir eine neue Chance gibt, wenn du rauskommst. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Als Vorbestrafter hast du kein Führungszeugnis, bekommst also keinen Job, kriegst keine Wohnung, kannst keine Sozialhilfe beantragen. Damit wird das Einfachste, das du tun kannst, wieder kriminell zu werden. Du willst zwar aufhören, aber du weisst nicht, wo hingehen und was tun. Du lernst auch gar keine neuen Leute kennen. Denn wenn dich jemand fragt, was machst du beruflich, und du zur Antwort gibst, ich war im Hochsicherheits-Jugendknast, dann bist du schon draussen.»

Wie er es schaffte und heute nicht nur Gott auf seiner Seite hat, sondern eine Freundin: Das erzählt Dominik Forster in seinem nächsten Buch. Ein Therapeut spielt dabei eine Rolle und das Klettern als Methode, die Endorphine zu aktivieren, das körpereigene Heroin. Leicht wird das Buch nicht zu schreiben sein. Das Kaputtsein liest sich viel aufregender als das Gerettetwerden, die Sünden sind wild und die Beichten fromm. In der Hölle ist dauernd etwas los und im Himmel alles gleich.

Dominik Forster: «crystal.klar.» duotincta (280 Seiten, 14,95 Euro) dominik-forster.de

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.05.2016, 23:44 Uhr

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