«Unser Ziel war, zu überleben. Elf Jahre, zehn Monate lang»

Jeder zweite Geflüchtete in der Schweiz ist traumatisiert. Mehmet Özgül erzählt, wie er zurück in die Normalität fand.

Mehmet Özgül kam 2007 in die Schweiz. Im Gepäck hatte er ein Trauma, «schwer wie ein Stein». Foto: Raphael Moser

Mehmet Özgül kam 2007 in die Schweiz. Im Gepäck hatte er ein Trauma, «schwer wie ein Stein». Foto: Raphael Moser

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Es sei nicht leicht, darüber zu sprechen. Mehmet Özgül tut es trotzdem. Auf seine Art. Keine Einzelheiten. Aber Sätze, die Raum für die Vorstellung des Schreckens lassen.

Elf Jahre und zehn Monate sass er in der Türkei im Gefängnis. Damit sie ihn verurteilen konnten – damals war er 17 –, hatten ihn die Behörden um ein paar Jahre älter gemacht. Özgül war Aktivist in einer legalen sozialistischen Bewegung, stellte bereits damals seine Gesinnung über seine Identität als Kurde. In der Türkei vor dem Militärputsch von 1980 ein Grund, ihn einzusperren. «Nach dem Putsch wurde die Folter schlimmer. Die Methoden waren unmenschlich. Sie machten keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen.»

Özgül sitzt zusammen mit seinem Übersetzer Cemal Özcelik an diesem Nachmittag in einem Berner Café. Beide Männer sprechen ruhig, sie sind ein eingespieltes Team. Sie kennen sich seit acht Jahren, seit Özgül die Therapie im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in Bern-Wabern besucht.

Sie leitet das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer in Bern-Wabern: Manuela Ernst. Bild: PD

«Rund die Hälfte der Geflüchteten leiden an Traumafolgeerkrankungen», sagt Manuela Ernst, Leiterin des Ambulatoriums. Sie beruft sich dabei auf internationale Studien, die auch auf die Schweiz anwendbar seien. Genaue Zahlen, wie viele in der Schweiz leben, gebe es jedoch nicht. Doch anhand der Anzahl Menschen, welche seit Beginn der letzten grossen Flüchtlingswelle in die Schweiz gekommen seien, lasse sich schätzen, dass seit 2013 rund 25'000 traumatisierte Personen ins Land kamen und hier ein Bleiberecht erhalten haben, zusätzlich zu all jenen, die bereits seit Jahren in der Schweiz lebten. Jene, die flohen, aus der Türkei, Sri Lanka, dem Iran, aus Kosovo oder Bosnien.

Überleben in der Normalität

Özgül kam 2007 in die Schweiz. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis schien ihm alles fremd. Die Strassen voller Menschen, die Verkehrsgeräusche, die Mentalität. Sein kleiner Bruder stand plötzlich als erwachsener Mann vor ihm. Obwohl er die Flucht nach vorne antrat, Verkäufer wurde, um in Kontakt mit Menschen zu kommen, in sein altes ­Leben fand er nicht zurück. Einen ­Psychologen hatte er nicht zur Seite. «Wir wussten nicht, was mit uns anfangen», sagt er über sich und seine entlassenen Mitgefangenen. Die elf Jahre und zehn Monate hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie seien ein Versuch gewesen, ihn und die Mitgefangenen zu brechen. «Unser Ziel war, zusammenzuhalten. Und vor allem: überleben. Elf Jahre, zehn Monate lang.»

Viele Traumatisierte teilen Özgüls Schicksal: Der Überlebenskampf dauert an, obwohl er eigentlich vorbei ist. Der Körper und die Seele können Todesangst, Schmerzen und Anspannung nicht so leicht vergessen.

«Ich habe immer versucht, ein Licht zu finden. Heute machen es meine Söhne heller.»

Traumafolgeerkrankungen sind komplex. Besonders häufig treten sogenannte posttraumatische Belastungsstörungen auf. Betroffene leiden unter Wiedererinnerung und Wiedererleben, Vermeidung und Übererregung.

In vielen Fällen liegen sogenannte sequenzielle Traumatisierungen vor. Die erste geschieht durch Erlebnisse im Herkunftsland, eine weitere auf der Flucht, die nächste nach der Ankunft in der Schweiz. Schwierige Aufnahmestrukturen, unsicherer Aufenthaltsstatus, Diskriminierung, Rassismus, schwierige ­Situationen in Asylunterkünften – postmigratorische Stressfaktoren, so Ma­nue­la Ernst, können den Genesungsprozess behindern oder gar zu einer Re­traumatisierung führen, obwohl die Geflüchteten in der Schweiz eigentlich in Sicherheit seien.

Die Erinnerungen flüchten mit

In der Schweiz angekommen, landete Mehmet Özgül im Durchgangszentrum. Im Gepäck ein Trauma, «schwer wie ein Stein». Nach den Jahren im Gefängnis konnte er sich nicht in geschlossenen Räumen aufhalten. Doch solche Räume gab es viele im Durchgangszentrum. Und er musste drinbleiben. Dazu kamen Aufpasser. Auch allein sein fiel ihm schwer. Rund um ihn aber lauter Fremde, deren Sprachen er nicht verstand. Lange war sein Aufenthaltsstatus unklar. Er berichtet von zwischenzeitlicher Ausweisung, Obdachlosigkeit. All das, zusammen mit der Sprachbarriere, habe den Beginn einer Therapie verzögert.

«Je früher man eine Traumafolgeerkrankung erkennt, und je schneller man mit einer Behandlung beginnt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Leiden chronisch wird», sagt Manuela Ernst. Doch die Nachfrage übersteigt das Angebot.

In der Schweiz gibt es fünf spezialisierte Therapiezentren für traumatisierte Geflüchtete. Sie bilden den Verbund «Support for Torture Victims». Zusammen können sie pro Jahr etwas mehr als 1000 Personen betreuen. Dass aus Kapazitätsgründen Leute abgelehnt werden müssen, gehört im Berner Ambulatorium zum Alltag. Zudem ist in der Schweiz nicht einheitlich geregelt, wer die Übersetzungskosten für Traumatherapien trägt. Dabei wäre laut Manuela Ernst ein Dolmetscher die Basis für viele Betroffene, überhaupt mit einer Gesprächstherapie beginnen zu können. Faktisch bedeutet das, dass insbesondere traumatisierte Neuankömmlinge von regulären psychotherapeutischen Angeboten ausgeschlossen werden.

Das Durchgangszentrum erinnerte Özgül an das türkische Gefängnis. Foto: Keystone

Zusätzlich erschwert wird der Zugang zur Behandlung, weil Fachpsychologen für Psychotherapie in der Schweiz nicht über die Grundversicherung abrechnen können. Gegenüber den Betroffenen sei ­diese Situation einerseits humanitär bedenklich. Andererseits entstünden durch die unzureichende Behandlung enorme Folgekosten. Traumatisierte Personen haben oft grosse Schwierigkeiten, sich zu integrieren, der Einstieg ins Arbeitsleben wird erschwert, die Gesundheitskosten steigen, je länger Leiden unbehandelt bleiben. «Unsere Gesellschaft ist sich sowohl der Folgekosten als auch ihrer Verantwortung gegenüber traumatisierten Personen zu wenig bewusst», sagt Ernst.

Suche nach Lösungen

Die Behörden haben das Problem erkannt. Eine vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Auftrag gegebene Evaluation konstatiert «Lücken in der psychiatrischen Versorgung von Asylsuchenden, insbesondere für posttraumatische Belastungsstörungen», entsprechend ausgebildete Therapeuten würden fehlen. Dies müsse längerfristig angegangen werden, steht dazu in einem entsprechenden Konzept, bei dessen Umsetzung neben dem BAG auch das Staatssekretariat für Migration (SEM) federführend ist.

Seit 1994 unterstützt das SEM das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) bei der Behandlung traumatisierter Personen im Asylbereich. Die letzten drei Jahre subventionierte es die Therapieplätze der fünf spezialisierten Behandlungsstandorte mit jährlich 600000 Franken, fast doppelt so viel wie vor 2015. Ein weiterer Ausbau der Beiträge sei aus finanziellen Gründen nicht möglich, so Daniel Bach, Informationschef beim SEM.

Für die Finanzierung von Dolmetschkosten in der Psychotherapie suche das BAG derzeit nach Lösungen. Das SEM selbst hat 2016 ein zweijähriges Pilotprojekt lanciert, welches Asylsuchenden und Flüchtlingen den Zugang zu psychotherapeutischen und psychiatrischen Therapien erleichtern und die zuweisenden Stellen für das Thema sensibilisieren soll. Die Ergebnisse zeigen: Dolmetschende sind für Traumabehandlungen unverzichtbar, die Finanzierung bleibt eine Herausforderung.

Folgekosten für die Gesellschaft

Beim Übersetzer Cemal Özcelik klingelt das Telefon, wie mehrmals an diesem Nachmittag, als wolle es zeigen, wie ausgelastet das Ambulatorium und seine Übersetzer sind. Er vereinbart Termine, schreibt sie in die bereits volle Agenda. Er verpasst keinen Anruf. Manchmal müsse es schnell gehen, sagt Özcelik. Doch längst nicht alle, die dringend eine Behandlung benötigen, melden sich.

Psychische Erkrankungen werden noch oft stigmatisiert, in der Schweiz genauso wie in den Herkunftsländern der Geflüchteten. Je nach kulturellem Hintergrund könne die Schwelle, Hilfe aufzusuchen, hoch sein. Es kommt auch vor, dass Betroffene ihre Symptome nicht einordnen können oder sie verdrängen.

Eine systematische Früherkennung für Traumata fehlt in der Schweiz bisher. Wie sinnvoll ein flächendeckendes Screeningprogramm für Asylsuchende wäre, sieht Daniel Bach vom SEM ­kritisch. Der Nutzen für Patienten müsse abgewogen werden, auch gegen ­mögliche Schäden, etwa durch Über­diagnostizierung. Zudem müssten dazu genügend Behandlungsplätze zur ­Verfügung stehen. Im BAG laufen diesbezüglich verschiedene Projekte und Studien.

Ein Therapieraum des Ambulatoriums in Bern. Foto: SRK, Ruben Ung

Bereits angelaufen ist seit Januar 2018 folgende Vorgehensweise: Asylsuchende werden bei ihrem Eintritt in ein Bundesasylzentrum über die wichtigsten Themen im Gesundheitsbereich ­informiert. Auch darüber, dass ihnen eine medizinische Erstkonsultation zusteht. Denn über die Folgekosten, welche eine versäumte Traumabehandlung mit sich bringt, ist sich der Bund durchaus bewusst.

In einer vom Bund in Auftrag ge­gebenen Studie steht, dass ein grosser Bevölkerungsanteil der damals in den 90er-Jahren vor dem Krieg aus Bosnien geflüchteten Personen mit ernsten ­gesundheitlichen Problemen kon­frontiert ist. Die häufigsten Erkran­kungen: Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und chronische Schmerzen.

«Eine gute Integration führt nachweislich zu besseren Gesundheitswerten und wirkt sich damit auch positiv auf die Gesundheitskosten von vorläufig Aufgenommenen und Flüchtlingen aus», schreibt Bach. Im Mai 2019 tritt dazu ein neuer Plan in Kraft, er heisst: Integrationsagenda Schweiz. Traumatisierten Personen sollen in erster Linie die gesundheitliche Stabilisierung und die soziale Integration, aber auch die Arbeitsintegration erleichtert werden. Der Bund erwartet damit auch eine Senkung der Sozialhilfesubventionen.

Salbe reicht nicht für die Wunden

Um seine «Spuren des Gefängnisses» zu behandeln, suchte Özgül vor acht Jahren das Ambulatorium in Bern auf. Beim Erzählen fährt er sich mit dem Finger über den Handrücken. Es seien keine Wunden wie jene auf der Haut, die man mit Salbe behandeln kann. «Es war so schlimm, dass es schwer ist, Worte dafür zu finden.»

Übersetzer Özcelik weiss das. Er arbeitet seit 17 Jahren als Übersetzer, heute vollberuflich, für das Schweizerische Rote Kreuz und die Caritas. Am ­Anfang würden viele Patienten nur bruchstückhaft erzählen, zeitlich durcheinander, schwer verständlich. Zum Übersetzen eine Herausforderung. Eine Sitzung dauert eine Stunde, manchmal zwei, selten länger. «Für mich ist das Ambulatorium ein Fluchtort», sagt ­Mehmet Özgül. Die Atmosphäre sei freundlich, warm, die Leute herzlich. Er könne Last abladen und Knöpfe lösen. Özgül hat Vertrauen gefasst.

Im Berner Ambulatorium werden derzeit rund 160 Personen behandelt. «Migrationsbewegungen schlagen sich zeitversetzt bei uns nieder», so Manuela Ernst. Zurzeit stammen die meisten Leute in Behandlung aus Syrien und Eritrea. An oberster Stelle stehen jedoch Menschen aus der Türkei, viele Kurden. Sie gehören zur Mehrheit der Patienten, die bereits seit längerer Zeit in Behandlung sind – so wie Özgül.

Quelle: Ambulatorium SRK, Jahresbericht 2017

Ein Trauma einer oder mehrerer Personen betreffe oft die ganze Familie und belaste diese stark, sagt Ernst. Die Auswirkungen auf die nächsten Generationen würden unterschätzt.

Özgül schweigt seiner Familie gegenüber. Was er erleben musste, darüber spreche er mit seiner Familie und den Kindern nur allgemein. Seine engen Freunde würden seine Situation kennen – weil sie teilweise dabei waren. Da brauche es keine weiteren Worte. Das, was ihm persönlich passiert sei, das aber bleibe zwischen ihm und dem Therapeuten – und dem Übersetzer.

Mehr Sensibilität gefordert

Was ist ein Trauma, und wie erkennt man es? Es brauche viel Sensibilisierungsarbeit bei Arbeitgebern, Ämtern, Sozialdiensten, in Schulen, bei der Polizei, erklärt Manuela Ernst. «Wenn jemand zu spät zur Arbeit erscheint oder einen Termin nicht wahrnimmt, muss das nicht heissen, dass er unzuverlässig ist. Es kann sein, dass die Person den Termin aufgrund der Traumatisierung vergessen oder mit sogenannten Flashbacks zu kämpfen hat.» Personen aus dem näheren Umfeld können unterstützend wirken, indem sie Sicherheit bieten und signalisieren: Ich bin da, ich höre zu. Oft seien es auch kleine Dinge, die zu mehr Stabilität im Alltag beitragen können: jemandem helfen, Informationen zum Asylverfahren oder seinem Aufenthaltsstatus zu finden oder eine Tagesstruktur zu schaffen. Was es zu vermeiden gelte: jemanden direkt aufzufordern, über seine Erlebnisse zu sprechen. Dies kann im schlimmsten Fall retraumatisierend wirken, und Laien können mit dem Gehörten schnell überfordert sein.

«Die menschlichen Abgründe sind unermesslich.»Manuela Ernst, Leiterin Ambulatorium

Was die Frauen, Männer und Kinder erlebt haben, ist schwer vorstellbar. «Die menschlichen Abgründe sind unermesslich», sagt Ernst, die mit dem UNHCR selbst im Irak war. Doch auch deshalb weiss sie: Viele der Betroffenen können ungeahnte Kräfte entwickeln und viel Optimismus aufbringen. «Plötzlich wird wieder vieles möglich.»

Und Herr Özgül, wie findet er den Weg aus den Abgründen? «Im Gefängnis haben wir sogar in den schwierigsten, dunkelsten Zeiten versucht, ein Licht zu finden.» Er habe sich an die Liebe zu Menschen, zur Natur, zu einer schönen Blume, die er aus dem Gefängnis sah, geklammert, habe stets versucht, auch an alle anderen zu denken, denen Schlechtes widerfährt. Dieses Licht habe er nie verloren, bis heute nicht, auch wenn es manchmal etwas dunkler werde, so wie bei einer Lampe, die man dimmen könne.

Als er über seine Söhne spricht, lächelt er zum ersten Mal. Beide studieren. «Das macht mein Licht ein bisschen heller.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.01.2019, 13:38 Uhr

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In Zahlen

1131
So viele Personen wurden 2017 in der Schweiz in fünf spezialisierten Therapiezentren für Überlebende von Folter und Krieg behandelt. Die fünf Standorte bilden zusammen den Verbund «Support for Torture Victims».

675'000
Das ist der jährliche Betrag in Franken, mit dem das SEM den Verbund «Support for Torture Victims» in den letzten drei Jahren unterstützt hat. 600'000 Franken davon gingen an Therapieplätze.

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