Sie leben klimaneutral – das ist für viele eine einzige Provokation

Im bayerischen Dorf Inzell versuchen Bewohner zu leben, ohne dem Klima zu schaden. Sie werden bejubelt – und angefeindet.

Haben weder Fernseher, noch Wäschetrockner: Die Familie Jochner verzichtet auf vieles um klimaneutral zu leben. Foto: Stephan Rumpf

Haben weder Fernseher, noch Wäschetrockner: Die Familie Jochner verzichtet auf vieles um klimaneutral zu leben. Foto: Stephan Rumpf

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Wenn Martin Jochner über den Abend im November spricht, öffnet sich sein Gesicht, der 52-Jährige lacht und seine Augen glänzen ein wenig. 45 Leute drängelten sich im Pfarrsaal der Gemeinde Sankt Michael in Inzell zur Gründung der Initiative «100xklimaneutral». «Da hamma uns hin g'stellt», erzählt Jochner, «und hab'n g'sagt: Jetzt ist Schluss, wir leben jetzt klimaneutral.» Das sei ein Statement gewesen. Vor den «eigenen Leuten» stehen und fordern: «Macht's mit!»

Der Abend im Pfarrsaal hat Emotionen ausgelöst in Inzell. Denn wenn das nur so einfach wäre: klimaneutral leben. Und wer sich dazu auch noch öffentlich bekennt, gerät mitten hinein in einen gesellschaftlichen Konflikt.

Der Ort in Oberbayern mit knapp 5000 Einwohnern ist eingerahmt von Bergen, Österreich ist nah, bekannt ist Inzell durch die Eisschnelllauf-Arena. Es gibt einen Dorfbäcker, ein Café und viele Ferienwohnungen. An den Alpen steigen die Temperaturen schon jetzt stärker als anderswo, die Gletscher schmelzen teils rasant, die Prognosen sind nicht erfreulich. Bei der Europawahl erreichten die Grünen im Landkreis Traunstein mehr als 18 Prozent, die CSU lag bei 45 Prozent.

Do it yourself: Das Mehl wird zuhause selbst gemahlen. Foto: Stephan Rumpf

Hier also rufen nun acht Einwohner ihre Nachbarn und Freunde zur Klimarevolution auf. Inzwischen haben sich fünf Mitstreiter dazu gesellt, hundert wollen sie werden. Mitmachen darf nur, wer seine Kohlendioxid-Emissionen auf Null bringt. Sie erreichen das einerseits, indem sie ihren CO2-Fussabdruck so weit wie möglich drücken. Andererseits durch finanzielle Kompensation, durch Geldspenden an Organisationen, die in aller Welt Projekte zum Klimaschutz finanzieren und umsetzen. Eine Art freiwillige CO2-Steuer.

Niedriger CO2-Verbrauch

Lucia Jochner-Freitag, 51, empfängt Gäste auch mal barfuss. Sie trägt einen selbst gestrickten Pullover, zum Trinken gibt es fair gehandelten Bio-Kaffee oder einen Tee mit Kräutern aus dem Garten: Apfelminze, Löwenzahnblüten, Zitronenmelisse und echte Schlüsselblume. Der Tee schmeckt hervorragend. Sie hat Landespflege studiert und gibt Seminare. Über den CO2-Rechner hat sie ausgerechnet, dass sie im Jahr 4,5 Tonnen CO2 ausstösst. Das entspricht genau dem Schweizer Schnitt, den das Bundesamt für Umwelt zuletzt erhoben hat.

Für jemanden, der in Deutschland normal am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, ist das allerdings ein niedriger Wert. Wegen der fossilen Energien ist dort der Durchschnittswert beträchtlich höher als in der Schweiz und liegt gemäss dem CO2-Rechner des Umweltbundesamtes bei 11,7 Tonnen. Um das Klima so zu erhalten, wie es jetzt ist, dürfte jeder Mensch weniger als eine Tonne verbrauchen.

Schmeckt gut und ist klimaneutral: Etliche Lebensmittel baut Familie Jochner im eigenen Garten an. Foto: Stephan Rumpf

Die Jochners wohnen in einem Haus mitten in Inzell. Das Gebäude ist gut gedämmt, Heizung und Warmwasser laufen über eine Grundwasser-Wärmepumpe, in der Küche steht ein Kachelofen, auf dem Dach ist eine Photovoltaik-Anlage montiert. Es gibt keine Gefriertruhe, keinen Wäschetrockner, keinen Fernseher. Die Eltern besitzen keine Handys, die Söhne mit 14 und 18 Jahren schon, «denn ich will meine Kinder ja nicht isolieren», sagt die Mutter. Ihr reicht der Anrufbeantworter und eine E-Mail-Adresse, dazu bedürfe es verlässlicher Absprachen. Ging ja früher auch.

Für manche ist so ein Lebensstil eine einzige Provokation.

Jochner-Freitag ist Vegetarierin, zu Hause gibt es kein Fleisch. Die drei Männer freuen sich dafür auf ein Schnitzel beim Lieblingswirt im Ort. Sie selbst kauft nur Biolebensmittel, obwohl kürzlich der Bioladen in Inzell zumachen musste, wegen geringer Nachfrage. Seit ein paar Monaten besitzen die Jochners ein Elektroauto. Geflogen sind die Eltern zuletzt bei ihrer Hochzeitsreise, das ist 20 Jahre her. Martin Jochner fährt die 20 Kilometer zur Arbeit im Gymnasium in Traunstein so oft wie möglich mit dem Fahrrad, viele Kleidungsstücke näht seine Frau selbst. Mit Biowolle.

Der Ton wird zunehmend schärfer

Für manche ist so ein Lebensstil eine einzige Provokation. Er wird mit Verzicht, Verboten und moralischer Überheblichkeit verbunden. Angesichts der Dringlichkeit und des Drucks in der Klimafrage wird die Debatte im Ton zunehmend schärfer.

«Ich fand es erstaunlich, dass sich manche Leute angegriffen fühlen, nur wenn ich sage: Ich lebe so.»Lucia Jochner-Freitag

«Unsere Alltagskultur ist geprägt durch Überfluss und Verschwendung», sagt Sozialpsychologe und Buchautor Harald Welzer, «wenn Leute dieses Kulturmodell stören, dann erzeugt das negative Reaktionen, weil es den gewöhnlichen Lebensstil infrage stellt.» Die Gesellschaft rechtfertige sich mit dem Satz «So macht man das, es geht nicht anders», wenn dann doch jemand eine andere Lebensart vorlebe, werde das als Kritik verstanden.

«Die Zeit drängt»

Das bekommen sie auch in Inzell zu spüren. Lucia Jochner-Freitag erzählt, manche hätten begeistert reagiert. Doch es habe auch «persönliche, massive Beschimpfungen unter der Gürtellinie» gegeben. Einmal sei sie auf der Strasse schlimm beleidigt worden.

Elfriede Wörfel aus der Gruppe berichtet, sie habe ein Problem damit gehabt, sich «zu outen». Als müsste sie eine Ächtung fürchten. Sie nennt es «schief angeschaut werden», wenn sie zum Beispiel von ihrem Haus zwei Kilometer vom Ort entfernt einmal mit dem Auto zum Einkaufen fahre. Die Gruppe kennt eine Familie, die zwar klimaneutral lebt, sich aber nicht öffentlich äussern will, weil sie Angst hat, die Kinder würden in der Schule gehänselt.

Frische Eier aus dem eigenen Hühnerstall: Die Jochners halten Hühner. Foto: Stephan Rumpf

«Ich fand es erstaunlich, dass sich manche Leute angegriffen fühlen, nur wenn ich sage: ‹Ich lebe so›», sagt Jochner-Freitag, «sie haben vielleicht den Eindruck, dass ich ihnen den Spass nehmen will.» Klimaschützern hängt das Image der Miesepeter nach.

Doch das könnte sich gerade ändern. «Das Momentum ist da», sagt Harald Welzer, durch den Erfolg der Grünen oder den Aufstand der Jugend bei den «Fridays for future»-Demonstrationen. «Viele Jugendliche setzen die Forderungen auch an ihren Schulen um, indem Klassenfahrten nicht mehr mit dem Flugzeug gemacht oder Elterntaxis blockiert werden», sagt Welzer, er erkennt den Beginn einer sozialen Bewegung. So registriert das deutsche Umweltbundesamt auf der eigenen Internetseite ein erheblich steigendes Interesse am CO2-Rechner. Dabei soll dieser nur als Orientierung dienen. «Es ist nicht sinnvoll, bei jeder Handlung zu reflektieren: ‹Uh, was verursacht das jetzt für einen CO2-Ausstoss?›» sagt Michael Bilharz vom Umweltbundesamt.

Die wichtigsten Punkte

Vielmehr solle man sich die Bigpoints ansehen: Wohnen, Mobilität, Ernährung. Bisweilen lassen sich mit wenigen Massnahmen erhebliche Einsparungen dauerhaft realisieren. Den Rest könne man vielfältig ausgleichen, auch durch Investitionen in Windkraftanlagen oder politisches Engagement. Bilharz nennt es den «CO2-Handprint». Er möchte den Klimaschutz aus der Negativ-Kommunikation herausführen, unter anderem über die Kompensation des CO2-Verbrauchs bei Organisationen wie Atmosfair oder Myclimate. Dort zahlt man pro Jahr und CO2-Tonne derzeit etwa 23 Euro. «Das ist die Schlüsselmassnahme, um schon heute klimaneutral zu leben.»

Hedi Schmied aus der Inzeller Gruppe berichtet, dass nicht alle Verständnis dafür aufbringen. Die Leute sagten, das sei ja ein «Schmarrn», sie würde sich nur freikaufen. «Aber wir wissen halt nicht, wie wir es sonst machen sollen.» Die 60-Jährige lebt mit ihrem Mann im Ort, die zwei Kinder sind schon aus dem Haus. Sie erklärt bedauernd, sie hänge bei 8,7 Tonnen CO2 im Jahr fest, der Umbau der Heizung würde viel Geld kosten, auch ein neues Auto. Und der Ehemann mag halt gerne Fleisch essen.

Trotzdem sei es das Ziel, weiter runter zu kommen, sagt Schmied. «Denn die Zeit drängt, wir müssen jetzt was machen.»

Erstellt: 08.07.2019, 15:19 Uhr

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