Sind wir fies zu Behinderten?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu «seelischen Krüppeln» – mit vielen Anführungszeichen.

Selbst eine Physikergrösse wie Stephen Hawking wirkt auf die meisten wie ein Idiot: Hawking an der Eröffnungszeremonie der Paralympics 2012. Foto: Matt Dunham (Keystone)

Selbst eine Physikergrösse wie Stephen Hawking wirkt auf die meisten wie ein Idiot: Hawking an der Eröffnungszeremonie der Paralympics 2012. Foto: Matt Dunham (Keystone)

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Weshalb werden seelische Krüppel in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz schlechter behandelt als unsere Mitmenschen, die körperlich andersartig sind? F. F.

Lieber Herr F.

Das mag teilweise so sein; aber ich bin nicht sicher, ob es durchwegs der Fall ist. Als Leo Kanner in den 1940er-Jahren in mehreren Fallgeschichten das beschrieb, was später das Kanner-Syndrom genannt werden sollte und heute Teil des Autismus-Spektrums ist, erwähnte er die angenehme Physiognomie der autistischen Kinder.

Ihr Aussehen wurde eines der Argumente, die dazu führten, dass Autisten nicht länger als «geistig zurückgeblieben» kategorisiert wurden – eben weil sie äusserlich nicht «debil» wirkten. Gemein für die tatsächlich Intelligenzgeminderten, half es den Autisten zu einer Anerkennung ihrer Besonderheit.

Und ich fürchte, wie «Krüppel» (das wird eine Kolumne mit vielen Anführungszeichen) behandelt werden, hängt viel von der äusseren Erscheinung ab. Selbst eine Physikergrösse wie Stephen Hawking in seinem Rollstuhl mit seiner computergenerierten Stimme wirkt auf die meisten wie ein Idiot, obwohl jeder gleichzeitig weiss, dass das, was er sagt, vermutlich den eigenen geistigen Horizont übersteigt. Innere Werte lernt man (wenn überhaupt) erst mit der Zeit zu schätzen.

Leute, mit denen man nicht «einfach so» sprechen kann, kann man leicht als blöd abtun.

Äusserlich sichtbare Handicaps (in jedweder Hinsicht) steigern leider nicht das Bedürfnis, sich auf jemanden ein­zulassen. Ein übergewichtiger Nerd mit Flaschenbodenbrille kann auf einer Paarungsplattform mit seinen Posts oder Mails Scharen von Frauen (oder Männern) bezaubern; sobald er ein Foto von sich online stellt, ist es aus mit der Liebe im virtuellen Raum.

Oder nehmen Sie als Beispiel die ­Gehörlosen oder Schwerhörigen. Leute, mit denen man nicht «einfach so» sprechen kann – unter anderem auch des­halb, weil man nicht die Zeit und die Geduld hat, dafür zu sorgen, dass die Kommunikationsschranken möglichst niedrig sind –, kann man leicht als blöd oder minderbemittelt abtun.

Vielfach hört man einfach auf, sie in Gespräche einzubeziehen, man mag sich nicht die Mühe geben, so deutlich zu artikulieren, dass sie von den Lippen lesen können. Und wenn sie dann selber etwas sagen, wegen der Gehörlosigkeit schlecht artikuliert, dann findet man, das töne «behindert», und man macht sich darüber lustig.

Nun ist die Frage, was Sie als einen «seelischen Krüppel» bezeichnen. Einen schwer Depressiven? Eine Anorektiker? Einen Schizophrenen? Auch hier scheint es so zu sein, dass wir uns für die gebotene Rücksicht, die wir, wenn wir nicht völlig unempathisch sind, ja durchaus spüren, auf irgendeine Art rächen – sei es durch Ungeduld, durch Gesprächsverweigerung, durch Linksliegenlassen, durch Lustigmachen. Im Umgang mit Behinderten werden viele Menschen grausam wie eine Dreijährige im Umgang mit Käfern. Und sie merken es oft nicht einmal.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2017, 15:16 Uhr

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