Sind die Älteren unhöflicher als die Jungen?

Die Antwort eines begeisterten Grüezi-Sagers.

Viele Menschen aber sind gar nicht unfreundlich, sondern oft nur schüchtern und unsicher.

Viele Menschen aber sind gar nicht unfreundlich, sondern oft nur schüchtern und unsicher. Bild: Moose Photos (Pexels)/Keystone

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Ich bin ein klassischer Teenager aus dem Kanton Graubünden. Ich sage jeder Person Grüezi, ausser ich bin im Stress. Mir kommt es so vor, als ob ältere Menschen mir häufig kein Grüezi zurücksagen. Meine Meinung ist zurzeit, dass die älteren Menschen unhöflicher sind als Jugendliche. Jedoch gibt es auch viele unfreundliche Jugendliche. Könnte es auch sein, dass die älteren Menschen mein Grüezi nicht hören? Oder wird man im Alter einfach unhöflicher? G. F.

Lieber Herr F.

Die Unfreundlichkeit der Jungen resp. der Alten bzw. von wem auch immer ist ein klassisches Aufregerthema. Für jede These lassen sich aussagekräftige Anekdoten finden, aber wohl kaum eine - wie man sagt - «belastbare» soziologische Datenbasis. Freundlichkeit lässt sich kaum messen, sie ist immer eine «gefühlte» Grösse.

Seien Sie also nicht enttäuscht, wenn ich Ihnen keine klare Antwort auf Ihre Frage geben, sondern Ihnen nur ein paar Überlegungen präsentieren kann, die ihr Gefühl, in einer von unfreundlichen Alten (Jungen, Frauen, Kindern, Männern ...) bevölkerten Welt zu leben, vielleicht relativiert.

Wenn man so herumgrüsst, darf man nicht darauf achten, ob man ebenfalls gegrüsst wird.

Auch ich bin ein begeisterter Grüezi-Sager, allein schon deshalb, weil mein Personengedächtnis aufgrund fortschreitender Gesichtsblindheit ausgesprochen lückenhaft ist. Also grüsse ich munter vor mich hin, in der Hoffnung, dadurch zu vermeiden, dass ich Menschen, die ich kenne und die mich kennen, grusslos übergehe. Das Prinzip dabei ist: lieber zehnmal zu viel als einmal zu wenig.

Wenn man so herumgrüsst, darf man nicht darauf achten, ob man ebenfalls gegrüsst wird; man handelt sich sonst nur schlechte Laune ein angesichts der vermeintlichen oder manchmal auch tatsächlichen Unhöflichkeit der anderen.

Viele Menschen aber sind gar nicht unfreundlich, sondern oft nur schüchtern und unsicher im sozialen Kontakt oder aber abgelenkt, weil sie gerade andere Dinge im Kopf haben. Ich staune aber auch, wie oft man mit Leuten, die man für mürrisch und abweisend gehalten hat (vielleicht auch nur, weil man gerade selber schlecht drauf ist), einen netten Small Talk haben kann, wenn man sie wegen irgendwas fragt oder ihnen bei irgendetwas seine Hilfe (oder den Platz im Tram) anbietet.

Häufig besteht die Unfreundlichkeit oder Unhöflichkeit der anderen nur in der eigenen Fantasie. Sie weichen schnell im konkreten Kontakt. Ein sonniges Gemüt macht die Welt nicht unbedingt besser, aber es lässt sie in einem freundlicheren Licht erscheinen.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.01.2019, 16:36 Uhr

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