So entwickeln Kinder ein gesundes Verhältnis zum Körper

Altersgerechte Aufklärung ist die Voraussetzung für erfüllende Beziehungen – und Sexualität. Das gilt es zu beachten.

Universum Körper: Kinder erfahren ihn beim Planschen, Hüpfen oder Lachen. Foto: Getty Images

Universum Körper: Kinder erfahren ihn beim Planschen, Hüpfen oder Lachen. Foto: Getty Images

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In Sachen Aufklärung hat sich in den letzten Jahren viel getan. Eltern, Erzieher und Lehrer gehen aufmerksam mit dem Thema um, es gibt zahlreiche hervorragende Aufklärungsbücher für jedes Alter und kaum noch Kinder, die ihr Wissen so wie früher nur bei Altersgenossen aufschnappen. Das ist ein grosser Fortschritt. Gleichzeitig gibt es neue Phänomene, die Eltern und Kinder beschäftigen.

Schon im Kindergarten fallen herabsetzende sexistische Bemerkungen. Auf dem Schulhof und im Freundeskreis kursiert pornografisches Material aus dem Netz. Nachrichten von sexuellen Übergriffen machen Angst. Kein Wunder, dass viel über Gefahren gesprochen wird und wenig darüber, wie man harmonische und erfüllende Beziehungen gestaltet. Denn die sind Voraussetzung für eine entspannte Sexualität. Beziehungen, die ohne Missachtung, Übergriffe und Gewalt auskommen, ohne dass Menschen, die nicht dem medialen Schönheitsklischee entsprechen, herabgesetzt und nicht heterosexuelle Lebensentwürfe diskriminiert werden.

Damit Beziehungen gelingen, brauchen Kinder ein positives Verständnis von sich und ihrer Sexualität und müssen von klein auf zu gegenseitiger Wertschätzung, Achtsamkeit und Selbstverantwortung er mutigt werden. Sexuelle Aufklärung ist viel mehr als nur Reden über Fortpflanzung. Sie beginnt mit der Freude am eigenen Heranwachsen und am Miteinander.

Kinder verstehen gut, dass niemand beleidigt werden will.

Kinder erleben ihren Körper beim Spielen, Laufen, Hüpfen, Lachen, Grimassenschneiden als etwas Wunderbares. Insbesondere für die Kleinen ist er ein einzigartiges Universum, das es zu erforschen gilt – inklusive Nasenlöchern und Popo! Eltern können viel dazu beitragen, dieses positive Körpergefühl zu bewahren, indem sie dafür sorgen, dass sich ihr Kind viel bewegt, und indem sie vermitteln, dass an seinem Körper nichts «schmutzig», «verboten», «gefährlich» oder «hässlich» ist. Jeder Körper ist richtig, so wie er ist, und verdient Respekt. Egal, ob dünn, dick, gehandicapt, jung, alt, weiblich, männlich, schwarz, weiss und alles dazwischen. Weil der Körper Sitz der Seele ist, der Identität oder Persönlichkeit, und weil er mit den Menschen verbindet, die man liebt. Papas Augen, Mamas Nase – und das Lachen, ganz der Opa!

Nein sagen

Kinder, die wissen: «Mein Körper ist wertvoll und wunderbar», sind besser vor sexuellen Übergriffen geschützt, weil sie sich gegebenenfalls zur Wehr setzen und laut und selbstbewusst Nein sagen werden. Sie können sich auch besser gegenüber abfälligen Bemerkungen und fragwürdigen Schönheitsidealen abgrenzen, weil sie wissen: Schön ist ein Körper, der den Menschen, der in ihm wohnt, befähigt, sein Leben zu meistern und sich und andere glücklich zu machen.

«Weisst du eigentlich, was du da Schlimmes sagst?»So könnte die Reaktion auf Beleidigungen unter Kindern klingen

Was diese anderen angeht, braucht es von klein auf die Botschaft: «Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem anderen zu.» Das gilt für jeden Lebensbereich, für jedes Geschlecht und jedes Alter. Übertragen auf die Kinderwelt bedeutet das: «Wenn ein anderer etwas nicht (mehr) lustig findet, heisst das ‹Stopp!› für dich. Wenn du etwas nicht (mehr) lustig findest, heisst das ‹Stopp!› für den anderen.» Das Konzept gegenseitiger Absprache und Zustimmung hat zunächst wenig mit Sexualität zu tun, und doch ist es entscheidend, damit nicht nur Freundschaften, sondern später auch Liebesbeziehungen gelingen.

Keine Moralkeule

Natürlich lassen Schulkinder untereinander auch gern mal ihre verbalen Muskeln spielen und werfen mit drastischen, sexuell aufgeladenen Ausdrücken um sich. Sie wollen zeigen, wie gross sie schon sind und was sie sich alles trauen. Unausgesprochen wollen sie aber immer auch wissen, was die Erwachsenen davon halten. Hier ist eine klare Haltung gefragt. Solange kein einzelnes Kind attackiert wird, reicht ein «Könnt ihr euch woanders so unterhalten? Ich will das nicht hören». Sonst muss man über die unangebrachte Ausdrucksweise sprechen. Dies, möglichst ohne die Moralkeule zu schwingen à la «Weisst du eigentlich, was du da Schlimmes sagst?».

Genau das wissen Kinder in aller Regel nicht. Was sie hingegen gut verstehen, ist, dass niemand gern beleidigt wird, sie selbst eingeschlossen. Am besten, man appelliert an Fairness und Mitgefühl, ohne den Vorfall in einen Zusammenhang mit sexueller Gewalt zu stellen. Das wäre entschieden zu hoch gegriffen. Ein klares, liebevolles Feedback hilft viel besser, zu verstehen, was schiefgelaufen ist und wie man es anders und besser machen kann. Das stärkt die Selbstverantwortung und das Selbstwertgefühl, und je besser diese ausgebildet sind, desto besser ist die spätere Beziehungs- und Liebesfähigkeit. Bei gut aufgeklärten Kindern ist diese Phase der drastischen Ausdrücke im Übrigen bald vorüber.

Sachliche Ausdrucksweise

Interessanterweise sind Kinder, welche die richtigen Bezeichnungen und Funktionen der einzelnen Geschlechtsteile kennen, später weniger gefährdet, sich Informationen über fragwürdige Internetseiten zu besorgen. Anfangs haben sie natürlich ihre eigenen Worte, manche kreieren sogar selbst welche, aber das ist völlig in Ordnung. Schliesslich haben die Erwachsenen ja auch ihre «komischen» lateinischen Begriffe für die Geschlechtsteile. Bei diesen sollten sie bleiben. Und auch Hand oder Fuss werden ja nicht verniedlicht, nur um ihre Funktion schamhaft zu verschleiern. Eine sachliche Ausdrucksweise hilft Missverständnisse zu vermeiden und trägt nicht zuletzt dazu bei, dass Kinder später einmal in ihren Paarbeziehungen die richtigen Worte finden, um Wünsche und Fragen zu formulieren.


«Das Kind muss erfahren, wer es ist»

Interview Die Sexualpädagogin Esther Elisabeth Schütz sagt, was Eltern zum Thema Aufklärung wissen sollten.

Frau Schütz, ein wesentlicher Punkt der Aufklärung ist der Schutz des Kindes. Da schwingt jedoch immer auch mit, dass Sexualität potenziell gefährlich ist. Wie können Eltern aufklären, ohne Angst zu machen?
Eltern, Lehrer, die Gesellschaft wollen Kinder schützen. Das ist ihre Aufgabe. Doch bevor ein Kind sich schützen kann, muss es erfahren, wer es ist. Im Kern zielt die Aufklärungsarbeit darauf ab, dass Kinder einen positiven Zugang zu ihrem Körper und Geschlecht entwickeln und sich in ihrem ganzen Selbst wertschätzen. Im Sinne von «Du bist dein Körper», nicht von «Dein Körper gehört dir». Denn das impliziert, dass er einem auch nicht gehören könnte.

Kinder kommen immer früher in Kontakt mit teils sehr expliziten sexuellen Darstellungen. Wie können Eltern darauf reagieren?
Nicht nur im Supermarkt, auch im Bereich der Sexualität hat das Angebot zugenommen. Das mögen manche beklagen, aber besser ist es, sich gründlich darüber zu informieren, was beispielsweise in den sozialen Netzwerken kursiert. Wichtig ist, die Eigenwahrnehmung und die Entscheidungskompetenz seines Kindes zu stärken – und eine gute, vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Dann haben Kinder in der Regel keine Scheu, das Gespräch zu suchen, wenn sie sexuellen Inhalten begegnen, die sie irritieren.

«Wichtig ist, dass das Kind nicht verängstigt, sondern gestärkt wird.»

Ältere Kinder teilen sich aber nicht mehr so ohne weiteres mit. Was macht man da?
Sexualität ist ein hoher Motivator, zu einer eigenständigen Persönlichkeit heranzuwachsen. Dazu gehört, den Eltern nicht mehr alles zu sagen. Trotzdem können Eltern das Gespräch aufnehmen, indem sie einen allgemeinen Zugang nutzen – etwa eigene Erinnerungen – und fragen: «Bei uns war das so, wie ist das heute bei euch?»

Aber manchmal sind Eltern ja auch ganz konkret in Sorge.
Dann spricht man am besten über seine Gefühle in dem Sinn: «Wenn du allein oder mit Freunden unterwegs bist, kann ich dich nicht schützen, deshalb ist es mir wichtig, zu wissen, wie du das tust.» Zentral ist, dass Eltern den Fähigkeiten ihres Kindes vertrauen. Was auch immer Eltern erzählen, wichtig ist, dass das Kind nicht verängstigt, sondern gestärkt wird.

Wenn man über etwas so Intimes wie Sexualität spricht, fliessen immer auch eigene Wertungen, vielleicht sogar Vorurteile ein. Ist das ein Problem?
Grundsätzlich geben Wertungen Sicherheit, wenn es nicht um extreme Sichtweisen geht und Eltern dem Kind mitgeben, dass es als zukünftig erwachsene Person selbst entscheiden wird, welche Normen für es zentral sind. Man kann seinem Kind vermitteln: «Ich sehe das so, aber du wirst für dich herausfinden, wie es für dich ist.» Dies eröffnet die Möglichkeit, mit dem Kind im Dialog zu bleiben.

Esther Elisabeth Schütz, 70, ist Sexualpädagogin und -therapeutin. Sie leitet das Institut für Sexualpädagogik und -therapie in Uster ZH und ist Autorin des Aufklärungsbuches «Körper und Sexualität», Orell Füssli Verlag, 36 Franken.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 27.07.2019, 18:52 Uhr

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