Sind Sie geizig oder bloss sparsam?

Grosszügiger zu werden, lohnt sich: Denn wer anderen Gutes tut, lebt laut Forschern glücklicher. Anleitung für einen Selbsttest.

Das läuft noch unter Sparsamkeit: Eine Frau greift bei Aktionen im Supermarkt zu. Illustration: Alexandra Gornag

Das läuft noch unter Sparsamkeit: Eine Frau greift bei Aktionen im Supermarkt zu. Illustration: Alexandra Gornag

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Nicht jede Todsünde ist tatsächlich ein Drama. Manche sollte man sich ruhig ab und zu gönnen (Wollust, Völlerei). Das gilt jedoch keinesfalls für den Geiz, der viel zu oft verharmlost oder sogar als verkappte Tugend schöngeredet wird. Geiz ist keineswegs geil, wie uns das einer der widerwärtigsten Werbeclaims der vergangenen Jahrzehnte weismachen wollte, sondern ein hoch potentes Gift für die zwischenmenschliche Kommunikation, ebenso seine engen Verwandten Neid und Gier.

Kein Mensch ist dazu verdammt, ein Geizhals zu sein.

Stellen wir uns für einen Augenblick vor, Donald Trump wäre ein grosszügiger Mensch. Die Welt sähe völlig anders aus. Ein Slogan wie «America First» käme ihm dann wohl vollkommen idiotisch vor. Er wäre nicht zerfressen vor Neid auf den Iran- Deal seines Vorgängers, den er kaputt machen will wie das Spielzeug eines Sandkastengefährten, weil es grösser und schöner ist als sein eigenes. Es gäbe keinen Handelskrieg, keine Mauer an der mexikanischen Grenze, keinen sturen Alleingang beim Klimaabkommen, keinen Rückzug aus Nordsyrien und vermutlich auch kein Impeachment-Verfahren. Dafür auf gegenseitigem Respekt begründete internationale Abkommen, einen Ausbau von Obama-Care und einmal im Jahr ein Volksfest mit Freibier im Garten des Weissen Hauses, wo Trump es sich nicht nehmen liesse, mit aufgekrempelten Ärmeln persönlich hinter dem Grill zu stehen und Melania – auch sie wäre natürlich eine andere – in ihren Gucci-Sneakers mit den Kindern Sackhüpfen spielt, bis Trump mit Obama ein bierseliges Lied auf die Freundschaft anstimmt. Oh Donald, was dir alles entgeht!

Geizig? Ich doch nicht!

Wer mit Geld geizt, geizt meist auch mit anderem: mit Zeit, mit Aufmerksamkeit, Zuwendung, Emotionen. Grosszügige Menschen jedoch leben glücklicher. Das haben vor zwei Jahren die Zürcher Verhaltensökonomen Philippe Tobler und Ernst Fehr in Zusammenarbeit mit internationalen Kollegen wissenschaftlich belegt. Wer anderen Gutes tut, wird mit einem «warm glow» belohnt, einem wohligen Gefühl, das glücklich macht – und dessen Aktivität die Forscher im Hirnscan beobachten konnten. Selbst wer sich bloss vornimmt, grosszügiger zu sein, erlebt schon einen kleinen «warm glow». Was für eine verführerische Möglichkeit, mit wenig Aufwand glücklicher zu werden!

Dumm nur, dass der Geiz zu jenen Eigenschaften gehört, die man zwar gern bei anderen konstatiert, der eigenen Persönlichkeit aber niemals zuschreibt. Nicht einmal mein ehemaliger Vermieter, ein beinharter Knauserer, für den kein Handwerker mehr arbeiten wollte, weil er sich um jeden Rappen stritt, hätte zugegeben, geizig zu sein, sondern sich allerhöchstens als sparsam bezeichnet. Donald Trump würde wahrscheinlich von sich behaupten, er sei der grosszügigste Mensch der Vereinigten Staaten von Amerika, wenn nicht des gesamten Planeten. Doch behaupten allein reicht nicht.

Wie geizig bin ich? –
Wagen Sie den Test.

Der erste Schritt zu mehr Grosszügigkeit ist eine radikale Innenschau. Wie viel Platz bekommt der Geiz im Gebäude der eigenen Psyche? Ist es bloss eine kleine Nische im Küchenschrank oder das lichtdurchflutete 50-Quadratmeter-Wohnzimmer? Der folgende kurze und höchst subjektive Psychotest kann Ihnen bei der Erkenntnis helfen, ob Sie noch als sparsam durchgehen oder bereits geizig sind. Für Armutsbetroffene gelten selbstverständlich andere Kriterien:

Im Restaurant

  • Sie essen gemeinsam mit drei Freunden im Restaurant und bestehen bei der Rechnung darauf, dass jeder genau das bezahlt, was er konsumiert hat, statt den Betrag einfach durch vier zu teilen: Geiz. Grosszügige Menschen machen sich keine Gedanken um die paar Franken.

  • Sie bestellen zu Ihrer Pasta ein schönes Glas Rotwein und Hahnenwasser, denn wer bezahlt schon fünf Franken für ein bisschen Sprudel? Sparsamkeit.

  • Sie stören sich daran, dass Ihre Begleitung dem Kellner ein exorbitantes Trinkgeld zukommen lässt: Geiz. Denn eigentlich besteht Ihr Ärger darin, dass Ihr grosszügiges Vis-à-vis Ihnen vor Augen führt, wie knauserig Sie selbst sind. Ausserdem: Es ist ja nicht Ihr Geld, warum beschäftigen Sie sich überhaupt damit?

Beim Einkauf

  • Sie kaufen zwanzig Büchsen Pelati, weil die gerade Aktion haben: Sparsamkeit.

  • Sie kaufen zweihundert Büchsen Pelati, weil die gerade in Aktion sind: Gehören Sie etwa zu diesen Preppern, die sich auf den Untergang der Zivilisation vorbereiten?

  • Sie kaufen beim Billigdiscounter, weil Sie finden, jeder, der für sein Essen mehr bezahle, sei selbst schuld: Sparsamkeit (aber jede Wette, dass Sie kein Geniesser und auch kein guter Gastgeber sind).

  • Sie nehmen eine einstündige Autofahrt in Kauf, um hinter der deutschen Grenze mehr für Ihr Geld zu kriegen: Geiz (es sei denn, Sie sind Sozialhilfeempfänger, bekommen Ergänzungsleistungen oder arbeiten in einer Tieflohnbranche).

  • Sie sammeln Rabattmärkchen und fiebern bei der Coop-Pfannen-Trophy mit: weder noch. Das läuft unter dem Thema «Schweizer und ihre skurrilen Hobbys».

Tschüss, Geizhals!

Die gute Nachricht ist: Kein Mensch ist dazu verdammt, ein Geizhals zu sein, selbst, wenn er dazu erzogen wurde. Eine Studie mit 1110 koreanischen Zwillingen aus dem Jahr 2011 hat ergeben, dass die Erziehung in der Familie bei diesem Thema nur eine geringe Rolle spielt. Auch die Gene haben bestenfalls marginalen Einfluss. Die untersuchten Zwillingspaare entwickelten völlig unterschiedliche Ausprägungen von Geiz, obwohl sie dieselben Gene teilten und die gleiche Erziehung genossen hatten.

Das bedeutet: Wie geizig Sie sind, liegt vor allem an Ihnen selbst. Sie können sich dafür entscheiden, grosszügiger zu werden. Tun Sie es einfach! Springen Sie über Ihren Schatten. Lassen Sie nächstes Mal ein Zehnernötchen liegen, um Ihren Kaffee zu bezahlen, und machen Sie eine unterbezahlte Kellnerin glücklich. Drücken Sie dem Bettler an der Tramhaltestelle fünf Franken in die Hand, obwohl Sie wissen, dass er sie versaufen wird. Schenken Sie Ihrer besten Freundin die Schuhe, die sie sich selbst nicht leisten kann, und freuen Sie sich darüber, wie sie sich freut. Führen Sie Ihre alten Eltern zum Essen aus, schmeissen Sie Feste, spenden Sie für wohltätige Zwecke, und vergessen Sie auch Ihre eigenen Wünsche nicht.

Sie werden viel mehr zurückbekommen als einen «warm glow», nämlich unvergessliche Begegnungen, Freundschaft, grossartige Abende. Und vermutlich wird Ihr Kontostand am Ende des Monats nicht einmal wesentlich tiefer sein als bisher. Denn je grosszügiger Sie sind, desto weniger knausert das Leben zurück.

Erstellt: 05.11.2019, 09:25 Uhr

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