So bekämpfen Sie das Gruselmonster im Kinderzimmer

Fürchten sich kleine Kinder, kann die gute Zauberfee helfen. Doch manchmal steckt mehr hinter der Angst.

Wenn Kinder alleine im Bett sind, kann schnell Angst aufsteigen: Ein Mädchen zieht sich die Decke über das Gesicht. Foto: Keystone

Wenn Kinder alleine im Bett sind, kann schnell Angst aufsteigen: Ein Mädchen zieht sich die Decke über das Gesicht. Foto: Keystone

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Jeder kennt sie noch, die Ängste aus seiner Kinderzeit. Und erinnert sich wahrscheinlich, dass es dabei nicht nur um echte Begegnungen wie diejenige mit dem grossen Nachbarshund oder der gestrengen Grossmama ging, vor denen er sich fürchtete. Genauso schrecklich konnten auch vermeintliche Gefahren sein, wie ein Gruselmonster unterm Bett oder einfach die Angst vor der Dunkelheit. Denn Kinder machen keinen Unterschied zwischen den für Erwachsene erkennbaren realen Bedrohungen und denen, die sie sich in ihrer mit allerlei Wesen bevölkerten Fantasiewelt vorstellen.

Vor allem den jüngeren und daher noch weitgehend unerfahrenen Kindern kann alles Angst machen, was gross, laut und noch fremd ist. Das können im Babyalter ungewohnte Geräusche sein, dann der Kita-Eintritt mit der Trennung von zu Hause, später der erste Liebeskummer oder eine Prüfung. Sogar die sonst so nette Mutter kann ein Kind erschrecken, wenn ihr ausnahmsweise mal der Kragen platzt und die Stimme lauter wird als sonst.

Es ist wichtig, zu lernen, mit der Angst umzugehen, um ihr nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Aber woher kommt das Gefühl, das sich durch geweitete Pupillen, gesträubte Nackenhaare, Gänsehaut, Zittern und rasenden Puls bis tief in unseren Körper hinein äussert? Die Angst ist so alt wie das Leben. Immer gab es Bedrohungen, auf die schon die ersten Lebewesen mitunter instinktiv reagieren mussten, um ihr Leben zu retten. Die Angst hat sich so in einen stammesgeschichtlich alten Teil des Nervensystems eingeschrieben, das der Mensch mit den Säugetieren gemeinsam hat. Zum Glück, denn die Angst ist eine lebenserhaltende Funktion, die uns davor bewahrt, dass wir uns blindlings jeder Gefahr aussetzen.

Allerdings schränkt die natürliche Alarmreaktion auf eine Bedrohung unseren Handlungsspielraum ein, da sich der Körper automatisch auf Kampf oder Flucht einstellt. Es ist deshalb wichtig, zu lernen, mit der Angst umzugehen, um ihr nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Dazu gehört, dass man sich mit der Angst auseinandersetzt, um dadurch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.

«Die Erwachsenen müssen Kinder in unsicheren Momenten unterstützen, trösten und ermutigen.»Sabine Brunner, Psychologin

«Kinder haben dabei den Vorteil, dass sie erwachsene Bezugspersonen haben», sagt Sabine Brunner, Psychologin und Psychotherapeutin am Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich. Allerdings nur, wenn diese das Kind in seinem Gefühl bestätigen und es nicht mit einem gut gemeinten «Ach, da ist doch nichts» in seiner bisweilen märchenhaften, aber nicht minder aufregenden Welt allein lassen. «Die Erwachsenen müssen Kinder in unsicheren Momenten vielmehr unterstützen, trösten und ermutigen», rät die Psychologin.

Fantasie und Geduld sind gefragt, um Kindern bei der Bewältigung ihrer Ängste und Nöte zu helfen. Fantasie braucht man, um manchmal verborgenen Ursachen der Kinderangst auf die Spur zu kommen, aber auch in der kreativen Wahl der Waffen gegen die Angst.

Angst ist eine gesunde Reaktion

Je nach Alter und Auslöser dürfen erfundene Gestalten zu Hilfe genommen werden, wie das Angstweg-Männchen oder die gute Zauberfee, ein anderes Mal ist Trost oder Ablenkung gefragt, und manchmal kann Humor oder sogar eine Herausforderung wirken. «Immer die gleiche Reaktion hilft auf Dauer nicht», weiss Sabine Brunner. Geduld wiederum ist wichtig, wenn es darum geht, eine immer wiederkehrende Angst des Kindes aufzunehmen und bei deren Bewältigung zu helfen. Denn gerade die Ängste, die von irrealen Bedrohungen ausgelöst werden, können sehr hartnäckig sein.

Angst zu haben, ist keine Schande und deutet auch nicht auf einen seelischen Schaden hin. Es ist vielmehr eine gesunde Reaktion auf eine ernst zu nehmende Bedrohung. Was aber, wenn das, was Angst macht, stärker ist als das Kind? Was, wenn es etwas ist, das ich nicht sofort erkennen kann, das es nicht mitteilen will oder kann? Woran merkt man, dass ein Kind eine tief sitzende Angst mit sich herumschleppt?

Es gibt auch diffuse Anzeichen: Schlafprobleme, Bauchweh oder Kopfschmerzen.

Jedes Kind äussert seine Angst auf seine Art. Wer sein Kind gut kennt, weiss, dass die kleine Hand, die nach derjenigen eines Erwachsenen sucht, mitteilt: «Ich habe Angst! Steh mir bei!» Auch ein verzagter Blick, der ängstliche Gesichtsausdruck oder der Versuch, sich hinter Mama oder Papa zu verstecken, sind unmissverständliche Signale. Daneben gibt es aber auch diffuse Anzeichen, die nicht so klar erkennbar sind: wenn ein Kind andauernd Schlafprobleme hat, jeden Morgen vor der Schule Bauchweh oder Kopfschmerzen bekommt, auf einmal wieder einnässt.

Diese Verhaltensänderungen können dann viele Ursachen haben, bei deren Suche die Eltern immer auch an eine mögliche Angststörung denken sollten. Wie steht es in der Schule, im Kindergarten? Ist das Kind dort glücklich, gut aufgehoben? Spürt es vielleicht eine konfliktbeladene Situation in der Familie, obwohl die Eltern diese vor dem Kind zu verstecken suchen? Oder gibt es ein belastendes Geheimnis? Zum Beispiel prügelnde Kinder auf dem Schulweg? In diesem Fall sollte man unbedingt das Gespräch mit der Erzieherin oder dem Lehrer suchen. Gemeinsam lässt sich besser herausfinden, was ein Kind braucht, um sich wieder sicher und wohl zu fühlen.

«Unbewältigte Angst kann Folgen für die ganze Entwicklung haben.»Sabine Brunner, Psychologin

Entscheidend ist, dass man ein Kind von seinen Erlebnissen erzählen lässt und dabei versucht, mit ihm die Ursachen der Angst aufzuspüren. Das kann dann schwierig sein, wenn die Gründe für das Angstgefühl dem Kind selbst unklar sind. Im Gespräch um die verschiedenen Welten kreisend, in denen das Kind im Kindergarten, in der Familie oder mit den Freunden lebt, kann man sich jedoch vorsichtig an die möglichen Auslöser herantasten.

Sollte sich der Eindruck erhärten, dass etwas das Kind bedroht, mit dem man selbst als Erwachsener überfordert ist und nicht zurechtkommt, sollte man die professionelle Hilfe eines Kinderpsychologen in Anspruch nehmen. «Unbewältigte Angst kann Folgen für die ganze Entwicklung haben», warnt Sabine Brunner, «da sich das Kind ohnmächtig fühlt, kein Vertrauen in seine Fähigkeiten entwickelt und ihm dadurch die natürliche Freude am Leben verloren geht.»

Wer überbehütet aufwächst, kann nicht über sich hinauswachsen.

Gefährlich ist auch die Illusion, dass Kinder angstfrei aufwachsen könnten. Wer so überbehütet lebt, dass er keinen Schwierigkeiten und Gefahren begegnet, kann sich nicht messen und nicht über sich hinauswachsen. Eine solch rosa Plüschwelt hilft keinem Kind dabei, stark zu werden, Selbstvertrauen zu gewinnen und mit der für Kinder eigenen Neugier die Umgebung zu erobern.

Die Haltung der Eltern, die überall Gefahr wittern und ihr Kind davor bewahren wollen, wird sich auf die Kinder übertragen. Die Folge sind gerade nicht fröhliche, gelassene und selbständige Kinder, sondern überängstliche kleine Wesen.

Erstellt: 14.02.2019, 20:28 Uhr

Erste Hilfe gegen Ängste


  • Finden Sie heraus, was Angst macht. Werten Sie nicht!

  • Nehmen Sie jede Angst ernst. Grüne Monster sind eine ebenso grosse Bedrohung wie Hunde oder gemeine Mitschüler.

  • Schätzen Sie die Grösse der Angst ein: Wie viel Hilfestellung braucht das Kind?

  • Wie gut kann es mit der Angst selbst fertig-werden?

  • Entwickeln Sie mit dem Kind eine Strategie zur Angstbewältigung.

  • Gerade bei den irrealen Kinderängsten haben Kinder tolle Ideen, was zu tun ist. Nehmen Sie diese unbedingt auf ! So lernt Ihr Kind, dass es selbst stark sein und auf seine Stärke vertrauen kann.

  • Auch wenn die Angst fürs Erste weg ist: Bieten Sie einen Ausweg für den Fall, dass sie wiederkommt. So findet Ihr Kind beim nächsten Mal eher den Mut, allein mit der Angst fertig zu werden.

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