«Enttäuscht und frustriert» über das eigene Sexleben

In Dänemark wurde die grösste Umfrage zum Sexualverhalten einer Nation veröffentlicht. Weniger als die Hälfte der sexuell aktiven Bevölkerung ist zufrieden.

Von wegen sexuell befreites und erfülltes Dänemark: Der Mythos ist nun wohl «widerlegt». Foto: plainpicture

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Von wegen sexuell befreites und erfülltes Dänemark: Der Mythos sei nun wohl «widerlegt», verkündete die Kopenhagener Zeitung «Information» am Montag. Das Blatt lieferte die Erklärung gleich dazu: Jeder fünfte Däne finde auch heute noch Sex zwischen Männern moralisch verwerflich. Jeder zehnte schäme sich fürs Masturbieren. Vor allem aber: Nicht einmal die Hälfte der sexuell aktiven Dänen habe ihr Sexualleben im vergangenen Jahr als beglückend und bereichernd erlebt.

Die Zahlen konnte man auf fast jedem Nachrichtenportal in Dänemark nachlesen – sie stammen aus dem «Projekt Sexus», der weltweit grössten Umfrage zum Sexualverhalten einer Nation. Mehr als 62'000 Dänen im Alter von 15 bis 89 Jahren nahmen an der Studie teil, einem gemeinsamen Projekt der Universität Aalborg und des Staatlichen Seruminstitutes; im Schnitt beantworteten die Teilnehmer 180 Fragen zu ihrem Sexualleben.

«Hunderttausende scheinen enttäuscht und frustriert zu sein, weil sie nicht das Sexualleben führen können, von dem sie träumen.»Christian Graugaard, Sexualwissenschaftler, zur Zeitung «Politiken»

Und die Ergebnisse wurden am Montag in einem 765 Seiten langen Bericht veröffentlicht. «Hunderttausende scheinen enttäuscht und frustriert zu sein, weil sie nicht das Sexualleben führen können, von dem sie träumen», zitierte die Zeitung «Politiken» Christian Graugaard, Sexualwissenschaftler von der Universität Aalborg und einer der Forscher hinter dem Projekt.

Sexuell frustriert scheinen dabei vor allem die Männer zu sein. Überhaupt sei das eines der überraschendsten Ergebnisse ihrer Studie, liessen sich die Wissenschaftler zitieren: die tiefgreifenden Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die sich in den Antworten der Teilnehmer offenbarten. «Das ist der Beweis», titelte «Politiken»: Sexuell seien Männer und Frauen wohl tatsächlich «von verschiedenen Planeten».

Sieben von zehn Männern masturbieren demnach jede Woche, aber nur drei von zehn Frauen.

Das scheint nicht nur für sexuelle Praktiken und Gewohnheiten zu gelten, sondern schon für das Verlangen: Während der durchschnittliche Däne in der Studie angab, vier- bis sechsmal pro Woche Lust auf Sex zu haben, genügte der durchschnittlichen Dänin einmal. Sieben von zehn Männern masturbieren demnach jede Woche, aber nur drei von zehn Frauen. Jeder zweite Däne schaut mindestens einmal die Woche Pornos, aber nur jede zehnte Dänin. Und während beiden Geschlechtern Untreue nicht fremd ist, gab jeder vierte Mann an, in seiner jetzigen Partnerschaft schon einmal fremdgegangen zu sein, während es bei den Frauen nur jede siebte war.

Wichtige Rolle des biologischen Geschlechtes

Natürlich gebe es beim Sex eine komplexe Wechselwirkung zwischen biologischen und kulturellen Faktoren, sagte Sexualwissenschaftler Graugaard, aber die klaren Zahlen der Umfrage hätten ihn überrascht und ihm «die Augen geöffnet»: In der Vergangenheit habe er stets argumentiert, dass «unser geschlechtsspezifisches Handeln in erster Linie von sozialen Faktoren bestimmt ist»; die Studie aber lege nahe, dass für den Sexualtrieb das biologische Geschlecht eine nicht zu unterschätzende Rolle spiele.

Die Forscher verweisen dabei auch auf die Entwicklung des sexuellen Verlangens mit zunehmendem Alter: Während in der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen Frauen und Männer Sex noch als ähnlich wichtig für sich wahrnehmen, lässt der Untersuchung zufolge das Interesse der Frauen in späteren Jahren weit schneller nach als das der Männer.

«In unserem Umgang mit Sex geht es nicht nur darum, was wir als Individuen wollen, sondern auch darum, was wir in unserem Leben gelernt haben.»Rikke Andreassen, Geschlechterforscherin

Die Betonung der Autoren auf biologische Faktoren stiess aber auch schon auf Kritik. «In unserem Umgang mit Sex geht es nicht nur darum, was wir als Individuen wollen, sondern auch darum, was wir in unserem Leben gelernt haben», sagte die Geschlechterforscherin Rikke Andreassen «Politiken». Masturbation oder Pornokonsum von Frauen sei noch immer mit einem Stigma belegt, kulturelle Normen seien noch einflussreich.

Die gute Nachricht angesichts so viel sexueller Unerfülltheit und einer so grossen Kluft zwischen den Geschlechtern: 90 Prozent der Dänen, die in einer festen Beziehung leben, beurteilen ihre Partnerschaft als gut oder sehr gut. Und zwar Männer ebenso wie Frauen. Es scheint wichtigere Dinge zu geben als Sex.

Erstellt: 30.10.2019, 07:34 Uhr

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