Jetzt ist es da, nun ist es weg

Einst als Sexting-App abgetan, hat sich Snapchat zum Facebook-Konkurrenten gemausert. Der Dienst vereint flüchtige Kommunikation mit dem Liveerlebnis des Fernsehens.

Wer nutzt Snapchat? Video-Umfrage unter Leuten zwischen 13 und 42 Jahren.

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Die siebzehnjährige Maja tippt auf ihr Smartphone, sie ist gerade im Selfie-Modus. Sie macht ein Foto, malt sich einen grossen, gelben Nasenpopel ins Gesicht und schreibt: «Gömmer hüt de Böögg go verbrenne?» Sekunden später piepst es, Maja klickt auf die eingegangene Nachricht. Es erscheint das Gesicht einer Freundin mit Zündschnur auf dem Kopf. Drei, zwei, eins, der Kopf explodiert. Zu hören ist: «Yes! Gömmer as Sächsilüüte!»

Klingt bizarr, ist aber eine gängige Interaktion auf der zurzeit beliebtesten App unter Jugendlichen: Snapchat. Über das soziale Netzwerk mit weissem Gespenst im Logo wird mit Videos und Bildern kommuniziert, die wie von Geisterhand verschwinden, nachdem der Empfänger sie gesehen hat. Und die «Snaps» (Schnappschüsse) sind kurz: Was bei Twitter die 140-Zeichen-Grenze ist, ist bei Snapchat die 10-Sekunden-Marke. Die Videoschnipsel dauern nie länger, und auch Bilder können maximal zehn Sekunden lang angeschaut werden. Danach sind sie weg.

In der digitalen Welt ist es der neueste Hype: Nachrichten, die sich selbst zerstören. Vergänglichkeit habe einen Nutzen, heisst es dazu im Unternehmensblog von Snapchat. Bei Jugendlichen bewirkt das schnelle Verfallsdatum der Nachrichten vor allem eins: Die Hemmschwelle sinkt. Für sie ist Snapchat ein Ort zum Austoben geworden, ein Ort, an dem gerade wegen der Kurzlebigkeit auch Anzügliches und Peinliches ausgetauscht wird – wie das wenig vorteilhafte Doppelkinnporträt mit gesenktem Blick aufs iPhone. Statt retuschiert werden Snapchat-Bilder bekritzelt, das mindert den Perfektionsdrang, wie er etwa bei Instagram zu beobachten ist.

Hat die Jugend genug vom permanenten Schönheitswettbewerb und der Scheinwelt in den sozialen Medien? Jedenfalls feiert sie die ungefilterte Unmittelbarkeit, die durch die Snapchat-Kamera fliesst. Die App bietet den Raum dafür – mit dem Do-it-yourself-Charme des Punk: Nach zur Schau gestellter Virtuosität sucht man ebenso vergeblich wie nach Makellosem. Authentisch ist Snapchat dennoch nicht, auch wenn dies gerne behauptet wird. Snaps sind zwar direkter, roher, vielleicht mutiger, aber die Inhalte bleiben inszeniert. Statt Authentizität bringt Snapchat eher zum Ausdruck, wie tief die Kamera im Alltag junger Leute verankert ist, wie sehr die mediale Beobachtung im Privatleben angekommen ist.

Den Jugendlichen scheint das nichts auszumachen, sie snappen um die Wette. Eine Studie der University of Michigan will einen weiteren Grund dafür gefunden haben: Soziale Interaktion auf Snapchat macht glücklicher als auf Facebook. Der Grund liegt in der restriktiven Struktur der App: Von den Usern weiss man fast nichts, kennt weder Anzahl Freunde noch den echten Namen, und auch Likes werden keine verteilt. Kommunikation ohne Konkurrenz- oder Performancedruck also.

59 Prozent nutzen Snapchat

Täglich werden auf Snapchat 7 Milliarden Videos von rund 100 Millionen Usern angesehen. Zum Vergleich: Facebook hat mehr als eine Milliarde Nutzer, liegt mit 8 Milliarden Videoviews aber nicht weit vor Snapchat. Twitter und nun auch Instagram hat Snapchat in der Nutzeraktivität bereits überholt. Auch in der Schweiz ist die App beliebt: Laut dem Media-Use-Index nutzten 59  Prozent der 14- bis 19-Jährigen 2015 regelmässig Snapchat. Das Unternehmen behauptet, dass 41 Prozent der US-Ame­rikaner zwischen 18 und 34 Jahren die App täglich nutzen. Zum Vergleich: Nur 6 Prozent dieser Altersgruppe schalten täglich den Fernseher an.

Wer bringt Teens und Twens dazu, sich Filter aufs Gesicht zu klatschen, statt fernzusehen? Es ist Evan Spiegel, der 25-jährige Snapchat-Schöpfer und ehrgeizige CEO. Er änderte mit einer Idee seinen Status vom Studienabbrecher zum jüngsten Selfmade-Multimilliardär der Welt. Seine App ist auf dem besten Weg, die neue dominierende Kommunikationstechnologie unter jungen Leuten zu werden. Doch Snapchat kann viel mehr als Messaging – die App mausert sich zur Medienplattform.

Dazu erweiterte Snapchat seinen Dienst um eine neue Funktion: User können eigene «Storys» anlegen – ein kleines Konvolut an Fotos und Videos, das genau 24 Stunden online bleibt. Im Januar 2015 kam «Discover» dazu, eine Nebensektion in der App, die originale, aufwendig produzierte Inhalte von rund einem Dutzend Medien wie CNN, «Vice» und «National Geographic» in einer Art digitalem Magazinformat anbietet. Schliesslich legte sich die App mit dem Mediengiganten des Fernsehens an: Unter «Live Stories» laufen ausgewählte Echtzeitberichte.

Es ist das ungewöhnlichste und nützlichste Feature, mit dem Snapchat bald mit Anbietern wie NBC und Youtube konkurriert. Das Besondere: Die Live­story-Fragmente setzten sich aus Inhalten der Snapchatter zusammen. Die Met-Gala in New York haben anwesende Journalisten und Fotografen, aber auch Stars mit ihren Snaps abgedeckt. Als Leicester City unlängst die Premier League gewann, zappte man auf Snapchat von Aufnahmen aus dem Stadion in die Umkleidekabine der Mannschaft bis hin zu betrunkenen, halb nackt tanzenden Fans auf den Strassen (die verschwitzten Bierbäuche können auf dem Smartphone näher erscheinen, als einem lieb sein kann). Es ist genau diese Art von Livebericht aus der Patchworkperspektive der grossen Menge, die Snapchats unmittelbare, dilettantische Qualität unterstreicht. Auch die Livestorys verschwinden nach 24 Stunden wieder, sie sind meist so komisch und unterhaltsam wie die Snaps, die man von Freunden bekommt.

Von anderen Kommunikationskanälen hebt sich Snapchat wesentlich ab, weil der Dienst seinen Usern zweierlei abverlangt: Aktivität und Aufmerksamkeit. Videos auf Snapchat können gar nicht passiv konsumiert werden, sie laufen nur, wenn der Finger bis zum Schluss auf dem Display haften bleibt – oder zwischen den Snaps durchzappt. Und gerade wegen ihrer Flüchtigkeit werden Snaps wachsam und sofort konsumiert, was sie für die Werbebranche interessant macht. Eine Anzeige auf Snapchat zu ignorieren, ist fast unmöglich.

Damit weist Snapchat paradoxerweise ähnliche Eigenschaften auf wie das Fernsehen, obwohl die Zielgruppe der App genau jenes Publikum ist, das sich von den klassischen Medien abwendet. Die einzelnen Inhalte auf Snapchat erscheinen bildschirmfüllend, und Liveberichte werden von allen Usern etwa zur selben Zeit gesehen, was dafür sorgt, dass über dasselbe geredet wird. Wie früher, als es noch keine Videorekorder gab.

«Händer gsee?»

Während die jungen User sich intuitiv über Icons und mit Wischgesten durch die App steuern, ist Snapchat für Leute über 30 vor allem verwirrend. Im letzten Update unterstrich das Unternehmen deshalb sein Bestreben, die App auch für andere Altersgruppen zugänglicher zu machen. Es ergänzte die Chat-Funktionen: Nutzer können jetzt auch telefonieren, Videochats starten oder Textnachrichten verschicken.

Snapchat entwickelt sich mit der Webcam und den Liveberichten zu einem Ort, der Unzusammenhängendes zusammenschiebt. Eine noch engmaschigere Vernetzung, die die Funktionen der etablierten Kurznachrichtendienste mit News und Fernsehen vereint. Ob die App damit wie Facebook alle Altersgruppen erreichen wird? Noch ist Snapchat auch Abgrenzungsstrategie von Teenagern gegenüber Erwachsenen. Doch die rasante Technologisierung legt nahe, dass in Zukunft wohl kaum auf Tempo und eine verstärkt visuelle Interaktion verzichtet wird. Wir alle werden bald snappen. Wir wissen es nur noch nicht.

Bis dahin sind es die Jungen, die, wie wir damals Zettel herumgereicht haben, auf dem digitalen Pausenplatz rumalbern. So wie Maja. Sie schiesst noch ein Selfie, diesmal mit einem Explosions-Emoji im Nasenloch. Und schreibt: «Händer gsee, wie de Böögg explodiert isch?»

Erstellt: 03.05.2016, 18:51 Uhr

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