Sind Selbstgespräche krankhaft?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema einseitige Kommunikation.

Das Selbstgespräch ist nicht an einen anderen gerichtet, man ist nicht eingeladen, zu antworten. Foto: Getty Images

Das Selbstgespräch ist nicht an einen anderen gerichtet, man ist nicht eingeladen, zu antworten. Foto: Getty Images

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Bitte erklären Sie mir, warum man Leute, die irgendwelche Melodien vor sich hin singen, summen, pfeifen oder zischen, für liebenswert und lebensfreudig hält, während man jene, die Selbstgespräche führen, zu therapiebedürftigen Spinnern degradiert. Evolutions- und zivilisationshistorisch betrachtet, ist menschliche Sprache doch viel mehr als tierischer Singsang.
A. D.

Lieber Herr D.

Also mich z. B. stören pfeifende, summende, zischende Menschen ganz erheblich; wohingegen ich mich an Selbstgespräche eher gewöhnt habe. Was vermutlich mit der allgegenwärtigen Mobiltelefonie zusammenhängt. Denn diese sorgt dafür, dass man einen bedeutenden Anteil von Gesprächen in der Form von Selbstgesprächen mitbekommt. Anders als bei richtigen Selbstgesprächen verpasst man indessen den einen Teil der Kommunikation, was einen immer etwas unbefriedigt zurücklässt. Womit allerdings nicht gesagt sein soll, dass der verpasste Teil des Dialogs sehr befriedigend wirken würde.

Aber lassen wir mal meine Störanfälligkeit durch Pfeifen, Zischen, Summen (s. o.) beiseite. Irgendwas ist ja dran an Ihrer These, dass Selbstgespräche eher pathologisiert werden als munteres Trällern. Mir scheint, es gibt mindestens drei Gründe für die abschätzige Behandlung von Selbstgesprächen.

Der erste ist sehr allgemeiner Art: Man fühlt sich einerseits einbezogen, denn man wird schliesslich zum Zuhörer gemacht, und andererseits abgewiesen: Das Selbstgespräch ist nicht an einen gerichtet, man ist nicht eingeladen, zu antworten. Man wird involviert, ohne dass man sich berechtigt fühlt, darauf irgendwie zu reagieren.

«Wenn es geht, bitte nicht in meiner Gegenwart pfeifen. Wenn es nicht geht, drücke ich selbstverständlich beide Ohren zu.»

Der zweite Grund liegt in dem Verdacht, man habe einen Psychotiker vor sich, der mit einer oder mehreren inneren Stimmen diskutiert. Man begegnet solchen Menschen hin und wieder auf der Strasse oder im Tram; und manchmal wirken sie mit ihren einsamen Dialogen furchteinflössend. Dabei ist in der Regel die Furcht ganz auf ihrer Seite und das Furchteinflössende auf der Seite der unhörbaren inneren Stimmen.

Der dritte Grund schliesslich ist, dass man jemandem, der ein Selbstgespräch führt, unterstellt, er habe sich nicht genügend unter Kontrolle; er plappere wie ein ins Spiel versunkenes Kind seine Gedanken geradewegs aus.

Gibt es eine Moral? Höchstens eine klitzekleine, ganz persönliche. Nämlich: Wenn es geht, bitte nicht in meiner Gegenwart pfeifen. Wenn es nicht geht, drücke ich selbstverständlich beide Ohren zu. Und wenn einer eben Selbstgespräche führen muss zu seinem Glück, dann soll man ebenfalls nicht streng gucken.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 15.05.2019, 10:05 Uhr

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