Sie sucht ein Schweizer Dorf für den Grundeinkommen-Test

Filmerin Rebecca Panian arbeitet viel, verdient wenig – und fühlt sich reich. Nun will sie das Grundeinkommen testen.

Mit diesem Promofilm sucht die Panian ein Dorf, das bereit wäre, das Grundeinkommen ein Jahr lang zu testen. Video: Youtube/repa/TA

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Wenn die Zufriedenheit ein Mensch wäre und einen richtigen Namen hätte, würde sie vielleicht Rebecca Panian heissen. Die Regisseurin wird 40 Jahre alt. Und sie lebt seit langem von 2000 Franken im Monat. Früher in Zürich. Heute hat sie eine Wohnung in Berlin (600 Franken) und ein Zimmer bei der Mutter in Wettingen (fast gratis).

Das Geld, das Panian nach Abzug der Fixkosten bleibt, reicht ihr zum Leben. Sie geht kaum shoppen oder in den Ausgang, trinkt selten Alkohol und raucht nicht. «Ich bin ein extrem reicher Mensch, habe tolle Freunde, eine wunderbare Familie. Alles, was ich zum Leben brauche.»

Die Regisseurin Rebecca Panian sucht ein Dorf, das bereit ist, ein Jahr lang das Grundeinkommen zu testen. Foto: TA

Panian empfängt im Büro der Filmproduktionsfirma Catpics in Adliswil ZH. Das Büro soll der Dreh- und Angelpunkt werden für einen Dokumentarfilm, der bereits vor der Produktion für Furore sorgt. Panian plant einen Film über ein Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen. Die Regisseurin sucht ein Schweizer Dorf mit 150 bis 1000 Einwohnern, das bereit ist, ein Jahr lang das Grundeinkommen zu testen.

Dazu sollen alle Erwachsenen, die nichts verdienen, einen Betrag von 2500 Franken im Monat erhalten. Erzielen sie ein Einkommen darunter, wird auf 2500 Franken aufgestockt. Nur wer über 2500 Franken Salär hat, geht leer aus. Für Minderjährige gibt es 625 Franken. Eine klassische Familie mit zwei Kindern, der Mann arbeitet voll, die Frau kümmert sich um den Haushalt, käme so auf einen Zustupf von 3750 Franken pro Monat.

Sozialromantik oder kapitalistisches Kalkül?

Panian hofft, dass sich die Bewohner dann mehr Zeit nehmen für Familie und Dorf – «dass sie mehr Lebenszeit gewinnen», wie sie es nennt. «Vielleicht reduziert ein Familienvater sein Pensum. Und nach einem Jahr merkt er, dass er dabei bleiben möchte.» Sie glaubt nicht, dass die Menschen mit dem Grundeinkommen faul werden, sondern dass es sie beflügelt.

2016 hat die Schweiz in einer Abstimmung das Grundeinkommen mit 76,9 Prozent Nein-Stimmen verworfen. Panian steht mit den Initianten in Kontakt, lässt sich beraten, etwa bei der Höhe der Beiträge. Und es scheint, als falle ihre Idee auf fruchtbaren Boden.

«Ich kann kaum ruhig bleiben, wenn ich daran denke, wie es unser Dorf zusammenschweissen würde.»Dorfbewohner in einer E-Mail an Panian

Panian hat 100 Mails erhalten. Viele aus Graubünden, aus dem Aargau und Tessin, aus Bern, Basel, Zürich sowie Appenzell. Gemeindepolitiker preisen ihr Dorf an. Ökonomen wollen beratend mitwirken. Doch viele stammen von Bürgern, die sich ausmalen, welch ein Segen das Experiment sein könnte.


Video: Nachgefragt – Zürcher Grundeinkommen-Experiment

Wie und warum so viele Zürcher in den Kreisen 4 und 5 für das Grundeinkommen gestimmt haben. Video: Stefanie Hasler und Lea Koch (Juni 2016)


Eine Person bezeichnet ihr Dorf als geeignet, «um Visionen auf den Boden zu bringen». Eine andere denkt an Alleinerziehende, die sich auch mal einen «tollen Ausflug» leisten könnten. Und jemand mailt: «Ich kann kaum ruhig bleiben, wenn ich daran denke, wie es unser Dorf zusammenschweissen würde.»

Erst ein Dorf, dann die Finanzierung

Dass die Idee so populär ist, kann mit Sozialromantik zu tun haben. Oder mit kapitalistischem Kalkül: Projekt und Film versprechen Publicity. Und alles gibts gratis. Das auserkorene Dorf muss kein Geld einschiessen.

Das Experiment, das mindestens 2,5 Millionen Franken kosten dürfte, soll mit Patenschaften oder Crowdfunding gestemmt werden. Zusagen gibt es noch keine. Ist das nicht naiv? Panian sagt, sie suche erst ein Dorf, «dann kümmere ich mich um die Finanzierung». In diesen Tagen trifft sie zuerst einmal Gemeindeoberhäupter. Welche das sind, verrät sie nicht.

«Was bleibt uns am Ende im Leben? Erinnerungen, nicht Materielles»: Rebecca Panian im Jahr 2015. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Das Glück, das Panian in ein Dorf tragen und filmisch einfangen will, fehlte ihr früher. Als sie noch 100 Prozent arbeitete – «eigentlich immer» –, fühlte sie sich oft nicht wertgeschätzt. Die Schriftenmalerin verfügt über eine Berufsmatur, einen Journalismus-Bachelor, hat die Handelsschule und die Zürcher Hochschule der Künste besucht. Sie landete in der Medienbranche. Zuletzt arbeitete sie für die «Big Brother»-Staffel eines deutschen Privatsenders in Köln.

Dann erfuhr Panian von der Krebserkrankung ihres Vaters. Es war 2006, als ihm der Arzt noch ein halbes Jahr gab. Panian zog in die Schweiz, um in seiner Nähe zu sein, verbrachte viel Zeit mit ihm. Und sie drehte einen Film darüber, was sie über Leben und Tod gelernt hatte. Schon damals war sie eine Geschichtenerzählerin, mit dem Film gewann sie am Zürcher Filmfestival 2014 den Publikumspreis. «Was bleibt uns am Ende im Leben?», fragt sie. Und ohne eine Antwort abzuwarten, sagt sie: «Erinnerungen, nicht Materielles.»

Sie wundert sich heute, dass Menschen den Montag verfluchen. Ein Vorteil von Panians Leben: Sie weiss meist nicht, welcher Wochentag gerade ist.

Im Jahr 2011 starb ihr Vater. Und seine Tochter war ein anderer Mensch geworden. Sie hatte gelernt, das Leben zu relativieren, demütig und dankbar zu sein für das, was sie hat – «der Tod macht das Leben intensiver».

Heute arbeitet die Regisseurin in kleinem Pensum als Film-Verantwortliche an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Daneben verfolgt sie ihre Filmprojekte. Vielleicht arbeitet sie jetzt sogar mehr als früher. Doch es ist kein Zwang mehr.

Sie wundert sich heute, dass Menschen den Montag verfluchen. Ein Vorteil von Panians Leben: Sie weiss meist nicht, welcher Wochentag gerade ist. Nur manchmal wird sie unschön daran erinnert – wenn sie an einem Sonntag vor verschlossenen Ladentüren steht. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.01.2018, 10:09 Uhr

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