«Sie erzählte, dass wir sie vergiften wollten»

Günter Roggenhofer pflegte seine demenzkranke Mutter während Jahren. In einem Dokumentarfilm erzählt er über die Schwierigkeiten – und die schönen Seiten.

«Wir sind keine Träumer. Doch Liebe kennt keine Probleme, sondern Lösungen»: Günter Roggenhofer und Anna Daller. Foto: Christian Endt

«Wir sind keine Träumer. Doch Liebe kennt keine Probleme, sondern Lösungen»: Günter Roggenhofer und Anna Daller. Foto: Christian Endt

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Dies ist die Geschichte einer Liebe. Sie erzählt von emotionalen Abgründen, aber auch von dem herzzerreissenden Gefühl des grossen Glücks. Von einer Achterbahnfahrt, die am Ende das Leben feiert, das am Beginn dieser Geschichte schon wie vergangen zu sein scheint. Günter Roggenhofer (55) hat mit seiner Frau Anna Daller (57) einen Dokumentarfilm über die sieben Jahre dauernde Demenzerkrankung seiner Mutter Elfriede Roggenhofer gedreht. Jahre, in denen es nach medizinischen Gesichtspunkten mit einem Menschen, der diese Diagnose erhält, nur noch bergab geht. Roggenhofer und Daller ziehen daraus dennoch ein Mut machendes Fazit: «Es waren die intensivsten und schönsten Jahre unseres Lebens.»

Ein berührender Satz, der auch auf dem grossen Plakat steht, das an der Aussenwand von Anna Dallers Boutique in der Nähe von München hängt und auf den Film «Demenz – ein Schrecken ohne Gespenst» hinweist. Darauf zu sehen: die Geschäftsfrau und ihre Schwiegermutter Elfriede Roggenhofer, zum Zeitpunkt des Fotos Mitte 70. Beide Frauen mit einem so offenen Lachen, dass es die Herzen der vorbeilaufenden Passanten zumindest für einen Augenblick erwärmt.

«Ein wunderschöner Schnappschuss», sagt Günter Roggenhofer, blaues T-Shirt, Lederhose, die grauen Locken zum Zopf gebunden, später im Laden zwischen Pullovern, Blusen und Kleidern aus der neuen Herbstkollektion. Mittendrin zwei schwarze Ledersessel und ein weisser Tisch, auf dem Anna Daller Modeschmuck oder Tücher für die Kundschaft dekoriert. Dass das Gespräch hier stattfindet, passt zum Leben der Familie Daller/Roggenhofer in den Jahren zwischen der Diagnose Demenz und dem Tod Elfriede Roggenhofers 2014.

Günter Roggenhofer wollte die Geschichte seiner Mutter dokumentieren: Trailer zum Film. Video: Youtube

«Meine Mutter war immer mittendrin», sagt der selbständige IT-Spezialist, der mit seiner Frau lebt und ein Büro für Kommunikationsdesign betreibt. Bei Geschäftsbesprechungen. In den Ferien. Bei Abenden mit Freunden. Sieben Jahre lang hat das Paar sein Leben kompromisslos darauf ausgerichtet. Einziger Kompass: die sich mit der Krankheit stetig verändernden Bedürfnisse der Mutter.

Doch am Anfang stand der Schock. Roggenhofer erinnert sich: «Dieser Mensch verliert sein aktives Leben», sagt er, «nun ist alles kaputt, das war unsere Überzeugung damals.» Die Sorge, was die Demenz an jedem neuen Tag anrichten kann, legte sich zunächst wie eine dunkle Wolke über den Alltag des Ehepaars. Elfriede Roggenhofer wohnte noch alleine, der Ehemann war 1991 an einem Herzinfarkt verstorben.

Über die Diagnose hätten sie mit der Mutter nie gesprochen, erzählt Anna Daller. Aber als die Angstzustände kamen, unter denen viele Demenzkranke leiden, weil sie sich in ihrem Leben immer weniger auskennen, da habe Elfriede Roggenhofer einmal nachgefragt. «Du Anna, habe ich Demenz?» «Nein», habe sie geantwortet, erinnert sich Daller, «die sind ja alle alt und verschrumpelt.» Eine Notlüge, vor der sie heute selbst erschrickt. Doch damals zählte, den geliebten Menschen so lange vor dem Unausweichlichen der Krankheit zu schützen, bis er es selbst nicht mehr begreift.

«Sie hatte Erstickungsanfälle. Zu Hause hätten wir deshalb kein Auge zugetan.»Günter Roggenhofer, IT-Spezialist

Nachdem das Alleinewohnen zunehmend schwieriger wurde, entschieden Daller und Roggenhofer, die Mutter zu sich zu holen. In ihrem Haus war eine kleine Zweizimmerwohnung freigeworden. Doch der Umzug wirkte sich – typisch für die Krankheit – nicht gut auf den weiteren Verlauf aus. Elfriede Roggenhofer war zunehmend desorientiert, verirrte sich auf dem Weg zu einer Freundin und litt schliesslich unter einer Psychose. «Sie lief verzweifelt im Ort herum und erzählte, dass wir sie vergiften wollten», berichtet Anna Daller. Schweren Herzens erkannte das Ehepaar, dass es an einem Punkt angekommen war, an dem die Sicherheit der Mutter gefährdet war.

Alles hatten sie zuvor bewältigt. Privat, weil sie als Paar so fest zueinanderstanden. Beruflich, weil sie mit ihren Kunden immer offen mit dem Thema umgegangen sind. Wenn Roggenhofer zum Beispiel einen Termin verschieben musste oder Daller spontan eine Aushilfe im Laden brauchte, wussten alle, dass sie sich um die Mutter kümmern mussten. Doch gegen den Drang zum Davonlaufen, eines von vielen Symptomen bei fortschreitendem Krankheitsverlauf, waren sie machtlos. Nach einem Krankenhausaufenthalt kam Elfriede Roggenhofer auf die beschützende Station in einem Alterszentrum. Beschützend heisst, dass die Türen der Station für die Bewohnerinnen und Bewohner verschlossen sind. Dazu braucht es einen Gerichtsbeschluss. Angehörige können allerdings jederzeit mit einem Code für das Türschloss hinein. Als die Krankheit so weit fortgeschritten war, dass es nach dem Ende aussah, übernachteten Daller und Roggenhofer auch im Heim. «Sie hatte Erstickungsanfälle. Zu Hause hätten wir deshalb eh kein Auge zugetan.»

Im Dezember 2012 entschieden die beiden dann, «diesen geliebten Menschen nicht mehr aus der Hand zu geben» und die Mutter zum Sterben nach Hause zu holen. «Daraus wurden 21 schöne Monate», sagt Roggenhofer. Und auch Anna Daller erinnert sich an die «intensivste Zeit», die das Paar ohne Unterstützung einer Pflegekraft bewältigt hat. Anna Daller hat sich immer bis zum Nachmittag um ihre Schwiegermutter gekümmert, um 14.30 Uhr habe dann ihr Mann übernommen, – wohl wissend, dass ihnen dieses Privileg auch aufgrund ihrer Selbständigkeit zuteil wurde.

Freunde haben ihn aufgefordert, die Geschichte seiner Mutter zu dokumentieren.

«Natürlich sind wir keine Träumer», sagen Roggenhofer und Daller. «Es gab Inkontinenz, Dekubitus, Krampfanfälle, Probleme beim Essen und Trinken sowie unruhige Nächte. Doch Liebe kennt keine Probleme, sondern Lösungen», sagt Roggenhofer. Wenn er nun über diese Zeit spreche und ihm dabei «die Sonne aus jeder Pore herauslacht», dann müsse wohl etwas passiert sein. Der 55-Jährige fasst das so zusammen: «Man kann alles im Leben kombinieren. Glück und Trauer, Leid und Liebe.»

Eine Lebensweisheit, die der Film mit Videos und Fotos transportiert, aber auch mit Interviews, geführt von einem Freund der Familie. Die Geschichte seiner Mutter zu dokumentieren, dazu hätten ihn Freunde genauso wie Kunden aufgefordert. Und weil Roggenhofer kein Schreiber sei, wie er selber sagt, ist es ein Film geworden.

Gesehen haben ihn bislang Menschen aus ihrem Umfeld. «Sie haben gelacht und geweint gleichzeitig», sagt Roggenhofer. Seitdem zögen die Reaktionen wie ein «lauwarmer Tsunami» über sie hinweg. Es habe so viel Zuspruch und Dank gegeben, weil der Film den Menschen Mut mache. Deshalb wird er nun einem grösseren Publikum präsentiert. Und Elfriede Roggenhofer, deren Todestag sich kürzlich zum fünften Mal gejährt hat? Hätte sie den Film gewollt? «Sie hätte gesagt: ‹Wenn es was hilft, dann machen wir es›», ist Roggenhofer zutiefst überzeugt.

Der Dokumentarfilm «Demenz – ein Schrecken ohne Gespenst» wird momentan nur in der Region München öffentlich gezeigt.

Erstellt: 28.09.2019, 19:29 Uhr

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