Schweizer flüchten vor Stress in die Natur – mit dem Handy

Eine Studie zeigt: Am liebsten erholen wir uns beim Wandern. Aber ganz abschalten? Das macht den meisten Mühe.

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Ein Mann mit dunkler Jacke und Wanderstock steht am Rande einer bläulichen Berglandschaft, unter ihm breitet sich das Nebelmeer aus. Was klingt wie der Beschrieb eines Fotoposts auf Social Media, ist in Wahrheit der eines Bildes des Künstlers Caspar David Friedrich. Er malte sein Gemälde «Wanderer über dem Nebelmeer» Anfang des 19. Jahrhunderts. Und traf dabei den Zeitgeist: Damals galt die Natur als Sehnsuchtsort.

Am Grundbedürfnis, die Natur aufzusuchen, hat sich seither nichts geändert. Heute sucht man die Natur am liebsten auf, wenn man sich erholen will. Das ist das Resultat einer Studie, die Schweiz Tourismus in Auftrag gegeben hat.

Fast drei Viertel aller Schweizer können sich in der Natur am besten erholen. Nicht einmal zu Hause können mehr Leute besser abschalten. Und die Schweizer scheinen hier auch Ausnahmen zu sein. Die Studie untersuchte dasselbe auch in den Niederlanden, Grossbritannien, Deutschland und Frankreich. Das Verdikt: In diesen Ländern können sich die Menschen viel eher noch zu Hause erholen.

Digitaler Lifestyle bringt Stress

Doch was machen die Menschen am liebsten, um abzuschalten? In der Schweiz wandern sie gerne. Der Volkssport muss sich den ersten Platz allerdings teilen. Genauso gerne lesen Schweizerinnen und Schweizer, schauen TV oder sitzen am Computer.

Die Anforderungen der digitalen Leistungsgesellschaft seien die Gründe, warum sich Schweizerinnen und Schweizer gestresst fühlen. Das steht im Gegensatz zur Tatsache, dass sie sich zum Ablenken vom Stress auch gerne mal auf digitalem Weg Erholung suchen.

In den Niederlanden zum Beispiel ist die Bewegung in der Natur laut der Studie am beliebtesten als Stress-Reduktion. Gar nicht gerne gehen hingegen die Briten wandern. Nur gerade 21 Prozent der Befragten sehen dies als eine Aktivität, bei der man besonders gut runterkommen kann. Die Briten lesen viel lieber oder sitzen vor dem TV.

Nebst Outdoor-Kleidern nehmen Schweizer gerne das Handy zum Wandern mit – obwohl sie eigentlich abschalten möchten.

Wenn die Schweizer wandern gehen, mögen sie es bequem. Die Studienautoren von Sotomo haben den Befragten Naturbilder gezeigt. Dabei zeigte sich, dass die rohe, ungebändigte Natur wenig beliebt ist. Zu viel Natur will man dann doch nicht.

So übernachten die Schweizer am liebsten in Berghotels oder zumindest in Berghütten mit Warmwasser, wenn sie einmal auf einer Wanderung sind. Der Komfort darf also nicht fehlen. Die meisten würden denn auch die Dusche und ein bequemes Bett vermissen, wenn sie in der Natur schlafen müssten. Es scheint zudem nicht wichtig zu sein, möglichst sportlich unterwegs zu sein.

Erfreulich für die Bekleidungsindustrie dürfte die Erkenntnis der Studie sein, dass Schweizer top ausgerüstet sind. So besitzen 60 Prozent der aktiven Wanderer Wanderschuhe, immerhin 40 Prozent eine Outdoor-Jacke. Das ist in den anderen untersuchten Ländern teilweise deutlich weniger ausgeprägt.

Nebst Outdoor-Kleidern nehmen Schweizer auch gerne das Handy zum Wandern mit. Und das, obwohl sie eigentlich gerne abschalten und sich erholen möchten. Das Handy kommt mit, um einerseits im Notfall erreichbar zu sein. Aber andererseits eben auch, um das Naturerlebnis zu fotografieren und es nicht zuletzt mit anderen zu teilen. Etwa über Social Media.

Fotoposts mit Sogwirkung

Rund ein Drittel gab aber auch an, dass sie beim Wandern das Handy häufig ausschalten oder nicht mitnehmen. Ein Grossteil der Befragten mag es zudem, nicht erreichbar zu sein, wenn mal die Verbindung zur Aussenwelt wegen eines Funklochs unterbrochen wird.

Das Teilen von Fotos hat laut der Studie eine gewisse Sogwirkung für andere: So waren über die Hälfte der Schweizer schon einmal neidisch auf jemanden wegen eines besonders gelungenen Naturfotos. 36 Prozent gaben an, dass sie wegen eines Schnappschusses von jemand anderem schon einmal die Natur aufgesucht haben.

Im schlimmsten Fall kann das Posten von Fotos auch unangenehme Folgen haben. In den vergangenen Jahren kam es an etlichen Orten zu einem erhöhten Besucheraufmarsch. So etwa beim Bergrestaurant Äscher oder dem Caumasee, die regelrecht von Touristen überlaufen wurden. Passiert dies, ist das mit der Erholung in der Natur nicht mehr ganz so einfach.

Erstellt: 06.05.2019, 09:30 Uhr

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