Sich einlassen können, aber auch Grenzen setzen

Von den Regeln, die in «Fifty Shades of Grey» gelten, lässt sich einiges über Freiheit lernen.

«#MeToo und der BDSM-Trend stehen nicht im Widerspruch zu einander», sagt Autorin Charlotte Theile. Bild: Keystone

«#MeToo und der BDSM-Trend stehen nicht im Widerspruch zu einander», sagt Autorin Charlotte Theile. Bild: Keystone

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Seit Monaten redet die Welt davon, was übergriffig, was strafbar und was einfach Ungeschicklichkeit ist im Miteinander der Geschlechter. Und im Kino? Da freut sich vom 14. Februar an wieder eine junge Frau, dass sie ausgepeitscht wird. Dann wird der neue Film aus der «Fifty Shades of Grey»-Reihe zu sehen sein.

Es ist ein Gegensatz, der einen lange eingeübten Reflex auslöst: Versteh einer die Frauen. Doch #MeToo und der Trend zu BDSM, also jenen Sex-Spielarten, die mit Fesseln, Schlagen, Unterwerfung und Dominanz zu tun haben, stehen nicht im Widerspruch zueinander. Im Gegenteil. Sie haben einen gemeinsamen Nenner, einen Grundsatz, ohne den nichts geht: Einvernehmlichkeit. Viele der Ideen, die jetzt diskutiert werden, kommen aus dem BDSM. Etwa der Vorschlag, dass alle Beteiligten vor dem Sex über das sprechen, was passieren soll, dass sie es sogar in einem Vertrag festhalten. Beide Seiten müssen wissen, was sie tun – und zu jedem Zeitpunkt einverstanden sein mit dem, was geschieht. Einer der Standards dieser Spielart ist das Safeword: ein vereinbarter Begriff, der, wenn er ausgesprochen wird, die Sache sofort beendet.

Als Schweden vor einigen Wochen ein neues Gesetz einführte, gab es einen Aufschrei. Ein «Vertrag für Sex», das war für viele, die die schwedische Regelung absichtlich missverstehen wollten, der Gipfel der Absurdität. Unromantisch, bürokratisch, weltfremd.

«Fifty Shades of Grey» ist vielen echten Sadomasochisten nicht einvernehmlich genug.

Die prominenten Frauen um Catherine Deneuve, die Anfang Januar in der französischen Tageszeitung «Le Monde» einen offenen Brief veröffentlichten, verstanden die #MeToo-Bewegung auch deshalb als Angriff auf das Triebhafte, auf die Sexualität an sich. Einige wiesen nicht ohne Freude darauf hin, dass Catherine Deneuve einen ihrer frühesten Erfolge 1967 mit dem Film «Belle de jour» («Die Schöne des Tages») von Luis Buñuel hatte. Darin spielte sie eine gelangweilte Ehefrau, die davon träumt, gefesselt und ausgepeitscht zu werden.

Doch was wie ein Widerspruch aussieht, ist keiner. Und vielleicht ist der Trend zu BDSM ein gutes Beispiel, um diesen Irrtum aufzuklären. Denn was beim BDSM gilt, gilt für jede sexuelle Begegnung. Einvernehmlichkeit macht die Sache nicht weniger aufregend, nicht weniger faszinierend – und auch nicht weniger verstörend. Wenn man sich traut, Ja zu sagen zu einer Begegnung, aber auch zu den eigenen Wünschen, kann Freiheit entstehen. Und: Wer auf diese Art Sex haben will, muss wissen, was er will, und es kommunizieren können.

Wie hoch diese Ansprüche sind, zeigt sich am Publikumsliebling «Fifty Shades of Grey». Obwohl Christian Grey einen Vertrag mit Anastasia abschliesst, ist die Geschichte in der BDSM-Szene nicht beliebt. Der Milliardär Grey übe Druck auf die Studentin aus, versuche sie mit Geschenken zu kaufen und nehme zu wenig Rücksicht auf ihre Bedürfnisse, lautet die Kritik. Mit anderen Worten: «Fifty Shades of Grey», als übertrieben saubere Hochglanzromanze geschmäht, ist vielen echten Sadomasochisten nicht einvernehmlich genug.

In den USA, wo diese Debatte schon lange geführt wird, ist oft von «two consenting adults» die Rede, zwei einvernehmlich handelnden Erwachsenen. Das ist eigentlich keine besonders krasse Anforderung.

Man soll sich selbst entscheiden

Wenn Brigitte Lahaie, frühere Pornodarstellerin und Mitunterzeichnerin des Deneuve-Briefs, in einem Interview sagt, man könne «auch bei einer Vergewaltigung kommen», klingt etwas anderes an. Ein Verständnis von männlicher Sexualität, die sich nicht die Mühe macht, zu kommunizieren, die es nicht für notwendig hält, das Gegenüber als Mensch mit eigenen Wünschen wahrzunehmen. Dahinter steht das Missverständnis, dass Männer nun mal so seien. Und dass Frauen eigentlich nur zwei Möglichkeiten hätten: Ent­weder sie verweigern sich, oder sie machen das Beste draus. Vielleicht kommt man ja sogar.

Dass es auch anders sein könnte, dass Menschen lernen können, sich aufeinander einzulassen, Rücksicht zu nehmen und ihre Bedürfnisse so zu leben, dass niemand Schaden nimmt: Auf diese Idee scheint sie nicht zu kommen.

Freiheit entsteht da, wo man selber ent­scheidet. Wo man sich einlassen kann, auf was auch immer. Dazu gehört das Recht, zu jedem Zeitpunkt Nein zu sagen – oder ein vorher vereinbartes Safeword.

Erstellt: 26.01.2018, 20:05 Uhr

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