Glaubt es endlich, Männer: Ihr seid schuld

Zu viele Männer wollen nicht wahrhaben, dass Gewalt gegen Frauen ihr Problem ist. Sie verharmlosen lieber, als einzuschreiten.

Mann betatscht Frau: Für manche Männer kein Problem. Foto: DPA, Keystone

Mann betatscht Frau: Für manche Männer kein Problem. Foto: DPA, Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es waren finstere Tage für ein Land, wo die Menschen gleichberechtigt sein sollten. In Genf verprügelten Männer fünf Frauen, ohne Grund, ohne Gnade. Während der Street Parade begrapschten Männer immer wieder Frauen, mindestens zwei wurden geschlagen. Das berichtete der «Blick».

Die Empörung folgte. Frauen protestierten, Politikerinnen forderten härteres Durchgreifen, Journalistinnen suchten Gründe. Und die Männer? Sie blieben meistens still – ausser in den Online-Kommentarspalten. Doch dort stiess man nicht auf Anteilnahme. Im Gegenteil, es wurde verharmlost, relativiert, Schuld abgeschoben.

Einige fanden: Die Frauen dürften halt nicht so knapp bekleidet an die Street Parade gehen. Männer, heisst das wohl, sind ihren Trieben ausgeliefert. Werden sie gereizt, langen sie zu. Ein biologischer Reflex. Wer nicht damit rechnet, ist selber schuld.

Diese uralte Ausrede fault gleich doppelt. Fast alle Grapscher haben ihre Triebe gut im Griff, sonst könnten sie kein normales Leben führen. Und beim Zugreifen wird kein Trieb befriedigt. Nur das Bedürfnis nach Macht.

Viele Männer sind sich nicht bewusst, wie viele Massnahmen Frauen im Alltag ergreifen, um heikle Situationen zu vermeiden.

Eine andere Verwedelungstaktik geht so: Auch einige Frauen würden Männer antöpeln. Sie (die Männer) fänden das nicht wirklich schlimm. Die Frauen sollen also nicht so ein Theater machen deswegen. Dieser Umkehrschluss vernachlässigt etwas Entscheidendes: Männer müssen keine Angst haben, von Frauen vergewaltigt zu werden. Frauen umgekehrt schon. Das gibt der Hand auf dem Hintern eine völlig andere Bedeutung. Viele Männer sind sich nicht bewusst, wie viele Massnahmen Frauen im Alltag ergreifen, um heikle Situationen – also unerwünschte Begegnungen mit Männern – zu vermeiden. Die Hand auf dem Po signalisiert: Vergiss es. Wir kriegen dich trotzdem.

Bei eigener Betroffenheit begreifen das auch die Männer: Werden sie von Homosexuellen aufdringlich angemacht (was äusserst selten vorkommt), reagieren viele wie Frauen – eingeschüchtert, empört.

Manche Männer nutzen Vorfälle wie in Genf oder an der Street Parade auch, um gegen Ausländer zu wettern. Die Täter kämen aus fremden Macho­kulturen. Das stimmt teilweise. Aber nur teilweise. Statistiken zu häuslicher Gewalt zeigen, dass auch viele Schweizer Männer zuschlagen. Und zur Erinnerung: Die Schweiz hielt sehr lange sehr wenig von Frauenrechten. 

Gewisse Männer gönnen den Frauen nicht einmal die Opferrolle.

Onlinekommentare sind nicht repräsentativ. Trotzdem scheinen viele Schweizer die Gewalt gegen Frauen für ein Frauenproblem zu halten. Das ist eine unverschämte Verdrehung. Natürlich: Es gibt keine männliche Kollektivschuld. Doch die Grapscherei an Grossanlässen würde ohne eine gewisse zwischenmännliche Solidarität nicht funktionieren. Wenn alle Männer einschritten, sobald sich eine Männerhand auf einen Frauenkörper bewegte; wenn kein Onlinekommentator sexuelle Belästigung verharmloste, dann ginge es den Frauen besser.

Manche wenden ein, dass auch Männer Opfer von (meist nicht sexueller) Gewalt werden. Stimmt. Dieses eigene Bedrohtsein böte den perfekten Grund, Mitgefühl zu bekunden und sich mit den Frauen gegen Übeltäter einzusetzen. Doch gewisse Männer gönnen den Frauen nicht einmal die Opferrolle. Sie sehen sich selber als die wahren Zu-kurz-Gekommenen. Die Schuld an ihrer Misere geben sie dem erstarkenden Feminismus.

Was für ein Kurzschluss. Der Feminismus befreit auch die Männer, zum Beispiel vom Irrglauben, männliche Übergriffe verteidigen zu müssen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2018, 22:34 Uhr

Artikel zum Thema

Angriff auf Frauen: Täter sind identifiziert

Die Männer, die letzten Mittwoch in Genf fünf Frauen brutal angegriffen haben, sind französische Staatsangehörige. Mehr...

Nach Gewalt in Genf – Pfister nennt Ratskollegen «Heuchler»

Die brutalen Vorfälle in Genf haben die Schweiz empört. Der CVP-Präsident und der SP-Nationalrat Carlo Sommaruga stritten sich auf Twitter. Mehr...

Genf nach Gewalt gegen Frauen «im Schockzustand»

Junge Männer prügelten in Genf fünf Frauen spitalreif – ein Opfer liegt im Koma. Zeugen schauten tatenlos zu. Für Sonntag sind Proteste angekündet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...