Sie behandeln Puppen wie echte Babys

Die Reborn-Mamis besitzen täuschend echte Babypuppen, die sie baden oder spazieren fahren. Ein Hobby, sagen sie – gruselig und krank, finden viele andere.

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In einer Ecke des Zimmers in einer Wohnung in Reinach BL steht ein Klinikbettchen. Unter der leichten Decke liegt ein Neugeborenes. Es hat ein Händchen zur Faust geballt, das Gesicht ist leicht verzogen. Gleich beginnt es zu weinen, könnte man meinen. Aber die Augen des kleinen Jonah bleiben geschlossen. Er ist kein Baby aus Fleisch und Blut, er ist ein Reborn, eine lebensechte Babypuppe aus Vinyl.

Der Trend begann Anfang der 90er-Jahren in den USA, wo Puppenliebhaberinnen es sich zum Hobby machten, immer lebensechtere Puppen herzustellen – bis diese irgendwann kaum noch von richtigen Babys zu unterscheiden waren. Schon mehrere Male haben Polizisten in den USA Autoscheiben eingeschlagen, um ein vermeintlich lebloses Kind zu retten, und hielten am Ende eine Puppe in den Händen.

Mittlerweile gibt es auch im deutschsprachigen Raum eine grosse Reborn-Szene. Ihre Anhängerinnen tauschen sich vor allem auf den Sozialen Medien aus. Einmal im Jahr trifft man sich ausserdem im deutschen Eschwege, wo an einer Messe rund 130 Aussteller ihre Produkte rund um Reborns präsen­tieren. Darunter sind auch zahlreiche Hersteller von regulären ­Baby-Artikeln. Ein Reborn trägt nämlich weder Puppenkleider, noch liegt es in einem Puppenbett. Alles ist echt, nur das Baby nicht.

Zwei Söhne und fünf Puppen

Die Besitzerinnen nennen sich selber Reborn-Mamis. Jonahs Mami heisst Sabine und wohnt in einem Mehrfamilienhaus in Reinach. Jeder Winkel ihrer Wohnung ist voll mit Zierkissen, Stoffblumen und Familienfotos. Ein Zimmer fällt besonders auf. Ausser Jonahs Klinikbettchen stehen dort ein Gitterbett, eine Spielküche, ein Hochstuhl für Kleinkinder und eine Babywippe. An der Wand hängt ein Korb mit Windeln, darunter auf kleinen Kleiderbügeln eine Auswahl an Babykleidchen. Willkommen in Sabines Nursery – so heisst auch der Youtube-Channel der 53-Jährigen, den bereits über acht Millionen Menschen angeklickt haben.

Sabine möchte ihren Nach­namen nicht öffentlich machen, obwohl sie kein Problem damit hat, ihr Gesicht zu zeigen. Sie steht zu ihrem Hobby, zeigt sich als eine von wenigen Gleich­gesinnten auch selber in ihren Videos. Sie möchte jedoch nicht, dass jeder gleich ihre Adresse ­herausfinden kann.

Sabine ist eine Reborn-Mom. Sie steht dazu.

Für Youtube inszeniert sie ihre Reborns beim Spielen, wickelt oder badet sie. Sie zeigt, wie sie Schoppenfläschchen mit weisser Bastelfarbe füllt oder mit Jonah im Kinderwagen an der Birs spaziert. Nicht alle User können mit den Rollenspielen etwas anfangen. «Du bist doch krank», kommentieren einige. «Wie kann man in deinem Alter noch mit Puppen spielen?» Oder: «Es tut mir leid, dass du keine Kinder ­bekommen konntest.»

Sabine kennt das. «Viele meinen, ich würde eine Lücke füllen, weil ich unfruchtbar sei oder ein Kind verloren hätte.» Doch das ist es nicht. Sie hat zwei Söhne im Teenageralter. Für die beiden ist das Hobby der Mutter völlig normal; sie hatten auch die Idee, einen Youtube-Kanal einzurichten. Ihre Leidenschaft für Reborns lebt Sabine seit 16 Jahren aus, da war der jüngere ein Jahr alt. Es reute sie, die Babysachen wegzugeben. Ausserdem habe sie schon immer gerne mit Puppen gespielt. «Wie einige Männer eben mit Modellautos oder Spielzeugeisenbahnen. Das findet man ja auch okay.» Auf dem Cover eines Strickmagazins stiess sie damals zufällig auf das Thema Reborns und war begeistert. Als Erste zog Annie in die Nursery, ein Kleinkind mit blondem Haar und Kulleraugen. ­Momentan besitzt Sabine fünf der täuschend echten Puppen. Alle paar Jahre verkauft sie eine, um sich eine neue leisten zu können. Die Trennung fällt ihr leicht. «Es sind Puppen für mich, nicht Babys.»

Arme, Beine, Köpfe

Ein Reborn gibt es ab ungefähr 200 Franken. Luxuspuppen, die sogar nuckeln und atmen können, haben einen Preis im fünfstelligen Bereich. Die meisten werden von sogenannten Rebornerinnen hergestellt, das sind Frauen, die die Puppen als Hobby basteln. Industrielle Betriebe gibt es nur wenige.

Sabine Schaub aus Lausen BL ist eine begeisterte Rebornerin. Die 48-Jährige sitzt im ersten Stock ihres Einfamilienhauses, in dem sie mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen lebt. In einem Zimmer sind die Werkstatt und ein kleiner Showroom untergebracht. Dort liegen mehrere fertige Reborns in Bettchen und Wiegen, eines auf einem Wickeltisch. Schaub sitzt am Tisch vor dem Fenster. Neben ihr liegt ein Haufen Puppenbeine und -arme, auf einem Kissen vor ihr ein Kopf. Schaub rootet gerade, sie bringt die Haare an. Man nimmt dafür Mohair oder Alpakahaare, menschliche sind zu brüchig.

«Nur wenige Extremfälle»

Rebornerinnen kaufen die industriell hergestellten Bausätze meist online. Kopf, Torso, Arme, Beine. Um daraus ein Reborn-Baby zu machen, braucht Schaub mehrere Wochen. Zuerst trägt sie Schicht für Schicht die Farbe auf. Jedes Äderchen und jede Hautfalte, Pickelchen oder die typischen Kratzer, wie Neugeborene sie sich selber zufügen, malt sie mit einem feinen Pinsel auf. Dann folgen Haare, Augen, Wimpern. Am Schluss zieht Schaub dem Reborn Kleider an. Nuggis gibt es mit Magnet oder einem speziellen Stöpsel, der in den Puppenmund passt. Fertig ist das Bündel, das aussieht wie ein Neugeborenes – und sich auch fast genauso anfühlt.

«Jeder, der ein Reborn in den Arm nimmt, hält es wie ein echtes Baby», sagt Schaub. Bei ihr seien schon Kundinnen in Begleitung ihrer Ehemänner zum Abholen gekommen. «Die Männer waren zuerst überhaupt nicht begeistert, hier zu sein, und fanden das alles sehr schräg. Aber kaum mussten sie das ­Reborn halten, begannen sie automatisch, es zu wiegen.» Die Arzthelferin kann sich selber dennoch nur für das Basteln, nicht aber die Reborns selber begeistern. Ist eines fertig, verkauft sie es, um Geld für neue Bausätze, Haare und Farben zu haben.

Rund 90 Prozent ihrer Kundinnen würden Reborns als ganz normales Hobby betrachten, sagt Schaub. «Wenn sie gerade Zeit haben, ziehen sie sie um, halten sie ein bisschen oder legen sie in einen dekorativen Stubenwagen. Das ist doch nicht krank.» Nur ganz wenige lebten mit ihren Puppen, als ob es echte Babys wären. Sie nehmen sie morgens auf, baden sie, machen ihnen Fläschchen parat und gehen mit ihnen im Tragetuch oder Kinderwagen spazieren. In Extremfällen kann das so weit gehen, dass eine Frau ihr Reborn nie alleine daheim lässt. Da sei aber die absolute Ausnahme.

In Facebook-Gruppen und auf Youtube fallen vor allem solche extremen Beispiele auf. Oder besonders traurige. Eine junge Kanadierin hat mit einem Video fast vier Millionen Menschen gerührt. Nachdem ihr Sohn kurz vor dem Geburtstermin im Mutterleib verstorben war, schenkte ihr eine Userin ein Reborn.

Sie hatte ihr Kind verloren und füllte die schmerzliche Lücke dann vorübergehend mit einer Puppe.

Monatelang hielt sie es immer wieder im Arm. Sie tue keineswegs so, als ob das ihr Sohn wäre, rechtfertigte sie sich. Sie vermisse es einfach so, das Gewicht ihres Babys zu ­spüren. Heute hat die Frau ein echtes Kind, das Reborn hat ­ausgedient.

Reborns für Demenzkranke

Ein anderes Video aus den USA wurde sogar über fünf Millionen Mal angeschaut. Die Youtuberin hatte sich ein Reborn bestellt, das in einer Fruchtblase geliefert wird – inklusive Chirurgenhandschuhen, Schere und Nabelklemme, um die Puppe zu entbinden. «Keiner muss das mögen», sagt sie gleich zu Beginn. Es sei ein Rollenspiel, nicht mehr und nicht weniger. Viele vergleichen ihr Hobby mit dem von Mittelalter- oder Fantasy-Fans, die sich verkleiden und Szenen nachspielen.

Diese Youtuberin entbindet eine Puppe, die in einer Fruchtblase geliefert wird.

Die Reborn-Mamis und die Herstellerinnen aus der Region Basel treffen sich mehrere Male im Jahr mit ihren Puppen auch in der realen Welt. Dabei komme es immer wieder zu lustigen ­Begegnungen. «20 Säuglinge in einem Restaurant und keiner schreit, das gibt es gar nicht», sagt Sabine und lacht. «Darauf sprechen uns viele Leute an und fragen, ob sie auch mal eines halten dürfen.» Das Feedback im ­direkten Kontakt sei immer gut. Das spornt Sabine an, ihre Leidenschaft noch bekannter zu machen. «Ich wünsche mir, dass jede, die das möchte, mit ihrem Reborn nach draussen gehen kann, ohne schräg angeschaut zu werden.»

Sie selbst nimmt ihre Puppen mittlerweile fast nur noch für Youtube in die Hand. Sie hat ­andere Pläne. Gerade hat sie ­speziell kuschelige Stoffkörper gekauft, eine Rebornerin stellt dafür die passenden Köpfe her. Mit diesen Cuddle-Babys will Sabine nun in verschiedene Alters- und Pflegeheime gehen. Man hat herausgefunden, dass demente Menschen oft ganz ruhig und friedlich werden, wenn sie ein Reborn in den Armen halten.

Während Sabine von ihren Plänen erzählt, geht sie zu Jonahs Bettchen hinüber und zieht die Decke glatt. «Auch wenn es Puppen sind, soll es doch gut ausschauen», sagt sie. Jonah schläft weiter – wie immer.

Erstellt: 15.08.2019, 18:06 Uhr

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