Sind wir alles Memmen?

Negative Gefühle werden heute zunehmend als Krankheiten betrachtet. Die Folge: Lange Wartezeiten für Behandlungen.

Unsere Lebensqualität wird zwar immer besser, wir fühlen uns aber immer schlechter. Illustration: Stephan Schmitz

Unsere Lebensqualität wird zwar immer besser, wir fühlen uns aber immer schlechter. Illustration: Stephan Schmitz

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Kommen Sie in ein paar Monaten wieder. Diesen Satz hören Eltern von Kindern mit psychischen Problemen oft, wenn es darum geht, einen Therapieplatz zu finden. Je nach Dringlichkeit landet ihr Kind dann weiter hinten oder weiter vorn auf der Warteliste. Immerhin: In Notfällen, etwa wenn ein Kind suizidal ist, ist Hilfe gewährleistet. Alle anderen, die sich elend fühlen, nicht mehr schlafen können oder zu Hause aggressiv sind und sich vielleicht sogar heimlich ritzen, müssen sich gedulden. Für die Familien ist das teilweise kaum erträglich.

«Eltern rufen bei uns manchmal wöchentlich an, weil sie verzweifelt sind und hoffen, dass ihr Kind vielleicht schneller drankommt», sagt Prisca Zulauf, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Zofingen im Kanton Aargau, wo die Situation derzeit besonders dramatisch ist. Im Ambulatorium der Psychiatrischen Dienste Aargau beträgt die Wartefrist sage und schreibe ein halbes Jahr. In der Praxis von Prisca Zulauf sind es etwa vier Monate. Allerdings: Nicht alle Hilfebedürftigen können sich die Therapiestunden bei der promovierten Psychologin auch leisten.

Schuld daran ist das aktuelle Vergütungsmodell: Eine Psychothe­rapie wird von der Grundversi­cherung nur dann übernommen, wenn sie entweder von einem ­Psychiater durchgeführt wird oder wenn ein Psychologe delegiert arbeitet. Letzterer muss in diesem Fall bei einem Psychiater oder einer Psychiaterin angestellt sein. Arbeitet ein Psychologe selbstständig wie Prisca Zulauf, kann er seine Leistungen lediglich über die Zusatzversicherung abrechnen. Der Haken: Viele ­Betroffene haben keinen solchen Zusatz, und falls doch, müssen sie einen Teil der Kosten trotzdem ­selber berappen. Für Prisca Zulauf ist diese Regelung ebenfalls einschränkend: «Ich kann keine längerfristigen Therapien annehmen, weil die Zusatzversicherung meist nur eine sehr beschränkte Anzahl Stunden mitfinanziert», sagt die 50-Jährige.

Lebensqualität wird besser, wir fühlen uns aber schlechter

Es ist klar: Um der psychotherapeutischen Unterversorgung entgegenzuwirken, braucht es neue Konzepte. Diverse Verbände – ­darunter Psychologen, Patienten, Haus- und Kinderärzte – haben im März eine Petition eingereicht, in der sie statt des Delegations­prinzips ein Anordnungsmodell fordern: Alle Mediziner, also auch Haus- oder Kinderärzte, sollen künftig eine Psychotherapie verschreiben können, ähnlich wie dies heute bereits bei Physiotherapien der Fall ist. Das Hauptproblem jedoch – die scheinbar desolate psychische Verfassung der Bevölkerung – wird es kaum entschärfen.

Früher litten Betroffene still und leise, heute holen sie sich eher Hilfe. Symbolbild: Getty Images

Denn: Unsere Lebensqualität wird zwar immer besser, wir fühlen uns aber immer schlechter. ­Gemäss aktuellen OECD-Zahlen hat jeder Zweite mindestens einmal im Leben mit psychischen Problemen zu kämpfen. Entsprechend rasant steigt auch die Zahl jener, die sich in eine Therapie begeben. Zwischen 2006 und 2016 ist ­laut dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium die Anzahl ­Patienten im ambulanten ­Bereich um fast 50 Prozent angestiegen: 2016 liess sich eine halbe Million Menschen in einer psychotherapeutischen Praxis behandeln. 75 000 wurden stationär in einer Klinik betreut. Hinzu kommen noch all jene, meist sind es ältere Semester, die statistisch nicht erfasst sind, weil sie sich mit ihren Problemen lieber ihrem Hausarzt anvertrauen.

Sind wir also alle ein bisschen psycho? Jedenfalls nicht mehr als früher. Psychische Krankheiten ­haben in den letzten Jahren kaum ­zugenommen, sie sind aber ­sichtbarer geworden, weil ihr ­Stigma abgenommen hat. Während Betroffene früher still und leise vor sich hin litten und sich im besten Fall vom Hausarzt Schlaftabletten oder Beruhigungsmittel verschreiben liessen, wagt man sich heute vermehrt in eine Psychotherapie. Allerdings ist das nicht der einzige Grund, weshalb Psychiaterinnen und Psychologen überlastet sind und Hilfesuchende auf Monate hinaus vertrösten müssen.

Unsere auf Leistung und Per­fektion getrimmte Gesellschaft neigt dazu, Befindlichkeiten als Krankheiten zu betrachten. Egal, ob Stress am Arbeitsplatz, Beziehungsprobleme, Trauer oder Liebeskummer: Negative Gefühle werden zunehmend pathologisiert, weil sie nicht zum Bild des glücklichen Daseins passen. Gleichzeitig fühlt sich heute so gut wie jeder irgendwie unwohl oder belastet. Unter Teenagern gilt es sogar als chic, leicht neben der Spur zu sein. Angesagt sind derzeit etwa Transgender-Probleme. Bei Erwachsenen ist es eher die Hypersensibilität. Hauptsache, man bekommt Aufmerksamkeit.

Wer sich manchmal ängstlich, traurig oder gestresst fühlt, ist deswegen aber noch lange nicht krank. Er ist bloss den Zumutungen des Lebens ausgesetzt. In einer Wellnessgesellschaft scheint es jedoch nicht mehr zeitgemäss, solche Widrigkeiten auch mal auszuhalten – ganz ohne Ratgeberliteratur, ­Social-Media-Tutorials oder psychologische Hilfe. Jede Verstimmung braucht Fachleute, die die «Störung» für einen beheben.

Entwicklung wird von ­Medizinern mitverursacht

Medizinische Hilfe wird dadurch immer mehr zu einem Konsumgut. Die Leute zahlen Krankenkassenprämien, also wollen sie dafür eine Leistung beziehen. Die Notfallstationen sind längst voll von Menschen, die nicht gewillt sind, wegen abendlichen Bauchwehs bis zum nächsten Morgen zu warten. Oder man hat einfach Kopfweh und beharrt auf einem MRI, was meist nichts nützt, aber die Kosten in die Höhe treibt. Dieselbe ­Anspruchshaltung setzt sich langsam auch bei der Psychotherapie durch: Ich bin gestresst, also soll das bitte jemand wegmachen. Und am besten auch noch gleich meine Ehe retten.

Sie gehen nicht wegen einer psychischen Erkrankung zu einem Psychologen oder einer Psychiaterin, sondern weil diese ihnen zuhören.

Der Trend ist offensichtlich: Krisen werden immer öfter von ­Expertinnen und Experten statt von Freunden oder der Familie ­aufgefangen. Manche Menschen haben schlicht niemanden, mit dem sie reden könnten, oder sie trauen sich nicht, ihr Umfeld hinter die Fassade blicken zu lassen. Sie gehen nicht wegen einer psychischen Erkrankung zu einem Psychologen oder einer Psychiaterin, sondern weil diese ihnen zuhören. Kein Wunder also, nehmen die Behandlungen Jahr für Jahr zu.

Über 70 Prozent der Psycho­therapien werden von der Grundversicherung, sprich von der Allgemeinheit, finanziert – egal, ob die Behandelten psychisch krank, ­einsam oder emotional verstimmt sind. Dass diese Entwicklung von den Medizinern mitverursacht wird, ist ein offenes Geheimnis.

Wer sich schlecht fühlt, darf ­seinen Anspruch auf Hilfe selbstverständlich formulieren. «Psychi­aterinnen und Psychi­ater müssten jedoch entscheiden, ob dieser Person Hilfe zusteht oder ob sie mit ihrem Problem erst ­einmal ­selber zurechtkommen müsste», sagt Wulf Rössler, emeritierter Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich und langjähriger Vorstand der Psychiatrischen Uniklinik ­Zürich. Mediziner sind nicht nur Leistungserbringer, sondern auch als «Gatekeeper für das Gesundheitssystem» vorgesehen, was laut Rössler jedoch oft «vergessen» geht.

Einen Grund für den Anstieg von Behandlungen sieht Rössler deshalb «in der Bereitschaft von Psychiatern, Diagnosen zu stellen, selbst wenn die Kriterien für eine psychische Erkrankung nicht erfüllt sind». Gleichzeitig hat er als Psychiater teilweise Verständnis für dieses Handeln: «Ohne Diagnose gibt es keine Behandlung. Es macht deshalb durchaus Sinn, auch Befindlichkeiten wie Liebeskummer oder Scheidungskrisen ernst zu nehmen, will man potenziell Gefährdeten rasch Zugang zum Hilfesystem verschaffen.» Denn sobald man sich wegen Liebes­kummer umbringen wolle oder nach der Scheidung sozial verwahrlose, müsse das sehr wohl behandelt werden.

Entlastet wird das Gesundheitssystem dadurch kaum. Dass sich Psychiater und Psychologen nun wegen eines neuen Vergütungsmodells zanken, macht die Sache nicht besser, vor allem für die Allgemeinheit nicht, die das Ganze finanziert. Und die Wartelisten werden erst dann kürzer, wenn alle bei sich selbst anfangen und wieder eher bereit sind, gewisse, nicht ganz so schwerwiegende Dinge mit sich selber auszumachen oder ­zunächst mal das zu tun, womit niemand aus dieser Gilde Geld ­verdient: akzeptieren, dass schlechte Phasen nun einfach mal zum ­Leben gehören.



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Erstellt: 11.05.2019, 18:33 Uhr

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