Seien Sie unerreichbar

Brauchen Arbeitnehmer E-Mail-Pausen am Abend? Ja, heisst es in der Autobranche immer öfter.

Irgendwann muss Schluss sein mit dem Beantworten von Geschäfts-E-Mails. Foto: iStock

Irgendwann muss Schluss sein mit dem Beantworten von Geschäfts-E-Mails. Foto: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es wäre interessant, zu erfahren, zu welcher Tageszeit Uwe Hück sein Interview gegeben hat. Abends vielleicht? Der Betriebsratsvorsitzende von Porsche fordert, der permanenten Erreichbarkeit einen Riegel vorzuschieben. «Abends noch Mails vom Chef lesen und beantworten, ist unbezahlte Arbeitszeit, die den Stress erhöht – das geht gar nicht», sagt der ehemalige Thai-­Boxer, der durchaus auch verbal austeilen kann. Ginge es nach Uwe Hück, sollten sämtliche E-Mail-Konten der Porsche-Mitarbeiter zwischen 19 und 6 Uhr sowie am Wochenende und in den Ferien gesperrt werden.

Das Phänomen ist bekannt: Mobil, allzeit bereit und erreichbar soll der moderne Arbeitnehmer sein. Das Unternehmen im Kopf, das Smartphone am Körper. Ärzte wissen um die gravierenden Folgen. Je nach Umfragen geben zwei Drittel bis drei Viertel der Berufstätigen an, ständig erreichbar sein zu müssen oder zumindest die Verpflichtung dazu zu spüren. Und fast ebenso hoch ist der Anteil jener Arbeit­nehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich gestresst oder erschöpft fühlen und in der Folge dann unter Schlafstörungen, Herzproblemen, Kopf- oder Rückenschmerzen leiden.

«Entschleunigungs-Oasen»

Zwar wissen Psychologen, dass es weniger an der Uhrzeit allein liegt, ob Geschäftsmails als belastend empfunden werden. Wer entsprechende Tätigkeiten unter Kontrolle hat, den kann es sogar entlasten, abends Mails zu erledigen. Fühlt man sich hingegen dem E-Mail-Hagel ausgeliefert und wird die Zusatzarbeit zur abendlichen Routine, drohen Schäden. Die smarten Geräte wecken unsere Neugier, haben aber auch ein starkes Suchtpotenzial. Das Problem reguliert sich nicht von allein, Selbstschutz funktioniert oft nicht. Ist es vielleicht nötig, die Menschen – wie vor Alkohol und Tabak – vor ihren elektronischen Geräten zu bewahren, indem die tägliche Dosis limitiert wird?

Da «Musse» und «Feierabend» aussterbende Begriffe werden, fordert der deutsche Soziologe Hartmut Rosa von der Universität Jena längst «Entschleunigungs-Oasen». Menschen sollten regelmässig Ruhe finden, ohne digital abgelenkt zu sein. Unternehmen und Betriebsrat von VW haben schon 2011 Regeln zur Nutzung dienstlicher Smartphones für die Tarifbeschäftigten vereinbart. Die legen fest, dass zwischen 18.15 und 7 Uhr sowie an Wochenenden keine Mails empfangen werden. «Von Vorgesetzten und Mitarbeitern wird das als Signal verstanden, Erholungszeiten zu respektieren und den Feierabend nur im Notfall zu durchbrechen», sagt VW-Sprecher Markus Schlesag. Mehr als 12'000 Beschäftigte sind dabei. Für Manager und andere Führungskräfte sowie Kollegen mit viel Auslandskontakt gilt die E-Mail-Karenz nicht.

Allerdings muss man Mitarbeiter nicht nur davor schützen, dass der Chef sie belästigt. Es gibt ja beflissene Kollegen, die allzu gerne ihre Leistungsbereitschaft demonstrieren, indem sie abends um 23 Uhr noch eine Rundmail in die Welt setzen. Ob die guten Vorsätze etwas taugen, wird sich zeigen.

Gerade hat der deutsche IT-Verbund Bitkom eine Umfrage veröffentlicht, wonach 73 Prozent der Berufstätigen über die Weihnachtsfeiertage dienstlich erreichbar sind, um «Erwartungen ihrer Vorgesetzten zu erfüllen». Das Adventsrätsel lautete also auch in diesem Jahr: Wie wollen Mama und Papa mit dem Smartphone unter dem Christbaum entspannen – und ihre Kinder glaubhaft ermahnen, nicht ständig mit dem Handy zu spielen?

Schnell schreiben, später schicken

PS: Es gibt übrigens auch die Möglichkeit, eine E-Mail zu terminieren: Falls einem also kurz vor Mitternacht plötzlich noch etwas Wichtiges in den Sinn kommt, kann man es getrost sofort eintippen, dann aber einstellen, dass die Mail erst am nächsten Morgen zu einer unverfänglichen Zeit beim Kollegen oder beim Chef ankommt. Und alle sind entspannt.

Erstellt: 26.12.2017, 19:37 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...