Sex unter Freunden

Hemmungslos unverbindlich: Warum junge Erwachsene Beziehung und Freundschaft vermischen.

Hauptsache, es macht Spass: Die junge Generation gibt sich in sexueller Hinsicht entspannt und erprobt neue Beziehungsformen. Foto: Peter Beavis/Trunk Archive

Hauptsache, es macht Spass: Die junge Generation gibt sich in sexueller Hinsicht entspannt und erprobt neue Beziehungsformen. Foto: Peter Beavis/Trunk Archive

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Meist ist man betrunken, wenns erstmals zur Sache geht. «Sonst würde man es wohl nicht wagen», sinniert Tristan*. Der 19-jährige Koch versucht gerade zu erklären, wie sogenannte Freundschaften mit gewissen Vorzügen entstehen. Typischerweise etwa so: Im Ausgang trifft man eine Kollegin, die man noch cool findet, trinkt ein paar Bier mit ihr, knutscht ein bisschen rum – und landet dann zusammen im Bett. Obwohl sie befreundet sind, ist es am nächsten Morgen keinem von beiden wirklich peinlich. Im Gegenteil: Man knutscht noch eine Runde, trinkt einen Kaffee – und bespricht, was Sache ist. Weder sie noch er will eine Beziehung, beide würden sich aber trotzdem weiterhin gern treffen. Für Sex, zum Quatschen, als Freunde mit gewissen Vorzügen eben.

Im Fall von Tristan ging das Arrangement relativ weit: Er und seine Kollegin trafen sich mehrmals pro Woche, sie hatten viel Sex und gute Gespräche, unternahmen Ausflüge, sie lernten sogar die Eltern des anderen kennen – und trotzdem waren sie offiziell kein Paar. Solche Freundschaften plus gelten unter jungen Erwachsenen als normal. «Beliebt ist das Modell besonders bei aufgeschlossenen Städtern als eine von mehreren Beziehungsformen, die man heute ausprobieren kann», sagt Janis Renner, Psychologe bei der Beratungsplattform Lilli.ch.

Das mühsame Schlussmachen erübrigt sich

Die Vorteile liegen auf der Hand. Frau wie Mann können Erfahrungen sammeln, vor allem sexueller Natur, ohne allzu viele Verpflichtungen einzugehen. Im Gegensatz zum One-Night-Stand ist man vertrauter, und der Sex ist befriedigender. «Gleichzeitig kann ich mich aber auch mal zwei Wochen nicht melden und muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mit jemand anderem rumknutsche», findet Tristan. Seine Haltung entspricht ganz dem Zeitgeist: Er will sich möglichst viele Optionen offen lassen. Freundschaften plus haben aber auch einen Testcharakter: Die Beteiligten können in einer geschützten Umgebung üben, wie Sex und Beziehungen überhaupt funktionieren. Bis es dann irgendwann ernst wird, sind sie längst Profis.

Doch so entspannt, wie sich die junge Generation in sexueller Hinsicht zeigt, so verklemmt ist sie in Gefühlsdingen. Laut einer Jugendumfrage von «20 Minuten» haben fast 40 Prozent der Befragten Angst vor einer festen Beziehung, obwohl die Mehrheit diese Lebensform nach wie vor als ideal betrachtet. Freundschaften plus bieten einen Ausweg aus diesem Dilemma: Man entscheidet sich lieber für den harmlosen Flirt statt für den Schwarm, der einem das Herz brechen könnte. Für Gefühle in bekömmlichen Häppchen statt für die Amour fou. Für ein zahmes Zwischending, das maximal viel Spass bringt und möglichst keine Probleme macht.

Unverbindlich mögen es auch die Studentinnen Mia* und Salomé*. Für sie und ihre Kolleginnen sind Freundschaften plus «schon fast Standard», wie Mia sagt. «Es wäre komisch, wenn jemand in meinem Freundeskreis sagen würde, dass er oder sie eine feste Beziehung sucht.» Mia, die mit 21 noch nie so richtig verliebt war, findet es schlicht «praktisch», dass sie regelmässig einen Kollegen anrufen kann, wenn sie Bock auf Sex hat. Vergeht ihr irgendwann die Lust, lässt sie das Ganze einfach versanden. Auch das ist praktisch: Mühsames Schlussmachen erübrigt sich, weil man ja gar nichts Richtiges miteinander hatte. Keiner ist dem anderen etwas schuldig – zumindest in der Theorie.

Das Modewort der Stunde heisst «toxische Beziehung»

Der Drang nach Selbstentfaltung scheint heute stärker als das Bedürfnis nach Leidenschaft. Oder warum will sich niemand mehr unsterblich verlieben? Tristan zuckt mit den Schultern. «Momentan halte ich meine Gefühle lieber auf Sparflamme.» Mia und Sa­lomé winden sich ebenfalls. «Ich kann hin und weg sein, aber nach drei Wochen hat sich das Verliebtsein meist verflüchtigt», sagt Salomé. Sie traut ihren Gefühlen nicht. Mia wiederum bezeichnet sich «als sehr leidenschaftlich», aber ihre Angst «vor einer toxischen Beziehung» überwiege. Toxisch heisst in diesem Zusammenhang ungesund und ist laut Psychologe Janis Renner derzeit ein Modewort. «Gemeint sind Beziehungen, in denen man ständig kritisiert, kontrolliert und in seiner selbstbestimmten Entwicklung gehemmt wird.» Mia wie Salomé erzählen von Frauen, die von ihrem festen Freund vorgeschrieben bekommen, was sie anziehen und mit wem sie befreundet sein dürfen. Liierte Männer wiederum müssten Eifersuchtsszenen über sich ergehen lassen, wenn sie zu lange mit einer Kollegin redeten.

Das beisst sich natürlich mit dem Anspruch auf Selbstbestimmung und Individualität, die bei vielen heute genauso gross geschrieben werden wie gegenseitige Wertschätzung und Neugier im sexuellen Bereich. Laut Psychologe Janis Renner spiegeln sich diese Ansprüche auch in der Art und Weise, wie Freundschaften plus gelebt werden. Tristan will auf keinen Fall «ein Arsch sein», der andere ausnutzt. Bei jeder neuen Kollegin plus rede er deshalb von Anfang an Klartext. Für Mia und Salomé sind «Vertrauen und sexuelles Einvernehmen» wichtig. Diese Werte glauben sie bei einem fürsorglichen Kollegen leichter zu finden als bei einem Fremden. Immer wieder fallen auch Schlagwörter wie «Respekt» oder «Augenhöhe».

Bisweilen wirkt das, als hätten die jungen Erwachsenen bereits mehrere Seminare zum Thema «Liebe für Fortgeschrittene» hinter sich. Man gibt sich abgeklärt. Vielleicht entsteht darum auch der Eindruck, dass Freundschaften mit gewissen Vorzügen eher verkopft und anstrengend sind – statt prickelnd und sexy. Psychologe Janis Renner, mit 26 Jahren selbst noch jung, widerspricht: «Beziehungen sind bloss das, was die Beteiligten daraus machen. Manchen ist das intellektuelle Konzept hinter ihrer Freundschaft plus wichtig, weil sie damit in ihrer Peergroup punkten können. Andere verhalten sich eher wie ein verspieltes Liebespaar, und manche wollen vor allem im Bett experimentieren.»

Heute gilt es bei jungen Frauen sogar als chic, «ein bisschen bi» zu sein.

In sexueller Hinsicht sind die Jungen laut Renner entspannter als ältere Generationen. «Frauen sind sich zum Beispiel viel mehr bewusst, dass sie sexuelle Rechte haben, und fordern diese auch ein.» Mia und Salomé betrachten das Modell Freundschaft plus sogar klar als feministisches Statement. «In unserem Kollegenkreis ist es normal, dass die Frau beim Sex auf ihre Kosten kommen soll», betont die 20-jährige Salomé. Renner stellt zudem ein grösseres Selbstverständnis beim Ausloten der sexuellen Orientierung fest: «Jeder kann selbst entscheiden, ob er oder sie mit Männern, Frauen oder mit beiden Geschlechtern Erfahrungen sammeln möchte.» Noch bis vor ein paar Jahren war das ein Tabu.

Heute gilt es bei jungen Frauen sogar als chic, «ein bisschen bi» zu sein. Mia bezeichnet sich zwar nicht als bisexuell, doch die einzige Person, die ihr bisher Gefühle entlocken konnte, war eine Frau. Sex hat sie jedoch nur mit Männern. «Ich probiere aus, mag mich aber noch nicht festlegen.» Salomé sieht es ähnlich locker: «Niemand sollte sich künstlich zurückhalten. Man verliebt sich ja in den Menschen, und wenn dieser eine Frau ist, dann ist das halt so.»

70 Prozent der Jugendlichen träumen vom Heiraten

Das klingt alles sehr easy und ­progressiv. Bei der grossen Mehrheit jedoch ist die Sehnsucht nach einer klassisch-romantischen Zweierkiste nach wie vor ungebrochen. Gemäss der Schweizerischen Jugendbefragung möchten knapp 70 Prozent der jungen Erwachsenen heiraten. Ein Grossteil betrachtet das Ehegelübde als etwas Romantisches und als Voraussetzung, um Kinder zu haben. Sogar eine emanzipierte 21-Jährige wie Mia möchte einmal heiraten. Offenbar widersprechen sich unverbindliche Freundschaften plus und traditionelle Zukunftsvisionen nicht im Geringsten. «Es soll ein symbolischer Akt sein, dass man sich endlich gefunden hat.» Natürlich schwebt der Studentin als Ideal irgendwann «eine exklusive Paarbeziehung vor, in der man sich dem anderen zu 120 Prozent hingibt und gegenseitig weiterbringt.» Und Tristan ist überzeugt, dass es «zumindest für jeden Lebensabschnitt die Richtige geben wird».

Salomé ist als Einzige skeptisch. «In Filmen wird einem nach wie vor eingetrichtert, dass das perfekte Leben erst dann stattfindet, wenn man jemanden hat, mit dem man sein Leben verbringen will. Wenn man aber sein ganzes Glück auf eine Person projiziert, kann das sehr zerstörerisch sein.» Zu ihrem persönlichen Liebesglück braucht Salomé vor allem Freiraum, sie wünscht sich eine «Beziehung ohne Machtgefälle» und einen festen Partner, mit dem sie über alles reden kann.

Bis sie diesen findet, will sie aber nochmals locker mit ihrem Ex anbandeln. Also mit jenem, der erst Kollege plus und dann drei Jahre lang ihr fester Freund war. Pragmatisch ist auch Tristan: Vor ein paar Wochen ist er mit seiner Kollegin wieder im Bett gelandet, obwohl sie sich eigentlich getrennt hatten, weil sie mehr wollte. Offenbar rostet Freundschaft plus genauso wenig wie die Liebe.

* Namen der Redaktion bekannt



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Erstellt: 07.07.2019, 08:15 Uhr

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