Sie wollen doch nur spielen

Warum Eltern so schnell überfordert sind, wenn die Kinder online gamen.

Oft lassen sich nicht einmal die einfachsten Vorgaben, wie etwa die Spielzeit auf eine Stunde täglich zu beschränken, wirklich durchsetzen. Foto: Lars Plougmann (Flickr)

Oft lassen sich nicht einmal die einfachsten Vorgaben, wie etwa die Spielzeit auf eine Stunde täglich zu beschränken, wirklich durchsetzen. Foto: Lars Plougmann (Flickr)

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Es gibt für eine Mutter keinen grösseren Horror als die Vorstellung, das Kind könnte verschwinden. Einfach so, ohne Nachricht. Viele Eltern dürften deshalb am Sonntag aufgeatmet haben, dass der verschwundene Paul aus Gunzgen körperlich wohlbehalten wieder aufgetaucht ist.

Doch dann sind sie womöglich wieder zusammengezuckt. Denn der 12-Jährige hatte seinen mutmasslichen Entführer im Internet kennen gelernt, beim «Minecraft»-Spielen. Eine weitere Horrorvorstellung. Dass sich jemand dem Kind in böser Absicht nähert, an einem Ort, auf den man keinen Zugriff hat, weder physisch noch psychologisch. Zum Beispiel bei einem Onlinespiel. Die wenigsten Eltern verstehen diese Welt und was sie den Kindern bedeutet.

«Hä?»

Als ich meinen Kindern erläuterte, was geschehen war, verdrehte die 15-jährige Tochter die Augen: «Hä?», sagte sie. «Jedem Kind wird doch ab der ersten Klasse eingetrichtert, wie man sich online zu verhalten hat. Wie konnte dieser Paul nur so dumm sein.» Das fragt man sich auch. Bezeichnenderweise reagierte mein Sohn, ebenfalls 12, ebenfalls «Minecraft»-Fan, ganz anders. Erst sagte er nichts. Dann versicherte er mir, er unterhalte sich mit Fremden nur über das Spiel. Dann warf er mir einen Blick zu, der in etwa bedeutete: Ich weiss, was ich tue. Auch wenn du keine Ahnung hast, Mama. Chill!

Ich würde ja gern chillen, nur ist das in diesem Fall schwierig. Nachdem Paul gefunden worden war, kamen in vielen Medien viele Experten mit vielen Verhaltensregeln zu Wort. Theoretisch tönt alles einfach: Kinder im Internet nicht unbeaufsichtigt lassen, sie vor Gefahren warnen, sie keine persönlichen Angaben machen lassen. Wir alle kennen diese Empfehlungen wie die Gefahren. Nur sind diese damit nicht gebannt.

Wie falsch man doch denkt

Experten können ihren Präventionskatechismus noch so lange herunterbeten, es macht die Umsetzung nicht einfacher. Sollte ich wissen, was mein Junge online treibt, mit wem er Kontakt hat, was er von sich preisgibt? Auf jeden Fall. Und weiss ich es? Kaum.

Das Problem fängt schon an, bevor es anfängt: Monate-, manchmal jahrelang wird man vom Kind bearbeitet, weil es unbedingt einen Computer will. Das geht dann etwa so: Ich brauch den auch für die Schule. Und um Musik zu hören! Und ein bisschen gamen. Nicht mehr als eine Stunde! Ich werde mich an die Regeln halten, ich schwörs!

Weil gute Eltern ihrem Kind auch einmal etwas zutrauen, gibt man nach. Schliesslich geht es auch um Medienkompetenz, sagt man sich. Irgendwie müssen sie das ja lernen. Und wenn schon ein Gerät, dann ein Smartphone, damit man sie anrufen kann. Das ist sicherer, denkt man. Und hat falsch gedacht.

Die Gefahr des Unterschätzens

Denn: Sobald das Gerät da ist, zeigt sich deutlicher als je, wie zeit- und nervenaufreibend Erziehung ist. Um dann trotzdem zu scheitern. Nicht einmal die einfachsten Vorgaben, wie etwa die Spielzeit auf eine Stunde täglich zu beschränken, lassen sich wirklich durchsetzen. Aus der einen Stunde werden schnell zwei, drei, dann vier. Rügen werden meist beantwortet mit: «Ich spiele doch gar nicht, ich höre Musik. Ich bin erst seit etwa 15 Minuten dran.»

Am Schluss verflucht man sich für das Vertrauen, das einen zum Kauf bewogen hat, und muss sich eingestehen, dass man das Ganze unterschätzt hat. Massiv.

Merke: Das Leben ist kein Spiel

Einen Teenager online zu kontrollieren, ist eine Aufgabe, die sich nicht vernünftig bewerkstelligen lässt, ausser man hat beste Kontakte zur NSA. Pubertäre Turbulenzen machen Kontrolle oft vollends unmöglich. Sicher kannte auch Paul die Regeln – und sicher gab es für ihn Gründe, sie zu überschreiten. Schliesslich wollen Teenager meist genau das tun, was sie nicht tun sollten. Eben weil sie es nicht tun sollten.

Und sowieso: Kinder sind in manchem genau wie Erwachsene: Sie sind neugierig auf das Neue, Unbekannte und ziehen eigene Erfahrungen dem Rat anderer vor. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie oft selbst medial kompetente Erwachsene getäuscht und betrogen werden, könnte man Angst bekommen. Aber glücklicherweise kriegen es dennoch die meisten hin. Und merken, dass das Leben kein Spiel ist.

Erstellt: 27.06.2016, 20:52 Uhr

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